Es war die wohl meistgestellte Frage in den Minuten und auch Stunden nach dem großen, emotionalen Triumph. Eben noch auf dem Eis gesprungen, gedreht, gelaufen und vor Glück gestrahlt, danach im Goldregen vor 13.500 begeisterten Zuschauern ihren ersten WM-Titel gefeiert – und schon stellte der Moderator in der Prager Eiskunstlauf-Arena den deutschen Paarlauf-Weltmeistern Minerva Hase und Nikita Volodin die eine entscheidende Frage: „Ist dies ein Start? Oder ist dies das Ende?“

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass die gemeinsame Erfolgsgeschichte der beiden am Berliner Flughafen und danach mit einem Speed-Date auf Eis begann. Ab jenem Zeitpunkt legten sie einen rasanten Aufstieg hin, der in dieser Saison in Olympia-Bronze und nun am späten Donnerstagabend in Prag im Weltmeistertitel gipfelte. Und das, obwohl beide unabhängig voneinander ihre sportlichen Träume bereits als gescheitert betrachtet hatten. „Sie brauchten einander, um zu strahlen“, sagt ihr Trainer Knut Schubert. „Sie haben die gleiche Seele“, sagt ihr anderer Trainer Dimitri Sawin.

Deutschland hat ein neues Goldpaar. Eines, in dem noch viel Potenzial steckt – aber eines, deren Zukunft offen ist. Nach dem WM-Gold ähnelten die Antworten der beiden jenen Sätzen nach Olympia-Bronze – mit einem kleinen Unterschied.

Es war vor gut fünfeinhalb Wochen in den Katakomben der Eiskunstlaufhalle Mailands, als nach ihrer Bronzemedaille die Zukunftsfrage erstmals zum großen Thema wurde. „Wir werden den Sommer genießen, ich habe einen Bundeswehr-Lehrgang, und dann schauen wir, ob und wie es weitergeht“, sagte Hase da.

Ein klares Bekenntnis war das nicht, und nicht wenige fürchteten schon das Karriereende der beiden 26-Jährigen. Bei den Olympischen Winterspielen 2030 in den französischen Alpen wären sie 30 – für Paarläufer nicht zu alt. Also weitermachen und den ganz großen Traum von Olympiagold als Antrieb nehmen? Oder aufhören?

WM-Gold als Motivator oder Schlussakkord

Und was ändert das WM-Gold? Es könnte einerseits Motivator und Ansporn sein, schließlich gewannen die beiden trotz eines Fehlers in der Kür – Hase öffnete den dreifachen Salchow nach zweieinhalb Umdrehungen. Dennoch lieferten sie eine herausragende Leistung, einen Rausch, der das Publikum zu Standing Ovations antrieb und dem Duo mit insgesamt 228,33 Punkten hochverdient den Weltmeistertitel einbrachte. Aber es steckt eben noch mehr in ihnen. Der große, makellose Triumph – er wäre möglich.

Goldige Freude

Oder aufhören mit Gold, nach dreieinhalb kräftezehrenden Jahren, in denen sie mehr erreicht haben, als sie zu hoffen gewagt hatten? Im ersten Wettkampfjahr 2024 gleich WM-Bronze, 2025 dann WM-Silber und EM-Gold, 2026 EM-Silber, Olympia-Bronze und nun WM-Gold.

„Wir wissen es nicht“, antwortete Volodin dem Hallensprecher. In der Euphorie der Goldkür und der Party auf den Rängen sagte er aber auch: „Aber vielleicht, vielleicht kann es ein Anfang sein.“ Etwas später, als der Uhrzeiger gen Mitternacht ging, hörten sie die gleiche Frage in ähnlicher Wortwahl noch mehrmals in unterschiedlichen Sprachen während und nach der Pressekonferenz. Die Antwort blieb immer offen, aber Hase holte etwas aus.

„Wir haben jetzt erst mal die WM beendet und noch nicht darüber gesprochen. Bis Ende Mai ist mit vielen Shows recht viel los bei uns, aber wir werden auch genug Zeit abseits des Eises haben, um darüber nachzudenken, was wir brauchen und was wir wollen“, sagte Hase. „Wir werden mit unserem Team sprechen, mit dem Verband und allen, die uns unterstützen, und sehen, wie und ob es weitergeht. Wir halten es uns offen.“

Viele deutsche Fans in Prag

Ein Rücktritt wäre ein herber Schlag für das deutsche Eiskunstlaufen, das in der Berlinerin und dem gebürtigen Russen endlich wieder Athleten hat, die um die großen Titel mitkämpfen, die für mediale Aufmerksamkeit sorgen und neue Begeisterung sorgen – wobei auch die Siebtplatzierten Annika Hocke und Robert Kunkel seit dieser Saison mit ihren spektakulären Showelementen die Zuschauer jeder Eiskunstlaufarena zum Jubeln bringen.

Fest steht: Die Masse an deutschen Fans auf der Tribüne in Prag war am Mittwoch und Donnerstag nicht zu überhören und übersehen. „Ganz, ganz lieben Dank an die ganzen deutschen Fans, die hier extra angereist sind“, sagte Hase denn auch auf Deutsch ins Hallenmikrofon. „Ihr habt uns die Kraft und Energie gegeben.“

Hielten dem Druck stand: Minerva Hase und Nikita Volodin

Später ergänzte sie: „Es ist großartig, ein Team zu haben, das Eiskunstlauf wieder aus dem Schatten und zurück auf die Bühne bringt. Wir sehen das gestiegene Interesse in den sozialen Medien, aber hier live vor Ort war es nochmal besonders – das haben wir noch nie erlebt. Wir hoffen, dass wir den Hype in Deutschland aufrechterhalten und den Sport wieder groß machen können, damit auch die Sponsoren-Situation für die Athleten besser wird.“

Auch das klingt weniger nach Abschied, als nach Hoffnung. Und es deutet an, wie schwierig die finanzielle Situation ist. Generell hatten die beiden schon vor der WM deutlich gemacht, dass sie ihre Entscheidung auch von den Rahmenbedingungen abhängig machen werden. „Wenn es weitergehen soll, dann auch in einem professionellen und guten Rahmen“, hatte Hase dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) gesagt. „Ich glaube, unser Bundesstützpunkt steht immer noch auf der Kippe.“ Berlin soll neben Dortmund und Oberstdorf als Bundesstützpunkt auch für den Olympiazyklus bis 2030 dabei sein, doch die Entscheidung liegt beim Bund und fällt bis Ende des Jahres. Bis dahin werden die neuen Weltmeister längst entschieden haben, ob und wie es weitergeht.

Eingeschworenes Team: Minerva Hase und Nikita Volodin mit ihren Trainern Knut Schubert und Dimitri Sawin

Fest steht bisher nur: Die Eiskunstlaufwelt steht ihnen offen. Als sich beide im Sommer 2022 erstmals trafen, beide ohne Partner, er ohne Olympia-Erfahrung, sie nach einem coronabedingten Olympia-Desaster mit ihrem ehemaligen Partner Nolan Seegert, hatten sie zuvor schon mit dem Spitzensport abgeschlossen. Und den Traum von erfolgreichen Olympischen Spielen ad acta gelegt. Er war ihre, sie war seine einzige Chance.

Und sie nutzten sie. „Sie glauben an sich selbst und an den anderen“, sagt Trainer Sawin, der das Goldpaar zusammengeführt hatte: „Schon bevor sich die beiden erstmals trafen, wusste ich, dass es funktioniert.“

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