„Ich konnte die Kritik immer verstehen, dass wir zu viel Stallgeruch haben“
Borussia Dortmund schippert nach dem späten 2:0-Erfolg beim VfB Stuttgart dem sicheren Champions-League-Platz entgegen. Die Saison könnte ruhig enden, wenn da nicht die Causa Nico Schlotterbeck wäre. Der Innenverteidiger hat zwar noch einen Vertrag bis Sommer 2027, soll nach BVB-Wunsch aber frühzeitig verlängern. Schlotterbeck aber zögert seit Monaten. Sport-Geschäftsführer Lars Ricken (49) schildert die Perspektive des Vereins.
Frage: Herr Ricken, wie häufig haben Sie als Spieler Ihren Vertrag beim BVB verlängert?
Lars Ricken: Insgesamt dreimal. Das erste Mal war das 1997, nach unserem Champions-League-Sieg. Damals haben sogar die Bayern angerufen und gefragt, ob ich mir einen Wechsel vorstellen könnte. Das habe ich aber abgelehnt, weil wir damals die Nummer eins im deutschen Fußball waren und ich mich als Dortmunder ganz besonders mit dem BVB verbunden fühle.
Frage: Wie lange mussten Sie damals über die Unterschrift nachdenken?
Ricken: Gar nicht. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich beim BVB bleibe.
Frage: Haben Sie dann Verständnis für Nico Schlotterbeck, der den Klub seit Monaten hinhält mit seiner Vertragsverlängerung?
Ricken: Ich habe mit Nico inzwischen einige Gespräche geführt. Ich finde es durchaus verständlich, dass Nico für sich Zeit braucht, um bestimmte Dinge zu reflektieren. Das ist bei der Vertragssituation und einem Spieler seiner Klasse nicht ungewöhnlich.
Frage: Lothar Matthäus hat zuletzt eine Deadline gefordert.
Ricken: Das ergibt in manchen Fällen vielleicht Sinn, in diesem Fall aber nicht. Die Gespräche sind so respektvoll und vertraulich, dass wir nicht auf künstliche Weise Druck ausüben wollen. Und warum sollten wir uns selbst limitieren, solange wir zeitlich absolut im Rahmen unseres gemeinsam vereinbarten Korridors liegen? Es ist okay so, wir haben die Lage unter Kontrolle.
Frage: Ist es für Sie ausgeschlossen, mit Schlotterbeck ins letzte Vertragsjahr zu gehen?
Ricken: Es gibt ja drei Optionen: Wir verlängern den Vertrag, wir verkaufen ihn im Sommer – oder wir gehen ins letzte Vertragsjahr. Die letzte Option wollen wir alle vermeiden. Das wäre weder für uns noch für Nico gut. Wir gehen weiterhin davon aus, dass die erste Option klappt. Ich bin immer optimistisch in die Gespräche gegangen. Diese werden wir nun fortsetzen. Ole (Book, Dortmunds neuer Sportdirektor; d. Red.) hat sich nun auch zum ersten Mal mit Nico getroffen, wir haben auch bereits zu dritt zusammengesessen.
Frage: Worum ging es bei dem Gespräch zu dritt?
Ricken: Es war ein sehr inhaltliches Gespräch. Ole hat ihm erklärt, wie er tickt, was er für Ideen hat, wie er mit dem Kader plant und welche Vorteile wir Nico bieten.
Frage: Haben Sie Ex-Sportdirektor Sebastian Kehl zu früh entlassen? Schlotterbeck ließ zuletzt ja verlauten, dass mit dessen Weggang nun eine neue Situation herrsche …
Ricken: Solch eine Entscheidung muss man aus Überzeugung treffen, nicht aus taktischen Überlegungen. Da waren sich sowohl Sebastian als auch der BVB einig. Ich war bei den meisten Gesprächen ja auch dabei. Außerdem ist klar: Ein Spieler schließt nie einen Vertrag mit einer einzelnen Person ab, sondern immer mit dem Verein.
Frage: In welchem Moment haben Sie gedacht: Mit Sebastian Kehl geht es nicht weiter?
