Als die Spieler des 1. FC Union am Sonntagmorgen am Stadiongelände erschienen, gab es Gesprächsbedarf. Nach der Rückkehr vom 1:3 beim 1. FC Heidenheim am Abend zuvor waren sie von der Klubführung über die Entlassung von Trainer Steffen Baumgart informiert worden. Nun, am Tag danach, verabschiedete sich der Coach von der Mannschaft, ehe Präsident Dirk Zingler und Horst Heldt, Geschäftsführer Sport, eindringliche Worte an das Team richteten.

Marie-Louise Eta, 34 Jahre alt, wird am Dienstag das Training leiten – und bis zum Saisonende als Cheftrainerin fungieren. Sie ist damit die erste Frau im deutschen Profifußball, die ein Männerteam in der 1. Bundesliga trainiert. Am Donnerstag wird sie auf der obligatorischen Pressekonferenz vor dem anstehenden Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (Samstag, 15.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) erstmals ausführlich zu den Medien sprechen. In der Pressemitteilung zitierte sie Union wie folgt: „Ich freue mich, dass mir der Verein diese anspruchsvolle Aufgabe anvertraut. Eine Stärke von Union war und ist es, in solchen Situationen gemeinsam alle Kräfte zu bündeln.“

Union, das sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsrang und elf Punkte auf einen Abstiegsplatz hat, hatte zuletzt sportlich enttäuscht – und auf dem Platz nicht nur eine klare Spielidee vermissen lassen, sondern auch defensiv teils haarsträubende Fehler gemacht. Als es jüngst gegen das kriselnde Werder Bremen daheim ein 1:4 gab, wurden erste Zweifel laut. Da eine Woche später ein überraschendes 1:0 in Freiburg folgte, beruhigte sich die Lage etwas. Doch dann folgte ein mageres 1:1 in Berlin gegen den FC St. Pauli. Union war zwar klar überlegen, wusste aber kein Mittel, das Spiel für sich zu entscheiden.

„Wir spielen bisher eine absolut enttäuschende Rückrunde“, wird Heldt zitiert

Der Offenbarungseid in Heidenheim – der Tabellenletzte hatte zuvor 15 Spiele nicht gewinnen können – zwang die Verantwortlichen zu handeln. Union hatte in Heidenheim bereits zur Pause 0:2 zurückgelegen. Wechsel gab es zu Beginn der zweiten Halbzeit keine – und damit auch kein Signal ans Team. Ein Aufbäumen war nicht zu spüren. Die Entscheidung fiel gegen Baumgart, mit dem Union Anfang des Jahres – der Klub stand nach 16 Spielen auf Platz neun – den Vertrag noch vorzeitig verlängert hatte.

„Wir spielen bisher eine absolut enttäuschende Rückrunde und lassen uns vom Tabellenstand nicht blenden: Unsere Lage ist nach wie vor bedrohlich und wir benötigen dringend Punkte, um den Ligaverbleib zu sichern“, wurde Horst Heldt, Geschäftsführer Profifußball, in einer Pressemitteilung deutlich: „Zwei Siege aus vierzehn Spielen seit der Winterpause und die gezeigten Leistungen in den letzten Wochen geben uns nicht die Überzeugung, dass uns eine Trendumkehr in der bisherigen Konstellation noch gelingt.“

Mit Marie-Louise Eta, die eine exzellente Ansprache hat, hoffen sie nun auf eine Trendwende. Mit ihrem neuen Job schreibt sie Geschichte, wie zuvor schon zwei andere Frauen im deutschen Fußball.

Imke Wübbenhorst hatte im Dezember 2018 die Leitung der Männermannschaft des BV Cloppenburg in der Oberliga Niedersachsen übernommen, nachdem der vorherige Cheftrainer Olaf Blancke zum Ligakonkurrenten Atlas Delmenhorst abgewandert war. Sie war damit die erste Trainerin einer deutschen Männermannschaft auf einer derart hohen Spielebene, der fünften Liga – und erweckte dadurch eine große mediale Aufmerksamkeit.

In der Saison 2023/24 wurde Sabrina Wittmann beim FC Ingolstadt nach der Entlassung von Michael Köllner zur vorläufigen Cheftrainerin der Herrenmannschaft befördert – und übernahm das Drittligateam nach dem 35. Spieltag. Wittmann wurde damit die erste Cheftrainerin im deutschen Männer-Profifußball. Sie hatte zuvor die U19 in Ingolstadt trainiert. Während Wittmann, 34 Jahre alt, nach wie vor in Ingolstadt tätig ist, trainiert Wübbenhorst (37) seit 2022 das Frauenteam von Young Boys Bern in der Schweiz.

