Die bemerkenswerte Karriere der Ravensburgerin Julia Sauter
Am Ende legt Julia Sauter ihre Hände aufs Herz, blickt sich um in der mit 13.500 Menschen bis unters Dach gefüllten Eiskunstlauf-Arena in Prag und lächelt. Es waren nicht die Weltmeisterschaften, die sie sich erhofft hatte, aber es ist der Schlusspunkt einer Saison – und vielleicht einer Karriere – die es fast nicht gegeben hätte. „Ihr seid wirklich großartig hier in der Halle“, sagt sie ins Stadionmikrofon. „Ich wollte euch einfach meine Liebe für diesen Sport zeigen.“
Diese Liebe begann in früher Kindheit in Ravensburg. Dass vor, während und nach ihren WM-Programmen allerdings rumänische Flaggen im Publikum hochgehalten wurden, ist Teil ihrer ungewöhnlichen Geschichte und hat einen Grund: Während für die Deutsche Eislauf-Union an diesem Abend – wie schon bei den Olympischen Spielen im Februar in Mailand und bei der WM 2025 – keine Athletin antrat, weil niemand die Kriterien erfüllt hatte, startet Sauter seit vielen Jahren für Rumänien. Ihre Geschichte ist besonders. Und sie ist geprägt von Mut und Ausdauer, von viel Kampfgeist angesichts etlicher Hindernisse und vor allem von der Leidenschaft für ihren Sport.
In dieser Saison nun, mit 28 Jahren und damit einem für Eiskunstläuferinnen gehobenem Alter, konnte sie sich den ganzen großen Traum vom Olympiastart erfüllen. Was möchte sie also Kindern und Jugendlichen mitgeben, fragt ein rumänischer Journalist nach der WM-Kür. „Arbeite hart, und selbst wenn es Hindernisse gibt, folge deinem Herzen, deinen Gefühlen und deiner Leidenschaft“, sagt Sauter. „Denn harte Arbeit zahlt sich letztendlich aus.“ Sie selbst ist das beste Beispiel.
„Ich bin sehr dankbar“, sagt Julia Sauter
„Du hast viele rumänische Herzen erobert“, sagt der Journalist weiter, „vor allem während der Olympischen Spielen.“ Einige der neugewonnen Fans hatten sich auf den Weg nach Prag gemacht, um Sauter laufen zu sehen und vor Ort zu unterstützen. Sie weiß das zu schätzen. „Ich bin sehr dankbar und freue mich sehr, dass jetzt so viele Menschen diesen Sport wegen mir verfolgen“, sagt die 28-Jährige. „Und ich hoffe, dass in diesem Land jetzt viele Kinder mit dem Eislaufen anfangen. Zumal wir ja nun einen Verband haben.“
Was sie im Nebensatz erwähnt, war eines der großen Probleme der Vergangenheit: Rumänien hatte lange Zeit keinen Eiskunstlauf-Verband mehr und hat kaum Trainingsmöglichkeiten. Die 28-Jährige startet zwar für einen rumänischen Verein, aber ein nationaler Verband hat sich erst jetzt wieder gegründet. Sauter, verheiratet mit dem US-amerikanischen Eishockeyspieler Robbie Czarnik, Stürmer der Ravensburg Towerstars, lebt und trainiert in Oberschwaben.
Der wahr gewordene olympische TraumBis zu den Winterspielen in Mailand kannte sie in Rumänien kaum jemand. Das änderte sich aber spätestens, als sie die kleine Delegation bei der Eröffnungsfeier mit der Fahne anführte und später erstmals in ihrer Karriere olympisches Eis betrat. „Es kamen natürlich Fragen, warum sie für Rumänien startet“, erzählt der Journalist, „aber man hat sie sehr schnell ins Herz geschlossen, weil sie so offen, freundlich und emotional ist.“
Als Teenager stand sie vor dem Aus im Sport
Warum also Rumänien? Sauter war 14 Jahre alt, als sich ihre sportliche Perspektive in der Heimat verschlechterte. „Ich flog damals aus dem Kader“, erzählte sie einmal der „Bild“. Ihre Leistung reichte nicht mehr aus für den Status und damit für die entsprechende Förderung. Aufgeben aber wollte sie nicht. Ihr damaliger Trainer, der Rumäne Marius Negrea, schlug vor, fortan für Rumänien zu starten.
