„Die WM gewinnt man nicht in vier Wochen, sondern über Jahre“
Joachim Löw war von 2006 bis 2021 Bundestrainer. 2014 holte er mit Deutschland in Brasilien den Titel bei der Weltmeisterschaft. Der 66-Jährige blickt zuversichtlich auf die WM im kommenden Sommer.
Frage: Herr Löw, im Kader Ihrer WM von 2014 standen sieben Spieler des FC Bayern. Diese bildeten einen entscheidenden Kern, alle sieben Spieler standen auch im Finale in Rio auf dem Platz. Julian Nagelsmann nominierte vor den anstehenden Tests gegen die Schweiz und Ghana für seinen ursprünglichen Kader ebenfalls sieben Bayern. Wie wichtig ist ein solcher Block?
Joachim Löw: Zunächst mal schaut der Nationaltrainer auf einzelne Positionen. Dafür ist wichtig: Wir haben eine Haltung im Spiel, unsere Idee des Spiels, und wer erfüllt diese Aufgaben auf der jeweiligen Position am besten? Deswegen spielt es mal nicht die entscheidende Rolle, in welchem Klub der Spieler ist, sondern was für eine Qualität bringt er mit. Es hat jedoch Gründe, warum ein Spieler in so einer erfolgreichen Mannschaft wie Bayern München spielt. Ein Spieler, der sich dort durchsetzt, hat automatisch Qualität und ist daher für die Nationalmannschaft wertvoll. Auch, weil er weiß, wie Titelgewinnen geht.
Zwei von vielen Bayern-Profis für die Nationalmannschaft: Joshua Kimmich (l.) und Serge GnabryFrage: Ihre Weltmeister haben sich unter Ihnen als Bundestrainer über Jahre hinweg als Mannschaft eingespielt. Eine Erfahrung, die das aktuelle Team nicht vorzuweisen hat. Hilft es da erst recht, wenn Spieler im eigenen Klub aufeinander eingespielt sind?
Löw: Die Weltmeisterschaft gewinnt man nicht in vier Wochen, man gewinnt sie über ein paar Jahre und über eine Entwicklung einer Mannschaft. Das ist das Wichtigste. Wenn jetzt viele Spieler aus einem Klub stammen, der über die letzten Jahre erfolgreich war, ist das für das Turnier natürlich ein kleiner Vorteil, den man nutzen kann. Die Spieler kennen sich sehr gut, bringen logischerweise gewisse Automatismen mit. In unserem Weltmeister-Team 2014 waren natürlich auch viele Münchner. Entscheidender aber war: Unsere Mannschaft bei der WM 2014 konnte sich über Jahre hinweg einspielen, hatte im Grunde im Kern 2008/2009 bei der U21 gespielt und in der A-Nationalmannschaft seit 2010 klare Entwicklungsschritte gemacht. Es braucht manchmal vier, fünf Jahre, um einfach auch so reif zu sein, so gut zu sein, so eingespielt zu sein, damit man einen riesigen Erfolg erreicht und große Titel gewinnt.
Frage: Das würde gegen eine erfolgreiche WM für Deutschland sprechen.
Löw: Unsere Nationalmannschaft war jetzt die vergangenen zwei Jahre nicht die allerstabilste. Aber: Wir können gegen jeden gewinnen. Vielleicht ist es gerade unter diesem Aspekt gut, dass so viele Bayern dabei sind, die in ihrem Verein sehr erfolgreich sind und gewisse Stabilität haben.
Frage: Leon Goretzka ist beim FC Bayern kein Stammspieler, bringt jedoch viel Erfahrung und die von Ihnen angeführte Stabilität mit. Sehen Sie seine Nominierung als gerechtfertigt an?
Löw: Ja, seine Nominierung verstehe ich. Leon ist gut, er ist ein Spieler, von dem man Stabilität erwarten darf. Er hat Erfahrung, kann seine Rolle sehr gut interpretieren. Wenn man die ganze Saison zusammennimmt, hatte er schon viele Einsätze und viele Spielminuten. Das ist okay, ich glaube, das reicht so. Und das vielleicht Wichtigste: Auf den Leon ist Verlass. Pavlovic ist auch sehr gut, keine Frage. Und gerade bei Bayern braucht man eben Spieler, die dann auch gleichwertig ersetzt werden können. Auf Leon würde ich bei der WM sicherlich setzen, absolut.
Leon Goretzka hat bei Bayern keinen Stammplatz, ist in der Nationalelf dennoch gesetzt und fast sicher beider WM dabeiFrage: Würden Sie Aleksandar Pavlovic in seiner Rolle mit Ihrem Weltmeister Bastian Schweinsteiger vergleichen?
Löw: Man kann sicherlich gewisse Parallelen ziehen. Er ist ein intelligenter Spieler. Spieler müssen Situationen antizipieren, bevor sie eigentlich entstehen, und darin ist Pavlovic sehr gut. Wenn er den Ball bekommt, hat er eine Lösung. Er ist ballsicher, hat die Orientierung, auch wenn er unter Druck ist. Genau das macht Pavlovic so wertvoll. Er ist daher völlig zu Recht bei Bayern wie auch in der Nationalmannschaft dabei.
