„Dann sagte der Polizist zu mir: ,Da hinten ist Deutschland‘“
Im Sommerurlaub 1973 spross er zum ersten Mal: der berühmteste Schnurrbart Deutschlands. In der „Sport Bild“ verrät Heiner Brand, warum er in jenem Sommer seinen Look änderte: „Ich hatte im Jahr davor die Olympischen Spiele in München verfolgt und den Schwimmer Mark Spitz mit seinem dunklen Schnauzbart wahrgenommen. Er hat mich inspiriert. Aber ich habe nie daran gedacht, dass das mal mein Markenzeichen wird.“
Von wegen. Noch heute haben die Handball-Legende und ihr Schnurrbart einen höheren Bekanntheitsgrad als alle aktuellen Nationalspieler. Und das liegt sicher nicht allein an Äußerlichkeiten. Der 73 Jahre alte Brand ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Er ist der einzige Handballer, der als Spieler (1978) und Trainer (2007) Weltmeister geworden ist, zudem auch Europameister (2004).
Auf Händen getragen: Brand wird nach dem WM-Titel 2007 von seiner Mannschaft gefeiert„Sport Bild“ hat das bekannteste Gesicht des deutschen Handballs in Gummersbach besucht. Jener Ort, in dem Brand immer gelebt hat. „Gummersbach ist meine Heimat, hier hab’ ich meinen Freundeskreis. Mit einigen hab’ ich schon als Schüler zusammen Handball gespielt.“
Nur für sein Studium hat er sich mal ein halbes Jahr lang mit einem Freund in Köln eine Wohnung geteilt, ist zum Training und zu Spielen aber regelmäßig in seine Geburtsstadt zurückgefahren. „Als wir heiraten mussten, bin ich wieder nach Gummersbach gezogen.“ Damals war Sohn Markus unterwegs. Mit seiner Frau Christel ist er seit 1975 verheiratet, sie haben auch noch eine Tochter, Julia.
Brand spielte gegen Kinder, die sieben Jahre älter waren
Während beide Kinder mit dem Sport eher wenig am Hut haben, hatte Brand gar keine andere Wahl, als Handballer zu werden. Sein Vater Erwin, genannt „Cherry“, hat den Handball nach dem Zweiten Weltkrieg in Gummersbach aufgebaut. „Als die erste Halle errichtet worden ist, war ich sechs“, sagt Brand, „da gab es noch gar keine Einteilung in E-, D-, C-, B- oder A-Jugend. Ich habe mit Jungs zusammengespielt, die sechs, sieben Jahre älter waren. Ich bin nur vor- und zurückgelaufen und wusste gar nicht, wohin. Den Ball hab’ ich nur manchmal aus Höflichkeit bekommen. Ich hab’ mir damals auch jedes Feldhandballspiel angeguckt und so schon ein gewisses Verständnis für Handball bekommen.“
Ab 1971 spielt er für die erste Mannschaft des VfL Gummersbach. Teils am Kreis, meistens auf Rückraum Mitte als Regisseur – und Erfolgsgarant. Seine Bilanz als Spieler ist atemberaubend: Mit ihm wird der VfL sechsmal Deutscher Meister (1973, 1974, 1975, 1976, 1982 und 1983) und holt viermal den DHB-Pokal (1977, 1978, 1982 und 1983); zudem wird er Europapokalsieger der Pokalsieger 1978 und 1979, Europapokalsieger der Landesmeister 1974 und 1983, Supercupgewinner 1979 und 1983 sowie IHF-Pokalsieger 1982. Für Deutschland spielt er 130-mal, erzielt 222 Tore. „Für mich“, sagt Stefan Kretzschmar, „ist Heiner einer der Größten aller Zeiten.“
Länderspiel im Jahr 1978 – Brand muss von zwei Dänen gestoppt werdenDie Handball-Ikone hat unter Brand in Gummersbach und später auch in der Nationalmannschaft gespielt. Brand wird nach seinem ersten Karriereende als Aktiver 1984 Co-Trainer – in Gummersbach natürlich. Von 1987 bis 1991 und 1994 bis 1996 wird er Chef, holt auch in der Funktion drei deutsche Meisterschaften.
Normalerweise müsste ihm Gummersbach ein Denkmal errichten, stattdessen wird der berühmteste Sohn der Stadt zwischenzeitlich behandelt wie ein Stiefkind. Brand: „Ich hatte immer den Eindruck, dass nicht wahrgenommen wird, was ich für den VfL geleistet habe. Ich war mehr als nur Spieler. Ich bin hier aufgewachsen, habe die Mannschaft zusammengehalten. Als ich 1984 aufgehört habe, war ich plötzlich Co-Trainer – drei Jahre lang, ohne einen Cent dafür zu kriegen. Das hat niemand registriert. Ein halbes Jahr habe ich 1987 noch mal kostenlos als Spieler ausgeholfen. Als es dann eine Saisonabschlussfahrt für die Mannschaft gab, bin ich noch nicht einmal gefragt worden, ob ich mitwill. Darüber habe ich mich geärgert.“
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Wenn man mit Brand die sieben Minuten von seinem Haus zur aktuellen Gummersbacher Heimstätte, der Schwalbe-Arena, spaziert, ist davon nichts mehr zu spüren. Alle paar Meter muss Brand anhalten für Selfies, Autogramme – oder, um einem Jungen zu dessen zehntem Geburtstag zu gratulieren. Fehlt nur noch, dass die Gummersbacher ihm ihre Kinder entgegenhalten, damit er sie segnet. „Mittlerweile zeigt die neue Generation Respekt mir gegenüber“, stellt Brand fest.
