Kölns großes Wagnis
René Wagner will sich noch nicht in die Karten schauen lassen. „Jeder Trainer hat immer kleine Dinge, die verbessert werden können. Wir haben einen guten Plan in Richtung Frankfurt. Und dann schauen wir mal, welche Stellschrauben sich noch finden lassen“, sagte der neue Trainer des 1. FC Köln. Was er konkret damit meint, ließ er offen.
Fakt ist: Ab Ostersonntag, wenn der Tabellen-15. bei der Eintracht antreten wird (17.30 Uhr, DAZN und im Liveticker bei WELT), muss der 37-Jährige seine Karten auf den Tisch legen. Dann muss Wagner, der vor zwei Wochen seine erste Cheftrainerstelle überhaupt antrat, den Beweis führen, dass es richtig war, ihn mit einer Aufgabe zu betrauen, die anspruchsvoll werden könnte: den Traditionsverein, der zwei Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz hat, in der Bundesliga zu halten.
An Fürsprechern mangelt es Wagner nicht – zumindest nicht in Köln. „Er ist in erster Linie ein sehr kommunikativer Mensch, ein guter Typ, der Menschen mitnehmen kann. Er schafft es, alle so ins Boot zu nehmen, dass sie auch ihre genauen Verantwortlichkeiten spüren“, sagte Thomas Kessler, der Sport-Geschäftsführer des Aufsteigers.
Sport-Geschäftsführer Thomas KesslerDieses Lob verwundert kaum – schließlich hatte Kessler den durchaus umstrittenen Trainerwechsel durchgesetzt: die Trennung von Lukas Kwasniok, den er erst im vergangenen Sommer geholt hatte, und die Beförderung von Wagner, der erst 2025 als Co-Trainer zum FC zurückgekehrt war.
Kwasniok eckte im Verein an
In den vergangenen Tagen wurde in Köln viel Positives über Wagner, der in Dresden aufgewachsen ist und knapp 150 Spiele vorwiegend in der Regional- und Oberliga bestritten hat, erzählt oder geschrieben. Wagner, der von 2020 bis 2025 als Co-Trainer von Steffen Baumgart in Paderborn, Köln, beim Hamburger SV und bei Union Berlin fungiert hatte, verfüge über eine gute Expertise. Er sei jemand, der vor allem intern überzeuge: im Umgang mit den Spielern, aber auch mit den Mitarbeitern im Verein. Das wiederum legt den Verdacht nahe, dass es genau daran bei Kwasniok haperte.
Bei der Bewertung des Trainerwechsels gibt es eine auffällige Diskrepanz. Während viele Experten und überregionale Medien die Notwendigkeit nicht nachvollziehen konnten, kursieren in Köln diverse Aussagen, in denen kaum ein gutes Haar an Kwasniok gelassen wird. Kessler selbst gibt sich zwar bedeckt, dafür aber sprachen einflussreiche Leute aus den Gremien und dem Umfeld des Klubs umso offener.
Lukasz Kwasniok war offensichtlich nicht bei allen im Klub beliebtSo gewährte Lionel Souque, der Aufsichtsratsvorsitzende, tiefe Einblicke. Bereits „seit Dezember“ sei diskutiert worden, wie es weitergehe, erklärte der CEO des Hauptsponsors Rewe in der Talkrunde „Dreierkette“ am vergangenen Sonntag frei heraus. Das verwunderte doch sehr: Denn die Kölner, die mit drei Siegen aus sechs Spielen und großer Euphorie in die Saison gestartet waren, überwinterten auf Tabellenplatz elf. Das war keine schlechte Zwischenbilanz für einen Aufsteiger.
Doch bei Gesprächen, die dann bis zu Kwasnioks Entlassung nach dem 3:3 im Derby gegen Mönchengladbach am vergangenen Spieltag fortgeführt wurden, sei es nicht nur um „die fehlenden Punkte“ gegangen, sondern auch um die „Kommunikation intern und extern“, so Souque. Es sei „viel zusammengekommen“.
Keine erkennbare Entfremdung zwischen Trainer und Team
Verbale Unterstützung erhielt der Aufsichtsratschef, der unmittelbar an der Entscheidung des Trainerwechsels beteiligt war, dabei von Stephan Schell, dem Capo der Kölner Ultras. „Mit diesem Trainer wären wir auf jeden Fall abgestiegen“, erklärte der. Im weiteren Verlauf des Talks im Brauhaus Hahnentor wurden Kwasniok nahezu alle sozialen Kompetenzen abgesprochen. Es war beinahe eine Vernichtung.
Die Art und Weise, wie derzeit hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand über Kwasniok geredet wird, wirft nicht nur Fragen zum Stil auf. Sondern auch die, ob die Verantwortlichen, allen voran Kessler, im vergangenen Sommer nicht ausreichend informiert waren. Denn Kwasniok galt nie als pflegeleicht. Zum anderen: Die Mannschaft erweckte in den vergangenen Monaten nie den Eindruck, als würde sie sich hängen lassen, geschweige denn gegen den Trainer spielen – trotz Kwasnioks angeblicher Defizite im kommunikativen Bereich.
Tatsächlich überzeugte das Team, das nach dem Aufstieg auf vielen Positionen verändert worden war, vor allem kämpferisch – obwohl von zuletzt sieben sieglosen Spielen vier verloren gegangen waren. Von einer erkennbaren Entfremdung zwischen Coach und Spielern konnte keine Rede sein. Vor diesem Hintergrund wirkte der Wechsel aktionistisch.
„Natürlich wünschen wir uns auf der Cheftrainerposition Kontinuität“
„Wir haben keinen Zustand, bei dem ich beängstigt in die kommenden Wochen gehe“, gab selbst Kessler zu. Das Team funktioniere und sei stark genug, in der Klasse zu bleiben. Dennoch hatte er das Gefühl, dass eine Veränderung notwendig sei. Dabei ließ der Geschäftsführer immerhin eine gewisse Selbstkritik erkennen. „Wir würden lügen, wenn ich jetzt sagen würde, dass ich zufrieden damit bin, dass wir uns von einem Trainer trennen“, erklärte der 40-Jährige. Natürlich würde er sich „in der Rückbetrachtung Gedanken machen, was man hätte anders machen können“.
Kessler muss großen Handlungsdruck verspürt haben, sonst hätte er sich kaum auf das Wagnis mit dem unerfahrenen Wagner eingelassen. Für insgesamt 25 Millionen Euro Ablöse waren im Sommer mehr als ein Dutzend neue Spieler verpflichtet worden. Bei einem erneuten Abstieg wäre ein Großteil dieser Aufbauarbeit umsonst gewesen. Toptalent Said El Mala, dessen Vertrag Kessler bis 2030 verlängern konnte, wäre kaum zu halten – und die zahlreichen Interessenten könnten die Kölner Ablöseforderung, die sich auf bis zu 50 Millionen Euro belaufen soll, drücken. Es steht viel auf dem Spiel.
Ob Wagner eine dauerhafte Lösung sein könnte, ist offen. Er ist seit dem Abgang von Peter Stöger im Dezember 2017 der zwölfte Kölner Trainer. „Natürlich wünschen wir uns, dass wir auf der Cheftrainerposition auch Kontinuität bekommen“, erklärte Kessler. Doch dies sei nicht das vordringlichste Problem. „Wir wollen alles dafür tun, in der Bundesliga zu bleiben.“
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