Ricken: Das war ein Prozess. Wir müssen kein Geheimnis daraus machen, dass in der sportlichen Führungsebene über aktuelle Entwicklungen wie auch strategische Fragen teilweise sehr kontrovers diskutiert wurde. Irgendwann waren wir an einem Punkt angelangt, wo wir dann gemeinsam entschieden haben, dass ein Neuanfang für beide Seiten das Beste ist.
Frage: Hat Ihnen die Kreativität auf dem Transfermarkt zuletzt gefehlt?
Ricken: Lassen Sie uns nach vorn schauen, anstatt Schuldige in der Vergangenheit zu finden. Da waren wir alle involviert. Aber klar ist: Wir wollen nun einiges anders machen. Da geht es nicht nur um Kreativität, sondern auch um Schnelligkeit, um Mut und um Aggressivität auf dem Transfermarkt.
Frage: Der BVB war im vergangenen Sommer nach „Sport Bild“-Infos an Yan Diomande interessiert, der nun in Leipzig brilliert. Warum hat man einen solchen Spieler nicht bekommen?
Ricken: Auf einzelne Namen möchte ich jetzt gar nicht eingehen. Bei Spielern dieser Kategorie geht es heute auf dem Markt aber sicher nicht mehr ohne Mut und Entschlossenheit. Da wollen wir wieder stärker werden.
Frage: Wie haben Sie von der Ausstiegsklausel von Ole Book erfahren, die lediglich für den BVB gültig war?
Ricken: Eine erste Ahnung habe ich bekommen, als ich mich Anfang 2025 mit Elversbergs Präsidenten Dominik Holzer unterhalten habe. Ich habe ihm gesagt: „Ihr habt ja echt einen interessanten Manager.“ Damals gab es Gerüchte darüber, ob Ole zu Gladbach wechseln könnte. Dominik Holzer sagte mir, dass Ole andere Träume habe – und es eher mit der anderen Borussia hält (schmunzelt).
Frage: Wie ging es weiter?
Ricken: Vor einigen Wochen hatte ich einen ganz allgemeinen Austausch mit Ole. Zu meinen Aufgaben als Geschäftsführer gehört auch zu wissen, was abseits des Spielermarkts in der Branche los ist. Dass er diese Ausstiegsklausel mit Elversberg vereinbart hat, zeigt sein Selbstbewusstsein und seine Ambitionen.
Frage: Die BVB-Klausel hatte er also zuvor ohne Rücksprache mit dem BVB verankern lassen?
Ricken: Korrekt.
Lars Ricken (l.) bei der Vorstellung des neuen Sportdirektors Ole Book (M.)Frage: Lautet die Marschroute für den Sommer: Um auf dem Transfermarkt richtig angreifen zu können, muss der BVB erst Spieler verkaufen?
Ricken: Man muss da zwischen dem wirtschaftlichen und dem sportlichen Aspekt unterscheiden. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren sehr viel Geld für Spielerkäufe ausgegeben. Wenn wir in solchen Sphären denken, ist ein Verkauf notwendig. Eines möchte ich aber betonen: Wenn man einen Ausnahmespieler findet, der perfekt ins Profil passt, dann ist ein solcher Transfer selten von der Geschäftsführung abgelehnt worden, selbst wenn er etwas über dem Budget lag. Wir haben ja selbst das Beispiel dafür.
Frage: Wen?
Ricken: Jude Bellingham. Der BVB hat ihn als 16-Jährigen mitten in der Corona-Phase verpflichtet. Aus der zweiten Liga. Für nicht wenig Geld (30 Mio. Euro, d. Red.). Aber die Idee war da, die Argumente waren da und die Überzeugung auch. Deshalb hat der BVB das damals gemacht. Und das Gleiche gilt jetzt auch. Für Top-Spieler, die perfekt zu uns passen, würden wir sicher auch kreative Lösungen finden.
Frage: Fühlen Sie sich als deutscher Klub auf dem Transfermarkt abgehängt?
Ricken: Ich habe keine Lust, mich darüber zu beklagen, was nicht funktioniert. Ja, die Engländer geben mehrere Milliarden aus, wir als Bundesliga nicht mal eine. Und ja, die Engländer haben unser Geschäftsmodell kopiert, junge Spieler zu entwickeln und diese sehr früh zu finden. Aber das sollte uns nicht limitieren. Wir wollen den Kader verstärken, um den Abstand auf Bayern weiter zu verringern.
