Jeder Schiedsrichter hätte in diesem Spiel Rot gezeigt – nur dieser 81-Jährige nicht
„Da ist ja die Berühmtheit“, brüllt einer der Spieler auf dem Weg in die Kabine über den Parkplatz. „Wir sind alle nur wegen dir hier“, ruft ein anderer. Der ältere Herr, schlank, kurze, weißgraue Haare, der kurz zuvor aus seinem Audi ausgestiegen war, begrüßt jeden, der an ihm vorbeikommt, mit Handschlag. Wer will, hält einen kurzen Plausch. Der Mann, dem die Aufmerksamkeit gilt, ist Hermann Bücker.
Normalerweise gilt die alte Regel, dass ein Schiedsrichter besonders dann gut war, wenn man ihn gar nicht wahrnimmt. Bei Hermann Bücker ist das unmöglich. Schon eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff wird deutlich, dass er der Star an diesem Sonntagmittag ist. Es ist auf dem Papier alles andere als ein Leckerbissen, der ihn erwartet. Dritte Kreisklasse, 1. FC Westerwiede gegen TuS Hilter III. Niedriger geht es im Fußballkreis Osnabrück nicht.
Dass für solche Spiele überhaupt ein Schiedsrichter angesetzt wird, ist angesichts des im Querschnitt des Landes immer noch vorherrschenden Mangels an Schwarzkitteln keineswegs selbstverständlich. Dass es dann noch Hermann Bücker ist, ist bemerkenswert. Schließlich ist Hermann mittlerweile 81 Jahre alt und damit der älteste aktive Schiedsrichter seines Kreises. Ihn wie üblich für den Protagonisten einer solchen Reportage nur beim Nachnamen zu nennen, wäre eine Beleidigung. „Alle sagen: Hermann hier, Hermann da“, sagt Hermann. Hermann Bücker ist einfach Hermann.
Seltenes Bild: Karten braucht Hermann Bücker im Spiel fast nieUnd als solcher betritt er 20 Minuten vor Anpfiff den Sportplatz in Bad Laer. Es ist eine umfunktionierte Wiese zwischen den Feldern. 50 Meter weiter grasen Schafe. Dorfromantik am Rande des Teutoburger Waldes. Ein Spieler kommt mit Kippe im Mund zum Aufwärmen. Das braucht Hermann nicht mehr. „Ich will quatschen. Komm, wir gehen in die Sonne“, sagt er. Hermann hat sich trotz des strahlenden Sonnenscheins für das hellblaue Langarmtrikot entschieden. 2018er Kollektion.
Nicht nur modisch ist Hermann mit der Zeit gegangen. Seitdem er sich 1979 von seinem damaligen Verein, in dem er selbst Fußball spielte, überzeugen ließ, Schiedsrichter zu werden, hat sich vieles getan. Die Ansetzungen für die Spiele gibt es per E-Mail und nicht mehr per Post, Spielberichte werden online ausgefüllt, nicht mehr auf Papier. Spesen werden nicht mehr bar ausgezahlt, sondern überwiesen. Jedes Jahr Regeländerungen.
An Hermann lässt sich der fundamentale Wandel einer für den Fußball unersetzlichen Spezies dokumentieren. „Ich mache alles mit dem Computer. Auch als alter Sack kommst du heute ohne den gar nicht mehr aus. Hätte ich in meinem Alter das Ganze mit dem Digitalen auch noch gelernt, wenn ich den Fußball nicht gehabt hätte? Ich weiß es nicht. Es hat sich mit der Zeit vieles so positiv verändert“, sagt Hermann.
Hermann Bücker eilt der Ruf des Kartenlosen voraus
Nur auf die Gretchenfrage hat Hermann keine Antwort. Ist es in den vergangenen Jahren besser oder schlimmer geworden im Umgang mit den Schiedsrichtern? Zwar verzeichnet die DFB-Statistik einen leichten Rückgang bei Spielabbrüchen und Gewalttaten gegen Schiedsrichter, dennoch wird immer noch regelmäßig über Attacken berichtet. „Ich bin kein Maßstab“, sagt Hermann nur.
