„Der Formel 1 ist die DNA des Rennsports ein wenig verloren gegangen“
Die Formel 1 befindet sich nach den kriegsbedingten Absagen der Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien in einer langen Zwangspause bis Anfang Mai. Trotzdem läuft in der Rennserie eine hitzige Debatte. Das Fahrerlager ist wegen des neuen Regelwerks gespalten.
Vor allem die neue Motoren-Generation und der damit verbundene Zwang zum Batterie-Management stoßen vielen Fahrern übel auf. Superstar Max Verstappen hat sogar offen mit seinem Rücktritt gedroht. Ralf Schumacher begleitet die Rennen als TV-Experte für Sky. Zeit für sein Zwischenfazit.
Frage: Herr Schumacher, die ersten drei Rennen unter dem neuen Reglement sind gefahren. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Ralf Schumacher: Die Formel 1 hat einen guten Job gemacht. Die Rennen sind unterhaltsam, der Fan kommt mit den vielen Überholmanövern auf seine Kosten. Aber es gibt auch noch Verbesserungspotenzial.
Ralf Schumacher fuhr selbst 180 Grand-Prix-Rennen in der Königsklasse des MotorsportsFrage: Zum Beispiel?
Schumacher: Die Reifen müssen stabiler werden, damit die Fahrer wieder mehr pushen können. Dadurch, dass die Batterie so einen großen Einfluss hat, ist die DNA des Rennsports ein wenig verloren gegangen. Aktuell gewinnt nicht mehr der Pilot, der den größten Mut beweist und Risiko geht, sondern der, dessen Ingenieur die beste Batterie gebaut hat. Das ist nicht die Formel 1 und kann nicht im Interesse der Rennserie sein. Insofern muss man da transparent handeln und gemeinsam mit den Teams und Fahrern einen Plan A, Plan B und Plan C entwickeln. Ansonsten werden die Schimpftiraden der Piloten nicht abnehmen. Und die tragen nun mal diesen Sport.
Frage: Red-Bull-Pilot Max Verstappen ist einer der größten Kritiker. Der viermalige Weltmeister deutete zuletzt sogar einen Rücktritt an, sollte es zu keinen Änderungen kommen.
Schumacher: Daran glaube ich nicht, das halte ich für einen Bluff. Max ist viel zu jung, um jetzt einfach zu Hause zu bleiben. Und wo soll er denn hin?
Frage: Verstappen ist großer Fan der Langstrecken-Serie.
Schumacher: Ja, aber ob er das auch als Vollzeitjob noch attraktiv findet? Das glaube ich nicht. Die Formel 1 ist die Königsklasse des Motorsports. Zumal ich glaube, dass es jetzt an der Zeit ist, dass er – bei allem Respekt gegenüber Max und seinen Verdiensten – Red Bull auch etwas zurückgeben muss. Er und das Team müssen gemeinsam an Lösungen arbeiten, damit Max auch wieder um Siege mitfahren kann. Dann hat er auch wieder deutlich mehr Spaß an der Sache.
Frage: Woran hakt es?
Schumacher: Pierre Waché (Technischer Direktor; d. Red.) ist der Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen. Zumindest nicht alleine. Er braucht Unterstützung. Denn der Motor läuft, das Auto ist das Problem.
Frage: Verstappen scheint chancenlos im Titelrennen zu sein. Vor dem Saisonstart sagten Sie in „Sport Bild“, dass Kimi Antonelli Ihr Favorit ist. Der führt nach zwei Siegen die WM-Wertung an.
Schumacher: Als ich das damals gesagt habe, haben sich einige gefragt, was der Schumacher geraucht hat. Aber Kimi hat schon bei den Testfahrten einen sehr starken Eindruck gemacht. Das hat er jetzt bestätigt. Es ist natürlich noch sehr früh in der Saison, aber ich sehe Kimi nach wie vor als Favoriten. Er muss jetzt das Momentum nutzen und darf nicht verkrampfen. Das ist Oscar Piastri vergangenes Jahr als junger Pilot zum Verhängnis geworden. Bei Kimi sehe ich diese Gefahr aber eher weniger. Er hat mit Toto Wolff (Mercedes-Teamchef; d. Red.) und Bono (Renningenieur Peter Bonnington; d. Red.) zwei sehr erfahrene Leute an seiner Seite.
Ein 19-Jähriger führt die Formel 1 an: Mercedes-Pilot Kimi AntonelliFrage: Sein größter Konkurrent ist Teamkollege George Russell.
Schumacher: Das ist er, weil Mercedes einen exzellenten Job gemacht und ihren Piloten ein gutes Auto hingestellt hat. Aber George zeigt Nerven. Er sieht, dass Toto Wolff eine Nähe zu Antonelli hat und Kimi der Fahrer der Zukunft für Mercedes sein wird. Die einzige Möglichkeit für George, das zu unterbinden, wäre, wenn er Kimi deutlich schlägt – aber aktuell sehen wir genau das Gegenteil. Das macht was mit einem Menschen. Man darf nicht vergessen, dass George bereits vergangenes Jahr nur Plan B war, als Mercedes um Verstappen buhlte. Und jetzt fährt ihm ein 19-Jähriger um die Ohren.
Frage: Droht Mercedes auf lange Sicht ein Zoff unter den Piloten wie einst 2016 zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg?
Schumacher: Das glaube ich nicht. Dafür ist Toto Wolff zu erfahren. Er hat das Team im Griff und weiß genau, worauf es ankommt.
Frage: Stichwort Hamilton. Der hat mit Ferrari wieder in die Spur gefunden.
Schumacher: Wir sehen wieder den alten Lewis Hamilton, den siebenmaligen Weltmeister. Lewis hat wieder das Selbstbewusstsein, um schnell zu fahren und um Siege und Podien zu kämpfen. Das tut der Formel 1 gut.
Frage: Wie bewerten Sie die ersten Rennen von Audi?
Schumacher: Sehr positiv. Sie scheinen bei der Entwicklung des Autos vieles richtig gemacht zu haben. Sie sind als eines der wenigen Teams sehr nah am Gewichtslimit. Auf der Motorenseite haben sie aber noch Nachholbedarf.
Frage: Teamchef Jonathan Wheatley wurde nach zwei Rennen freigestellt, weil er wohl zu Aston Martin wechseln möchte. Wie schwer wiegt der Verlust?
Schumacher: Das ist ein Rückschlag, keine Frage. Jonathan kennt alle Facetten der Formel 1, war bei meinem Bruder bei Benetton noch Chefmechaniker und hat sich von da hochgearbeitet. Er hat ein gutes Netzwerk im Fahrerlager und viele gute Leute angeworben. Bei Mattia Binotto (Audis Projektchef; d. Red.) sehe ich die Gefahr, dass er vorher nur bei Ferrari war und nur in dem einen Teich fischen wird. Das kann zur Gefahr werden.
Das Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT/BILD/SPORT BILD) geführt und erschien zuerst in „Sport Bild“.
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