Die Trennung von Kehl könnte erst der Anfang gewesen sein
Sein letzter öffentlicher Auftritt im Dienst von Borussia Dortmund war ein kämpferischer. „Wir haben jetzt einen Punkteschnitt von 2,3 pro Spiel. In unseren Meisterjahren 2011 und 2012 hatten wir zu diesem Zeitpunkt der Saison 62 Punkte – aktuell stehen wir bei 61 Punkten. Das zeigt, dass diese Mannschaft einen richtig guten Job macht, dass sie funktioniert“, sagte Sebastian Kehl am Samstag nach dem 3:2 (0:2) über den HSV – dem 18. Dortmunder Saisonsieg.
Die Botschaft, die der Sportdirektor damit loswerden wollte, war klar: Er wird ein bestelltes Feld hinterlassen. Der BVB ist als Tabellenzweiter mit elf Punkten Vorsprung auf die drei Verfolger aus Leipzig, Stuttgart und Hoffenheim auf bestem Weg, sich erneut für die Champions League zu qualifizieren.
Zu diesem Zeitpunkt wusste Kehl bereits, was am Tag darauf verkündet werden sollte: Im beidseitigen Einvernehmen wurde die Zusammenarbeit zwischen dem früheren BVB-Nationalspieler und dem Klub, für den Kehl seit 2022 als Sportdirektor tätig war, beendet.
Kehl bekomme die Möglichkeit, sich neu zu orientieren, teilte der BVB mit
„In einem sehr offenen Gespräch sind Sebastian Kehl, Carsten Cramer und ich zu der gemeinsamen Überzeugung gelangt, dass im Sommer der richtige Zeitpunkt für Veränderungen gekommen ist“, wird Dortmunds Sport-Geschäftsführer Lars Ricken zitiert. Um dem Verein Zeit zu geben, sich neu aufzustellen und Kehl die Möglichkeit zu verschaffen, sich neu zu orientieren, „haben wir uns einvernehmlich auf eine sofortige Beendigung verständigt“, so Ricken.
Für den BVB ist das eine Zäsur. Kehl hatte in den vergangenen Jahren maßgeblichen Einfluss auf die Zusammenstellung der Mannschaft gehabt. Jenes Team, das 2023 erst am letzten Spieltag die Deutsche Meisterschaft verspielt hatte und das ein Jahr darauf bis ins Finale der Champions League vorgestoßen war, das mit 0:2 gegen Real Madrid verloren ging.
2024 war ohnehin das Schicksalsjahr in der insgesamt 24-jährigen Zusammenarbeit zwischen dem langjährigen Ex-Spieler Kehl und dem BVB. Im Mai hatte der ehemalige BVB-Boss Hans-Joachim Watzke im Zuge der geplanten Neuordnung an der Spitze den langjährigen Nachwuchschef Ricken zum neuen Geschäftsführer Sport ernannt – einen Posten, auf den sich zuvor Kehl berechtigte Hoffnungen gemacht hatte. Bereits damals war spekuliert worden, dass Kehl Borussia Dortmund verlassen könnte. Doch er blieb an Bord und verlängerte sogar seinen Vertrag als Sportdirektor.
Vertrauensvoll war die Zusammenarbeit zwischen ihm, Ricken und Watzke, der sich im November 2025 endgültig aus der Geschäftsführung zurückzog, danach allerdings nicht mehr wirklich. Auch der einflussreiche externe Berater Matthias Sammer zählte nicht gerade zu den Fürsprechern Kehls.
Der 46-Jährige musste weitere Kröten schlucken: Watzke holte auch den früheren Chefscout Sven Mislintat als Technischen Direktor nach Dortmund zurück. Die beiden mochten sich nie. Zwar musste Mislintat nach nur sieben äußerst kontroversen Monaten im Februar 2025 wieder gehen – doch das Misstrauen blieb.
Die Anzahl von Kehls Transfer-Flops war überschaubar
Nachdem im vergangenen November dann Cramer zum neuen Sprecher der Geschäftsführung ernannt wurde, schien endgültig klar, dass die Halbwertzeit von Kehl begrenzt war. Cramer plädierte öffentlich für eine innovative Transferpolitik, was viele als indirekte Kritik an von Kehl verstanden.
„Wir machen vieles richtig, aber wir können noch besser werden“, sagte Cramer im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Der BVB müsse wieder sein Profil als Ausbildungsverein für Talente schärfen. „Früher waren wir im Kampf um Top-Talente vielleicht einer von zwei oder drei Vereinen, mittlerweile ist dies ein Geschäftsmodell von vielen geworden. Wir müssen schneller sein, wacher sein und noch ambitionierter werden“, so Cramer.
Die Arbeit eines Sportdirektors wird traditionell an Transfers gemessen. In den knapp vier Jahren von Kehl kamen eine Reihe von Profis, die sich zu Stamm- und Nationalspielern entwickelten: Sébastien Haller, Karim Adeyemi, Nico Schlotterbeck, Felix Nmecha, Marcel Sabitzer, Niclas Füllkrug, Maximilian Beier, Waldemar Anton, Serhou Guirassy, Jobe Bellingham und Fabio Silva.
Es gab auch eine überschaubare Anzahl von Flops wie Niklas Süle. In Kehls Zeit fielen auch namhafte Abgänge, die dem BVB gutes Geld einbrachten: Erling Haaland ging für 60 Millionen Euro Ablöse zu Manchester City, Jude Bellingham für 127 Millionen zu Real Madrid, Füllkrug zu West Ham (27 Millionen) und Jamie Gittens zu Chelsea (56 Millionen). Die Einnahmen trugen dazu bei, den BVB wirtschaftlich stabil zu halten.
„Die Trennung von Sebastian Kehl bedeutet natürlich einen Einschnitt in unserer sportlichen Führungsebene“, erklärte Cramer. Es ist nicht gesagt, dass dies die letzte Maßnahme dieser Art sein wird. Denn auch über die Rolle von Ricken wird nach Informationen von WELT nachgedacht. Über dessen Zukunft entscheidet laut Satzung der Präsidialausschuss. Und in dem hat Watzke, mittlerweile Präsident des eingetragenen Vereins, eine entscheidende Stimme. Ab Juli, wenn Ricken in sein letztes Vertragsjahr geht, kann Watzke eine Empfehlung aussprechen. Die Gerüchte, der Frankfurter Sportvorstand Markus Krösche könnte ein Kandidat für die Ricken-Nachfolge sein, halten sich hartnäckig.
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Entscheidend, ob Watzke den Daumen über Ricken heben oder senken wird, dürften die Umsetzungen der Planungen für die kommende Saison sein. Auf diesem Weg waren Ricken und Kehl schon ein gutes Stück vorangekommen. So wurde bereits erklärt, dass die auslaufenden Verträge von Julian Brandt, Salih Öczan und Süle nicht verlängert werden. Kapitän Emre Can erhielt dagegen einen neuen Kontrakt zu deutlich reduzierten Bezügen. Mit dem Brasilianer Kaua Prates (18) und dem Ecuadorianer Justin Lerma (18) wurden zwei Talente verpflichtet.
Die wesentlichen Weichenstellungen müssen jedoch noch folgen. Allen voran steht die Entscheidung über die Zukunft von Schlotterbeck. In die Gespräche über eine vorzeitige Verlängerung mit dem Nationalspieler, der noch bis 2027 unter Vertrag steht, war bislang vor allem Kehl involviert. Nun muss Ricken sie allein finalisieren.
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