Seit 3500 Spielen habe er keine Rote Karte mehr gezeigt und auch nur einmal Gelb-Rot. Vor einem Jahr, ausgerechnet, als die Lokalpresse da war. Was macht er anders? „Es ist der Respekt, der mit dem Alter kommt. Ich werde mein erstes Spiel nicht vergessen. Da habe ich zwei Rote Karten gegeben. Das würde ich heute nie machen“, sagt Hermann. Heute eilt ihm der Ruf des Kartenlosen voraus. Mehrfach wird er in Bad Laer darauf angesprochen, ob er Gelb und Rot überhaupt dabeihabe. Hat er. Zeit, anzupfeifen.
Es ist Partie Nummer 7679 in der Karriere des Hermann Bücker. So jedenfalls geht es aus seinen Notizen hervor. In fünf karierten Büchern notiert Hermann seit Jahrzehnten feinsäuberlich sein Leben. Laufrunden, Geburtstage, Grünkohlessen – und eben alle Einsätze. Monat für Monat, mit Ergebnis und Wetter.
Fein säuberlich: Eines von fünf Notizbüchern – hier wird jedes Spiel notiertDieses Mal hat es sich herumgesprochen, dass es Hermanns letztes Spiel sei. Von der Gastmannschaft bekommt er sogar ein Geschenk überreicht – einen Wimpel und ein unterschriebenes Trikot. Es ist ein Trugschluss. Zwar mag der gelernte Kesselschmied, anschließende Bundeswehr-Offizier und spätere Chauffeur beruflich lange in Rente sein. Der Schiedsrichter Hermann aber hat noch nicht Schluss. „Ich denke höchstens von Jahr zu Jahr“, sagt er vor dem Spiel demütig. „Und ich weiß, dass man dann auch aufhören muss.“ Noch ist diese Zeit aber nicht gekommen.
Warum er sich das noch antut, jedes Wochenende auf dem Platz zu stehen? „Um zu quatschen. Um die Leute zu treffen“, sagt Hermann. „Der Fußball hat mir alles zurückgegeben.“
Nette Geste: Ohne wirklichen Anlass überreicht der TuS Hilter ein GeschenkNun könnte man darüber lachen, dass er sich, als der Ball rollt, nicht mehr sonderlich zügig und elegant über das Grün bewegt. „Die Spieler sind alle auf 100 Metern schneller“, sagt Hermann selbst. Entscheidungen werden schon mal aus 40 Metern Entfernung getroffen. Es dauert, bis Hermann einen am Boden liegenden Spieler erreicht hat. Trotzdem kann man auch einfach dankbar sein, dass jemand in dem Alter noch fit genug ist, den Spielbetrieb am Laufen zu halten.
Dass er das körperlich noch machen kann, ist wohl einzig Hermanns Laufkarriere zu verdanken. 16-mal hat er nach eigener Aussage einen Marathon absolviert, Pokale bei kürzeren Wettbewerben gewonnen. Bis heute ist das Laufen Anker im Alltag. Seine Frau geht spazieren, Hermann macht seinen Lauf. Etwas mehr als eine halbe Stunde pro Tag, an dem er kein Spiel hat. So ist es seinem Notizbuch zu entnehmen. Gesundheitlich ist Hermann topfit.
„Drecksverein“, werfen sich die Spieler an den Kopf
Sportlich ist das Spiel schnell erzählt. Kellerkind Westerwiede bricht nach 1:0-Führung in der zweiten Halbzeit konditionell zusammen, verliert gegen die Mittelfeldmannschaft Hilter III am Ende verdient mit 1:5. Ansonsten ist es, egal welche Ikone die Pfeife in der Hand hat, ein ganz normales Kreisklassenspiel. Da wird gezogen, gegrätscht, gefordert, auch mal gemeckert. Nur die Bewertung des Ganzen fällt wegen Hermann anders aus als bei anderen Schiedsrichtern.
Vor allem im zweiten Durchgang wird es hitzig. „Drecksverein“, werfen sich zwei Spieler für Außenstehende hörbar entgegen. Es gibt eine Schubserei, nach einem der Gegentore bewirft ein Verteidiger Westerwiedes seinen Gegner wuchtig mit dem Ball. Ob bewusst oder unbewusst – Hermann sieht und hört weg. Und irgendwie hat man als Beobachter doch nie das Gefühl, dass ihm das Spiel entgleitet.