Imke Wübbenhorst trainiert seit 2022 das Frauenteam von Young Boys Bern – 2018 hatte sie als erste deutsche Frau in der Oberliga ein Männerteam übernommen

Nun baut auch Union Berlin auf eine Frau. Marie-Louise Eta ist beim Fußball-Bundesligisten aber keine Unbekannte.

Schon im November 2023 setzte sie neue Maßstäbe, als sie zur ersten Co-Trainerin der 1. Bundesliga und sogar in der Champions League wurde. Damals arbeitete sie nach dem Aus des langjährigen Trainers Urs Fischer für 25 Spiele bei Union – zunächst unter Interimstrainer Marco Grote und später unter Chefcoach Nenad Bjelica. In der Saison 2023/24 half sie entscheidend mit, Union in einer dramatischen Saison zu retten. Zwei Spieltage vor Schluss musste Bjelica gehen, Eta hielt Union mit Grote zusammen in der Liga. In dieser Zeit hatte sie in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“ unter anderem gesagt: „Ich bin nicht hier, um die Quote zu erfüllen.“ Nach dem Klassenerhalt verpflichtete Union Bo Svensson als neuen Cheftrainer. Eta kehrte mit Grote vor der Saison 2024/25 in alter Konstellation zur U19 zurück – und folgt nun auf Baumgart, der auf Svensson gefolgt war.

Klassenerhalt geschafft: Marie-Louise Eta umarmt im 18. Mai 2024 den damaligen Union-Stürmer Benedict Hollerbach nach dem 2:1 gegen Freiburg

Mit sechs Jahren hatte Eta mit dem Fußball begonnen – beim FV Dresden 06. Als sie 13 Jahre alt wurde, wechselte sie zu Turbine Potsdam und schaffte dort den Sprung in die erste Mannschaft. Mit Potsdam gewann sie 2010 die Champions League, dreimal die deutsche Meisterschaft und wurde U20-Weltmeisterin. Im Anschluss spielte sie unter anderem für den HSV, BV Cloppenburg und Werder Bremen, ehe sie 2018 im Alter von 26 Jahren ihre aktive Karriere beendete. Danach arbeitete sie im Nachwuchs von Werder Bremen, beim DFB – und machte 2023 die Pro-Lizenz. Den Platz dafür hatte sie im Februar 2022 ergattert.

Sie war die einzige Frau in diesem Lehrgang gewesen – zu den 15 Teilnehmern gehörten unter anderem Danny Röhl (Glasgow Rangers) und Trainer Fabian Hürzeler (Brighton & Hove Albion). Vor dem Eignungstest hatte Eta gewaltig unter Stress gestanden: „Ich bin den ganzen Tag mit einem Puls von gefühlt 300 herumgelaufen und habe mich ziemlich unter Druck gesetzt, weil ich mich natürlich von meiner besten Seite zeigen wollte und es einige Herausforderungen gab. Das war ein intensiver Tag und ein schönes Gefühlschaos.“ Während des DFB-Lehrgangs hatte Eta auch bei Urs Fischer hospitiert. Nach dem Lehrgang holte Union sie ins eigene Nachwuchsleistungszentrum – und brachte sie schnell nah an die Profis heran.

Randnotiz: Etas Mann Benjamin arbeitet als Trainer bei den U20-Frauen von RB Leipzig – bei jenem Klub also, der beim Anhang der Unioner nicht beliebt ist. Seit Jahren protestieren die Fans bei den Spielen gegen die Sachsen. In den ersten 15 Minuten wird stets aus „Protest gegen das Projekt RB Leipzig“ auf einen lautstarken Support verzichtet.

Eta und ihr Mann teilen gemeinsam die Leidenschaft für Padel, sie spielten bereits offizielle Mixed-Turniere zusammen. Die neue Union-Trainerin ist für 4Padel Berlin sogar für den Ligenbetrieb gemeldet – und hatte jüngst erst für Aufmerksamkeit gesorgt, als Union vermeldete, dass sie zur kommenden Saison die Cheftrainerin des Frauen-Bundesligateams wird und auf Ailien Poese folgt, die in Unions Nachwuchsleistungszentrum die Aufgabe als Cheftrainerin der Juniorinnen übernimmt.

Ob Eta diesen Job auch antreten wird, bleibt abzuwarten. Möglicherweise startet sie als Cheftrainerin der Männer durch – und empfiehlt sich für eine Fortsetzung des Engagements.

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