Italien einmal mehr am Abgrund
Vor den mit Spannung und Angst erwarteten Play-offs gibt sich Gennaro Gattuso betont entspannt und selbstbewusst. „Jeder weiß, was für uns auf dem Spiel steht und wie wichtig dieses Spiel für uns ist. Wir tun, was wir tun müssen, mit großer Gelassenheit“, sagte der italienische Nationaltrainer und Weltmeister von 2006 vor dem Halbfinal-Showdown gegen Nordirland am Donnerstag.
Italien droht zum dritten Mal nacheinander die WM-Endrunde zu verpassen. 48 Mannschaften beim Mega-Event in den USA, Kanada und Mexiko und die Squadra Azzurra ist nicht dabei? Für die stolze Fußball-Nation wäre das eine sportliche Katastrophe.
In der Qualifikation ließen seine Spieler Gattuso im Regen stehenGattuso weiß das natürlich. Und vielleicht redet der 48-Jährige genau deshalb sein Team stark. „Diese Spieler sind keine Anfänger. Sie haben viel gewonnen, sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft“, sagte er im Trainingslager in Florenz. „Ich glaube fest an diese Mannschaft. Wir haben eine große Chance, und wir wollen keine Ausreden.“
Schlechte Erfahrungen mit Play-offs
Die wollen die italienischen Fans auch nicht. Unter vielen Anhängern ist die Stimmung skeptisch und angespannt. Schon in der Gruppenphase sahen sich die Nationalspieler mehrmals heftigen Unmutsbekundungen ausgesetzt.
Beim späten 2:0-Sieg in der Republik Moldau sprach Gattuso in diesem Zusammenhang noch von einer Schande, nach der demütigenden 1:4-Niederlage zum Abschluss gegen Gruppensieger Norwegen bat er um Verzeihung. Der frühere Mittelfeld-Anführer verantwortet seit dem vergangenen Sommer eine Auswahl, die schon länger im Tief steckt.
„Im Sport dreht sich alles um Zyklen, aber dieser im Fußball dauert schon viel zu lange“, sagte Italiens Sportminister Andrea Abodi jüngst. Eine ganze Generation italienischer Kinder hat keine Erinnerungen an ein WM-Spiel ihrer Nationalmannschaft.
Italien war letztmals 2014 bei einer Weltmeisterschaft
„Für Generationen von Italienern war die Weltmeisterschaft die Zeit, in der das Land zusammenkam und unsere Flagge schwenkte“, sagte Abodi der Zeitung „La Stampa“ und ergänzte: „Unser Nationalgefühl geht heute über den Fußball hinaus, aber es wäre trotzdem schön, diese Emotionen mit jüngeren Fans zu teilen.“
Die bis dato letzte Partie der Italiener bei einer WM-Endrunde war das 0:1 gegen Uruguay am 24. Juni 2014 in Brasilien. Der viermalige Weltmeister schied in der Gruppenphase aus. 2018 scheiterte die Squadra Azzurra in den Play-offs der Qualifikation an Schweden (0:1, 0:0). Vier Jahre später bedeutete eine Niederlage gegen Nordmazedonien (0:1) im Halbfinale der Play-offs das Ende aller WM-Träume.
Lang ist es her – Italien verliert 2014 gegen Uruguay und scheidet in der WM-Vorrunde ausDer Negativtrend, der durch den überraschenden Titel bei der Europameisterschaft 2021 kurz unterbrochen wurde, hat in Italien Diskussionen angestoßen, die weit über die Nationalmannschaft hinausgehen. Mit einem neuen Nachwuchskonzept will Verbandspräsident Gabriele Gravina den italienischen Fußball nach vorne bringen.
Wales oder Bosnien-Herzegowina wären der Finalgegner
Aus seiner Sicht werde bislang zu viel Wert auf Taktik gelegt. Man müsse sich von defensiven Herangehensweisen lösen, bei denen das „Gewinnen um jeden Preis“ im Vordergrund steht, erklärte er. Kurzfristig hilft das jedoch natürlich nicht und auch Gravina würde wohl auch Erfolge in den Play-offs gerne nehmen, die nicht schön herausgespielt sind.
Setzen sich die Italiener an diesem Donnerstag in Bergamo gegen Nordirland durch (20.45 Uhr/DAZN und im WELT-Liveticker), heißt der Gegner im Finale am kommenden Dienstag entweder Wales oder Bosnien-Herzegowina. Gegen Nordirland hat Italien seit 1958 nicht mehr verloren. Sechs Siege und zwei Unentschieden gab es seitdem. In den jüngsten sieben Partien davon blieb Italien ohne Gegentor.
Klappt es mit der Qualifikation, trifft das Gattuso-Team bei der WM in Gruppe B auf Kanada, Katar und die Schweiz.
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