Mit der Bezeichnung „Legende“ sollte man vorsichtig umgehen. Zu schnell werden Menschen für vermeintlich Einmaliges dazu ernannt. Birgit Fischer, 64, dagegen kann man getrost als eine solche bezeichnen. Was die ehemalige Kanutin schaffte, ist unerreicht.

Sechs Olympia-Teilnahmen, jedes Mal mindestens einmal Gold. Insgesamt stand sie achtmal ganz oben auf dem Podest. Sie ist nach Reiterin Isabell Werth, die zweimal Silber mehr hat, die zweiterfolgreichste deutsche Olympionikin der Geschichte. Dazu kommen 27 WM-Titel. Und wer weiß, was gewesen wäre, wenn …

Wenn nämlich der Olympia-Boykott eines großen Teils des Ostblocks 1984 in Los Angeles nicht gewesen wäre. „Ich hätte sicher zwei Goldene mehr, drei wären nicht unrealistisch“, sagt Fischer, die 1980 in Moskau ihren ersten Olympiasieg holte und inzwischen wieder in ihrer Geburtsstadt Brandenburg an der Havel wohnt.

Sie wollte sogar „auf eigene Gefahr“ zu den Olympischen Spielen 1984 reisen, immerhin war die Absage der DDR damit begründet worden, dass die Sicherheit der Athleten nicht gewährleistet sei. „Es ist ärgerlich bis heute, das fand jeder scheiße, auch die Funktionäre. Boykotte und Ausschlüsse haben noch nie etwas bewirkt, bis heute.“ Fischers Bruder Frank, 65, war ebenfalls betroffen. „Es wären seine einzigen Spiele gewesen. Er wurde um Olympia betrogen und wohl auch um Gold.“

Die vermeintliche Entschädigung für das entgangene Olympia für die Vorzeige-Sportlerin: der Vaterländische Verdienstorden in Gold. Zuvor gab es den schon in Silber. „Aber wo diese Orden sind? Keine Ahnung, ich finde sie einfach nicht mehr.“

Vergoldete und verpasste Comebacks

Nach Olympia 1988 und Doppel-Gold beendete Fischer ihre Karriere – vorerst. Sie wurde Major der Nationalen Volksarmee der DDR, wollte fortan als Trainerin beim ASK Vorwärts Potsdam arbeiten. Dann kam die Wende. Bei einem Wettkampf sagte sie auf der Tribüne: „So, wie die da paddeln, da würde ich auch gern noch mal mitmachen.“

Fischer verrät heute: „Das steckte jemand einer Zeitung. Ich dachte mir: ,Gut, dann versuche ich es.’“ 278 Tage nach dem ersten Training nach drei Jahren Pause holte sie ihr viertes Olympia-Gold.

Nach den Olympiasiegen 1980 in Moskau, 1988 in Seoul (2) und 1992 in Barcelona gewinnt Fischer auch 1996 in Atlanta – diesmal mit Annett Schuck, Ramona Portwich und Manuela Mucke

Das nächste scheinbare Karriereende folgte nach Sydney 2000. „Aber nur, weil ich es vorher gesagt hatte. Wahrscheinlich haben sie mich auch nur deshalb die Fahne tragen lassen.“ Ein Erlebnis mit gemischten Gefühlen. „Es war eine Ehre, aber der Moment an sich war eine Katastrophe. Ich wusste nicht, wohin ich laufen sollte. Die Zuschauer wiesen mir von der Tribüne den Weg, wo ich die Fahne abgeben kann. Viel Chaos, somit konnte ich das nicht wirklich genießen.“ Und außerdem: „Diese mausgraue Kleidung, von den Schuhen bis zum Hut mit einem hässlichen Rucksack, so wäre nicht mal meine Mutter auf die Straße gegangen.“

Birgit Fischer trägt bei der Eröffnungsfeier der Spiele 2000 in Sydney die deutsche Fahne

Aber das zweite Comeback ließ nicht lange auf sich warten. „Mit zweimal Gold wollte ich nicht aufhören (Fischer gewann in Sydney im K2 und K4), die Kinder waren erwachsen, ich hatte ein Haus am Wasser und konnte vor der Tür trainieren. Es war alles optimal.“

Das dritte Karriereende 2004 – erneut mit dem Gewinn der olympischen Goldmedaille in Athen im Alter von 42 Jahren – war dann ein bisschen endgültiger. „Danach ging es tatsächlich nicht mehr“, gesteht Fischer. Die Comebacks 2008 und 2012 scheiterten: „Vor Peking hatte ich keine Zeit zum Trainieren. Ich wollte erst mal mein Unternehmen Kanufisch auf die Beine stellen. Und London scheiterte an der verpassten nationalen Qualifikation aus gesundheitlichen Gründen. Nun war ich 50, und es war klar, noch einen Versuch wird es nicht geben.“