Abseits Olympischer Spiele braucht es dafür keine Einbürgerung, allerdings die Freigabe des jeweiligen Verbandes. Und die Deutsche Eislauf-Union erteilte diese. Seitdem tritt Sauter unter rumänischer Flagge an, und für den Verein ACS Corona Brașov. Mittlerweile hat sie neben der deutschen auch die rumänische Staatsbürgerschaft – dazu zehn nationale Titel sowie Teilnahmen bei Europa- und Weltmeisterschaften. Ihr bestes Resultat: Rang sieben bei der EM 2025.
Julia Sauter als Fahnenträgerin in MailandOhne Unterstützung eines Verbandes aber, vor allem lange Zeit ohne rumänischen Pass, bringt das vielerlei Herausforderungen mit sich: organisatorisch, trainingstechnisch und erst recht finanziell. Um sich ihren Sport leisten zu können und es auf die internationale Bühne zu schaffen, arbeitete Sauter immer wieder neben dem im Eiskunstlauf extrem zeitaufwendigen Training. Eigentlich kaum möglich und ein schwieriger Balanceakt. Im Sommer 2024 tauchte dann zudem ein gesundheitliches Problem auf: Sauter kämpfte mit Panikattacken. Auch direkt vor der EM-Kür 2025, das berichtete sie ganz offen, hatte sie eine Attacke. Auch diese Herausforderung nahm sie an und bekam sie in den Griff.
Um sich schließlich trotz allem den Kindheitstraum vom Olympiastart zu erfüllen, versuchte sie es mit einer Crowdfunding-Kampagne. Diese sollte helfen, die Vorbereitungen und dann die Reise zur WM 2025 in Boston zu finanzieren – dort wollte sie sich qualifizieren. Nach Rang sieben bei der EM 2025 schaffte sie es bei der WM auf Platz 19, und bei der EM 2026 dann auf Rang elf. Es reichte.
Panikattacke in Prag
Dann kamen die Olympischen Winterspiele. Sauter hatte es auf die größte Bühne des Weltsports geschafft, obwohl sie als Jugendliche aussortiert worden war. Und trotz all der Hürden. „Es ist so ein großes Ereignis, dass es mir gar nicht so sehr um die Platzierung ging – mein Ziel war es einfach, das zu zeigen, was ich liebe“, erzählt sie in Prag. „Und dann erhielt ich so eine hohe Punktzahl – unglaublich! Es war einer der schönsten Momente meiner Karriere.“ Am Ende wurde sie beim Sieg von Alysa Liu mit insgesamt 190,93 Punkten und Karrierebestleistung 17.
Ihre Reaktion sagt alles: Julia Sauter bei den Winterspielen, als sie ihre Punkte siehtIn Prag nun war Sauter weit von dieser Leistung entfernt. Es lief nicht. Die Wochen nach Olympia, sagte sie, seien herausfordernd gewesen. Nach dem Kurzprogramm berichtete sie, erneut eine Panikattacke gehabt zu haben. „Plötzlich wusste ich nicht mehr, was geschah oder wo ich war. Das war schon lange nicht mehr passiert. Aber alles geschieht aus einem Grund. Ich bin froh, dass ich mich dennoch für die Kür qualifiziert habe.“ Am Ende verließ sie die WM-Bühne als 22. und, wie sie sagte, „mit einem Lächeln. Denn ich bin wirklich stolz auf meine Saison. Ich habe immer davon geträumt, bei den Olympischen Spielen anzutreten.“
Als Sauter in den Katakomben der WM-Arena verschwand, sah man auf dem Rücken ein kleines Tattoo der olympischen Ringe. Ob dies ihr finaler Auftritt war? Sie weiß es nicht. 50:50 stünden die Chancen.
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