Frage: Welche Positionen sind dabei am wichtigsten?
Ricken: Die Kreativität und Scorer-Punkte von Julian Brandt werden wir auffangen müssen, das war uns bei unserer Entscheidung bewusst. Natürlich suchen wir nach einem Offensivspieler, der Qualität mitbringt, uns direkt weiterhelfen kann und keine utopische Ablösesumme erfordert. In der Defensive verlässt uns Niklas Süle, Emre Can fällt noch länger aus. Insofern machen wir uns auch dort Gedanken.
Julian Brandt (r.) wird den Verein im Sommer verlassenFrage: Lassen Sie uns ein paar Gerüchte durchgehen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Jadon Sancho ein drittes Mal beim BVB unterschreibt?
Ricken: Wir beschäftigen uns derzeit mit sehr vielen Spielern und durchleuchten sie. Wir prüfen, ob sie uns besser machen können. Das machen wir auch bei Jadon.
Frage: Fisnik Asllani gilt als Wunsch-Stürmer des BVB, er hat in Hoffenheim eine Ausstiegsklausel in Höhe von 30 Millionen Euro.
Ricken: Wir haben auf der Position Serhou Guirassy und Fábio Silva. Ich denke, da sind wir hervorragend aufgestellt.
Frage: Könnten Sie sich vorstellen, Nick Woltemade für ein Jahr von Newcastle zu leihen?
Ricken: Davon höre ich zum ersten Mal. Kalte Spur. Auch hier gilt: Dieses Profil haben wir in zweifacher Ausführung.
Frage: Serhou Guirassy hat jedoch in diesem Sommer eine Ausstiegsklausel, die nur noch bei 35 Mio. Euro liegen soll.
Ricken: Das hören wir doch in jeder Transferperiode, dass er wechseln könnte. Und er ist immer noch hier. Dass Serhou auch in diesem Sommer bleibt, ist mein Wunsch, Oles Wunsch und der Wunsch von Niko Kovac. Er fühlte sich extrem wohl bei uns, und es gibt kein Bestreben, ihn abzugeben.
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Frage: Ist Niko Kovac in der kommenden Saison zu einhundert Prozent BVB-Trainer?
Ricken: Ja. Absolut. Ohne ihn stünden wir nicht auf Platz zwei, weil er erstens die Mannschaft sehr gefestigt hat und uns zweitens in der vergangenen Saison noch in die Champions League geführt hat. Hätten wir das nicht geschafft, hätte das massive Auswirkungen auf den Kader gehabt. Ich glaube nicht, dass wir bei einem Verpassen jetzt Zweiter wären. Niko passt wunderbar in unseren Verein, was ich gerne noch ausführen würde.
Frage: Bitte.
Ricken: Es bildet sich gerade eine Gruppe mit Niko, mit Ole, mit Carsten (Cramer, Sprecher der Geschäftsführung, d. Red.), mit Matthias Sammer, mit dem Scouting, mit dem NLZ, in der volles gegenseitiges Vertrauen herrscht. Man spürt eine neue Energie, eine Aufbruchstimmung, Zuversicht. Ich konnte die Kritik ja immer verstehen, dass wir zu viel Stallgeruch haben. Leidenschaft für den BVB ist unabdingbar, es fehlten uns aber die Impulse von außen. Diese haben wir mit Niko und Ole bekommen.
Frage: Ihr Kontrakt läuft bis Sommer 2027. Wenn Ihnen vom Präsidialausschuss ein neuer Vertrag angeboten werden sollte, unterschreiben Sie, ohne diesen zu lesen?
Ricken: Das muss der Präsidialausschuss entscheiden. Aber noch stellt sich die Frage nicht. Was mich betrifft: Ich habe gerade die Aufbruchsstimmung angesprochen, die uns alle stark motiviert. Und auch ich persönlich habe sehr große Lust auf diese Herausforderung.
Das Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT/BILD/SPORT BILD) geführt und erschien zuerst in SPORT BILD.
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