Besondere Erinnerungen ruft bei Fischer natürlich das erste Olympiagold 1980 hervor. Damals war sie 18, wäre aber beinahe nicht gestartet. „Bei der obligatorischen Vorbelastung drei Tage vor dem Beginn der olympischen Rennen fuhr ich drei Längen hinter Ersatzfahrerin Roswitha Eberl ins Ziel. Prompt gab es eine Aussprache: Ob ich das hier alles nicht ernst nehmen würde. Ich sagte: ,Doch, und ich werde gewinnen.‘“ Das beeindruckte Trainer und Funktionäre.

In dieser Phase stand sie längst unter staatlicher Kontrolle. 1986 kam Sohn Ole zur Welt. „Die Oberen wollten nicht, dass ich ein Kind bekomme. ,Das ist nicht vorgesehen‘, lautete die Begründung. Ich hätte mir das Kind nie verbieten lassen. Dazu war ich damals schon zu sehr Freigeist.“

So sehr Freigeist, dass sie an Flucht dachte, aber nicht. „Schau dir das hier an, warum sollte ich hier weg?“, sagt sie zum „Sport Bild“-Reporter und blickt auf die Havel. „Hier ist es doch wunderschön. Ich bin hier aufgewachsen, hatte meine Geschwister und Eltern hier.“

Zudem wäre eine Flucht nahezu unmöglich gewesen. Allein schon wegen des familiären Backgrounds ihres Ex-Manns Jörg Schmidt († 61), der ebenfalls ein erfolgreicher Kanute war. „Bei unserer Hochzeit erfuhr ich zufällig, dass mein Schwiegervater ein hohes Tier bei der Stasi war. Ich wurde somit quasi rund um die Uhr überwacht. ‚Der Feind in meinem Bett‘, hieß das, oder?“, sagt sie sarkastisch.

Fischers Weg und klare Meinung gefielen nicht jedem

Aber auch nach der Wende eckte sie als ehrliche Haut immer wieder an. Daher hätte Fischer ihre drei Goldmedaillen in Sydney 2000 und Athen 2004 beinahe nicht für Deutschland gewonnen, sondern für Australien. „Wir saßen schon auf gepackten Koffern“, sagt sie: „Ich kam mit dem deutschen Verband immer weniger klar, besser gesagt, die mit mir. Ich habe seit 1992 allein und nach meinen eigenen Programmen trainiert, auch viel in Australien, das gefiel nicht jedem. Ich hatte meinen eigenen Kopf, damit konnten die Funktionäre nichts anfangen.“

Letztlich ließ sie diese Pläne fallen: „Ich bin dann nur noch für mich gepaddelt. Wenn ein Verband immer nur die Medaillen will und sonst nichts tut, ist das schade.“ Da konnte auch der Fakt, dass sie inzwischen mit dem damaligen Bundestrainer Josef Capousek († 79) zusammen war, nichts kitten.

Aber das Paddeln ist nicht ihre einzige Leidenschaft. Die Sportlerin des Jahres 2004 versuchte sich zwischendurch auch in der Politik. Ohne Parteimitglied zu sein, trat sie 1999 bei der Europawahl für die FDP an. „Die Partei passte zu mir. Aber die Konsequenz, im Fall der Wahl nach Brüssel ziehen zu müssen, hatte ich nicht bedacht. Ich hätte das Mandat nie angetreten.“

Birgit Fischer arbeitet heute als Personal-Trainerin

Und so ist sie bis heute bei dem geblieben, was sie perfekt kann: auf dem Wasser aktiv sein. Als Personal-Trainerin gibt sie Einzel- und Gruppen-Unterricht, hält Vorträge, und die Enkel fordern die Oma auch. Nur die Fotografie, einst ihr großes Hobby, gab sie auf. „Kein Platz mehr, alles aufzustellen“, sagt sie lachend.

Fischer wirkt zufrieden. „Mein Verdienst ist, dass ich gezeigt habe, wie man mit zwei Kindern, seit 1992 alleinerziehend, auch studieren und trotzdem noch erfolgreich sein kann. Darauf bin ich stolz und nicht auf die Medaillen.“

Der Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT/BILD/SPORT BILD) verfasst und erschien zuerst in „Sport Bild“.

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