Frage: Wie gefällt Ihnen denn der junge Lennart Karl, der jetzt erstmals bei der Nationalmannschaft dabei ist?
Löw: Richtig gut. Er hat ausgezeichnete Anlagen und Voraussetzungen. Bei Bayern ist das sehr erfreulich, weil Vincent Kompany ihn richtig fördert. Das war bei Bayern auch nicht immer normal. Ein Trainer muss dort gewinnen, muss erfolgreich sein und Titel holen. Er macht das sehr geschickt, wie er die jungen Spieler bringt und entwickelt. Das finde ich klasse. Wenn junge Spieler wie Karl dieses Vertrauen spüren, sind sie motiviert und können leichter integriert werden.
Frage: Der DFB-Kapitän ist mit Joshua Kimmich ebenfalls ein Bayer. Auch Sie haben Ihren Kapitän Philipp Lahm bei der WM 2014 mal im zentralen Mittelfeld, dann wieder als Rechtsverteidiger aufgestellt. Auf welcher Position gefällt Ihnen Kimmich am besten?
Löw: Das hängt auch manchmal von der Gesamtkonstellation ab. Ich glaube, dass Joshua aktuell auf jeder der beiden Positionen auf Weltklasse-Niveau spielt. Momentan würde ich sagen: Da wir im zentralen Mittelfeld Spieler haben, die das Niveau haben, um ganz nach oben zu kommen, ist Joshua rechts auf der richtigen Position. Denn bei den Rechtsverteidigern tun wir uns schwer.
Frage: Mit Jonas Urbig ist der Ersatz-Torhüter des FC Bayern im DFB-Kader. Wie sehen Sie diese Nominierung?
Löw: Ich kenne Urbigs Qualität zu wenig und bin nicht ständig im Austausch mit Torhüter-Trainern, um das umfassend zu beurteilen. Was ich sehe, ist, dass er es für sein Alter beim FC Bayern sehr ordentlich macht. Urbig spielt dort unter größtem Druck, auch im letzten Jahr schon in der Champions League, in wichtigen Spielen um die Meisterschaft. Er hat eine wirklich gute Ausstrahlung. Den dritten Torhüter kann ich so nominieren, weil der eine gute Perspektive hat.
Frage: In der Offensive scheinen aktuell neben Bayerns Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz drei von vier Positionen besetzt. Sehen Sie Serge Gnabry im Duell mit Leroy Sané, der bei Galatasaray in der Champions League zuletzt auf der Bank saß, vorn?
Löw: Das zu bewerten, steht mir nicht zu. Dass Serge Gnabry, wenn er gesund ist und Rhythmus hat, immer ein Spieler ist, der wirklich großartig ist, ist aber kein Geheimnis. Er kann Tore machen, ist schnell, technisch gut und ein wertvoller Kombinationsspieler. Leroy hat auch außergewöhnliche Fähigkeiten. Zusammen mit Wirtz, Musiala und vielleicht Havertz haben wir in der Offensive herausragende Möglichkeiten. Spieler mit ein bisschen unterschiedlichen Profilen im Kader zu haben, ist gut und für ein Turnier logischerweise auch wichtig. Wer geht schon ins erste Spiel und spielt dann mit der Mannschaft durch? Wenn ich die WM gewinnen will, benötige ich Alternativen. In Brasilien 2014 haben wir Spieler gehabt, die stark waren, die haben begonnen. Und wir hatten Spieler wie André Schürrle, die ins Spiel kamen und es dann entschieden. Es gibt eben eine gewisse Rollenverteilung während eines Turniers.
Frage: In der Innenverteidigung deutet sich ein Dreikampf um die beiden Plätze an. Sehen Sie den Münchner Jonathan Tah seinen Konkurrenten Antonio Rüdiger und Nico Schlotterbeck gegenüber als gesetzten Abwehrchef?
Löw: Ich denke, dass Jona die anderen beiden sehr gut ergänzt. Neben Rüdiger oder Schlotterbeck, die beide sehr zweikampfstark sind und offensiv in die Zweikämpfe reingehen, ist er ein ruhender Pol. Jona hat lange Erfahrung gesammelt, seit er bei uns 2016 für Rüdiger bei der EM dabei war. Er war am Anfang seiner Karriere schon gut, aber manchmal auch fehlerhaft. Er hat sich nun über die Jahre hinweg immer ein kleines Stück verbessert. Seit ein, zwei Jahren ist Jona einer der allerbesten Innenverteidiger, die man sich vorstellen kann. Er ist im Spielaufbau und der Spieleröffnung sehr gut geworden. Mit seiner Abgeklärtheit, mit seiner Ruhe, mit seiner Zweikampfstärke ist er wahnsinnig wichtig für das Team.
Frage: Dem WM-Sieg 2014 ging der Champions-League-Sieg der Bayern 2013 voraus. Wie wertvoll wäre ein Triumph der Bayern in der Königsklasse?
Löw: Ein Champions-League-Sieg des FC Bayern wäre für Deutschland wie die Nationalmannschaft natürlich schön und eine ideale Konstellation. So etwas gibt jedem Spieler immenses Selbstbewusstsein kurz vor so einem großen Turnier.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) geführt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
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