Als Brand das Rauchen im Mannschaftsbus verbot
Neben seinen sportlichen Qualitäten ist Brand auch menschlich eine Ausnahmeerscheinung. Kretzschmar schwärmt: „Wenn er in den Raum kommt, strahlt es. Er ist der Auserwählte seiner Sportart. Heiner ist menschlich unantastbar, ein feiner Mensch.“
Dabei hatte Kretzschmar anfangs seine Probleme mit ihm: der Rotzlöffel aus Berlin und der konservative Oberbergische – da prallten Welten heftig aufeinander. Der damalige Linksaußen erinnert sich: „Im Mannschaftsbus war damals das Rauchen erlaubt. Irgendwann platzte Heiner der Kragen, und er hat mal so richtig durchgegriffen. Er sagte: ,Ab sofort ist das Rauchen nur noch auf der Rückfahrt erlaubt!‘“
Nicht immer einer Meinung: Stefan Kretschmar (r.) und Coach BrandSeit 2013 heißt der Platz vor der Schwalbe-Arena „Heiner-Brand-Platz“. Eine Ehre, die sonst meist Verstorbenen zuteilwird. Wenn Brand über seinen eigenen Platz schreitet, um sich den VfL anzuschauen, sei das „schon ein besonderes Gefühl. Das ist besser, als wenn man tot ist.“
Zum Glück ist Brand noch top in Form. Auch wenn er sich nie wirklich geschont hat – weder als Spieler noch als Trainer. Besonders beanspruchend waren seine zwei Jahre als Trainer der SG Wallau/Massenheim. Von 1992 bis 1994 war er dort unter Vertrag, wurde Deutscher Meister und Pokalsieger, blieb aber dennoch in Gummersbach wohnen.
Ein Mars als frühes Abenessen
Brand: „Wallau war sportlich für mich interessant. Das war mit die beste Vereinsmannschaft, die ich trainiert habe. Wenn ich mit Bodo Ströhmann (Wallau-Boss; d. Red.) einen trinken musste, hatte ich ein Zimmer dort zum Übernachten. Morgens früh war ich hier in Gummersbach in meinem Büro. Gegen halb vier bin ich dann die knapp 200 Kilometer gefahren. Nach dem Training bin ich erst zur Tankstelle gefahren, hab’ vollgetankt und mir ein Mars gekauft – das war mein frühes Abendessen.“
Seine Frau Christel erinnert sich: „Gegen 23 Uhr war er wieder zu Hause. Dann hab’ ich ihm ein paar Brote geschmiert, zu Abend gegessen – und dann sind wir ins Bett.“ Brand gibt zu: „Das war grenzwertig. Freunde haben mir später gesagt, dass ich damals sehr angegriffen ausgesehen habe.“
Dagegen waren seine 14 Jahre als Bundestrainer von 1997 bis 2011 fast ein Klacks, aber nicht minder erfolgreich. Nach dem EM-Titel 2004 in Slowenien war der Bart übrigens zum letzten Mal ab. In einem Barbershop in Ljubljana durfte jeder Nationalspieler mal schnippeln.
Die erste Rasur war dagegen schon im anfangs erwähnten Jahr 1973 fällig. Brand war mit der B-Nationalmannschaft (eine U21 gab es damals noch nicht) im Zug zu einem Länderspiel in der Tschechoslowakei unterwegs.
Brand: „An der Grenze kamen Kontrolleure in den Zug, im Reisepass war noch ein Foto von mir ohne Schnäuzer, im Visum war eins mit Schnäuzer. Daraufhin sagten sie zu mir: ,Das sind Sie ja gar nicht.‘ Zwei Kollegen ging es genauso. Da mussten wir aussteigen, und unsere DHB-Delegationsleitung ist ohne uns weitergefahren. Wir haben dann die ganze Nacht im Grenzbahnhof in Cheb in einem angeschlossenen Raum bis zum Morgengrauen gesessen. Morgens kam dann ein Polizist und sagte: Mitkommen! Wir wurden in einen Bus gesteckt, in dem nur Blaumänner saßen. Die sind dann nach und nach bei den Fabriken ausgestiegen, uns haben sie bis an die Pkw-Grenzstation gefahren und wollten noch Geld für die Busfahrt haben. Dann sagte der Polizist: ,Da hinten ist Deutschland.‘ Da standen wir in der Morgenkälte im dünnen Lederjäckchen mit Sporttasche mitten im Niemandsland. Als wir deutschen Boden erreicht hatten, haben wir überlegt, was wir machen. Also haben wir uns rasiert, neue Bilder gemacht und sind per Anhalter zum Bahnhof nach Cheb zurück und zum Spiel in Pilsen nachgereist. Das war das erste Mal, dass der Schnäuzer weg war.“
Das wird künftig nicht mehr passieren. Brand: „Meine Frau und meine Tochter haben nach der letzten Rasur 2004 gesagt: So kann ich nicht bleiben.“
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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