In einer Großstadt wie Berlin wäre eine solche Spielleitung unmöglich. Jeder normale Schiedsrichter wäre hier mit einer, vielleicht sogar zwei oder drei Roten Karten vom Platz gegangen. „Und wahrscheinlich noch mit ein, zwei oder drei Strafstößen“, ergänzt Hermann später. Hier aber auf dem Dorf zeigt sich: Hermann ist nicht normal. „Ich bin kein Maßstab“, wiederholt er.
Konsequente Ansprache: Der 81-Jährige nimmt sich einen Spieler des 1. FC Westerwiede zur BrustNach dem Abpfiff sind die Emotionen der Spieler wie weggeblasen, Hermann selbst galten sie ohnehin nie. Er sei zufrieden, auch wenn er entgegen seinem Ruf nicht ganz ohne Karte auskommt. In der ersten Halbzeit hat er Gelb schon gezückt, entscheidet sich doch noch anders. „Da kann man nochmal Fünfe gerade sein lassen“, kommentiert er auf dem Platz. In der zweiten Hälfte blockiert dann ein Spieler der Heimmannschaft eine Freistoßausführung. Es führt kein Weg mehr dran vorbei. Gelb – ausgerechnet jetzt, wo die Presse wieder da ist.
28 Euro bekommt er für seinen Auftritt überwiesen, dazu 30 Cent pro angereistem Kilometer. Das Geld ist in der Vergangenheit in die Familie geflossen. Seinen drei Kindern habe er von seinen Spesen den Führerschein bezahlt, den sieben Enkelkindern konnte er immerhin noch jeweils 1000 Euro zuschießen. Die Familie ist heute Hermanns Priorität. Das war nicht immer so. „Ich habe einen Fehler gemacht in meinem Leben. Ich wusste – zwischen Familie, Sport und Beruf – nicht immer, was ich nach oben setzen sollte. Und ich habe den Sport gegenüber der Familie als Priorität zu weit nach oben gesetzt“, sagt Hermann.
Ein Testspiel an der Bremer Brücke
Nach dem Spiel setzt sich Hermann mit Bier und Bratwurst in der Hand auf einen weißen Plastikstuhl. Dienst erledigt, jetzt kann er wieder tun, was er beim Fußball am liebsten macht: quatschen. Hermann ist einer, der in den Geschichten springt. Von der, wie er an der Bremer Brücke, dem Heimstadion des VfL Osnabrück, mal mit zwei jungen Kollegen an den Linien ein Freundschaftsspiel gegen Hibernian Edinburgh leitete. Im August 1996 war das, in einem Online-Archiv lässt sich tatsächlich noch ein Eintrag dazu finden. Zuschauer: 2100. Endstand: 3:3. Schiedsrichter: Bücker.
Zu der, wie ihm der heutige Cottbus-Trainer Claus-Dieter Wollitz mal vorhielt, seinen Tipp kaputtgemacht zu haben, weil Hermann in einem Testspiel beim Stand von 12:0 einen schmeichelhaften Elfmeter für den Gegner gab. Zu der, wie er vor wenigen Monaten noch ein WM-Vorbereitungsspiel der deutschen Ü70-Nationalmannschaft leitete. Die Liste ließe sich noch lange fortführen.
Vergangene Tage: Bücker (2.v.r.) im August 1996 beim Spiel VfL Osnabrück gegen Hibernian Edinburgh an der Bremer BrückerNur zu Höherem war Hermann nie berufen. Dafür hat er mit 35 Jahren zu spät angefangen. Für die Landesliga hat es gereicht – für mehr nicht. Und dennoch habe er „alles erreicht“, sagt Hermann. Er zieht eine positive Bilanz – nicht nur seiner Schiedsrichter-Karriere, sondern seines ganzen Lebens. „Ich kenne keinen Politiker, keinen Bundesligaspieler oder Weltmeister, der so glücklich ist wie ich.“
Was die jungen Menschen, die Schiedsrichter werden wollen, von ihm lernen können, will WELT noch wissen, bevor Hermann in sein Auto steigt und sich auf den Weg nach Hause macht. „Drück die Daumen, dass ich noch ein paar Jahre vor mir habe“, antwortet er nur. Es ist eine Hermann-Antwort. Er ist eben kein Maßstab für andere.
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Er ist selbst seit fast zwölf Jahren Schiedsrichter und pfeift Bezirksliga.
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