„Schumacher sagte Senna, er solle sich verpissen“
Er hat rund eine Million Euro in die Luft geblasen. Und von den 1130 Grands Prix von 1950 bis heute hat er sagenhafte 827 besucht – und über weitere 130 berichtet. 1000 PS und 100.000 Zigarren – das ist das Leben von Roger Benoit (77). Der Schweizer Ringier-Verlag hat jetzt ein Buch über seinen Star-Reporter vom BLICK herausgebracht: „Formel Wahnsinn“ (ab 16. April erhältlich und jetzt schon bei Amazon und allen Buchhandlungen für 48 Euro bestellbar).
Unglaubliche, nie veröffentlichte Geschichten aus und hinter der Formel-1-Welt rasen in unsere Köpfe. Verrückte, traurige, brutale, lustige.
Michael Schumacher und Ayrton Senna
Testfahrten 1992 am Hockenheimring. Der große Ayrton Senna, damals dreimaliger Champion, fühlte sich vom Deutschen, Michael Schumacher, auf der Strecke behindert. Benoit beschreibt die Szene so: „Senna ging in die Benetton-Box und stellte ihn zur Rede. Und was machte Schumacher? In seiner hilflosen, arroganten Art sagte er dem großen Brasilianer, er solle sich quasi verpissen. Auch so ein Verhalten zeichnet einen Superstar aus.“
1992, Hockenheim: Ayrton Senna und Michael Schumacher im StreitMit Schumacher gab es viele Geschichten. „Er schenkte mir zusammen mit Ecclestone zu meinem 400. Grand Prix in Hockenheim eine Dame, die aus einer lebensgroßen Torte sprang – und wollte später die Hoteltüre einschlagen, als ich mit dieser Dame auf dem Zimmer verschwand. Sie schafften es nicht.“
Bernie Ecclestone
Eine Vollgas-Freundschaft hält schon über 50 Jahre. Formel-1-Macher Bernie Ecclestone (95) schreibt im Vorwort: „Ich sah ihn vor über 50 Jahren zum ersten Mal mit einer Zigarre im Fahrerlager. Heute sammelt er bei seinen Besuchen auf meiner Ranch in Brasilien jede Früh die Hühnereier ein. Der Rekord liegt bei 74.“
Als der Schweizer Journalist Ecclestone im Hubschrauber zu dessen Ranch mal fragte, wie groß denn sein Anwesen sei, antwortete Ecclestone: „So weit wie du schauen kannst, nach vorn, nach hinten, nach links, nach rechts.“
Die Zigarre ist das Markenzeichen geblieben. Backgammon auch. Ecclestone gibt zu: „Er war etwas stärker.“ Einmal, 1973 in Watkins Glen, schuldete er Zigarren-Roger 5000 Dollar. Benoit: „Er ließ sich den Aktenkoffer vom damaligen March-Teamchef Max Mosley (später Fia-Präsident, d. Red.) mit dem Preisgeld bringen, nahm die 5000 Dollar raus. Im Koffer waren zwei oder drei Millionen …“
Schwere Unfälle
Weniger Geld, aber genauso viel Freundschaft, war beim Backgammon 1980 in St. Mary’s Hospital in Long Beach im Spiel. Roger Benoits Schweizer Landsmann Clay Regazzoni (starb 2006 mit 67 Jahren bei einem Verkehrsunfall) verunglückte beim Rennen schwer. Benoit war drei Wochen beim Vizeweltmeister von 1974 mit Ferrari und verrät: „Clay wurde alle drei Stunden von Bauch/Rücken/Bauch gewendet. Wenn er auf dem Bauch liegen musste, hatte er eine Öffnung nach unten, sodass er auf den Boden schauen konnte. Ich kroch unters Bett, legte mich mit dem Rücken auf den Boden, und wir redeten miteinander – oder spielten Backgammon …“ Heute unvorstellbar.
Genau wie die Begegnung 1970 in Monza mit dem Posthum-Weltmeister Jochen Rindt († 28). Benoits viertes seiner über 800 Rennen. „Ich saß mit Jochen am Samstagmorgen auf der Boxenmauer. Wir sprachen über seinen defektanfälligen Lotus und rauchten. Er Zigaretten, ich Zigarre. Jackie Stewart lief vorbei, sagte zu Jochen: ‚Hör endlich auf mit dem Scheiß, sonst lebst du nicht mehr lange.‘ Drei Stunden später war er tot.“ Verunglückt im Lotus, den Ex-Weltmeister Mario Andretti immer „schwarzen Sarg“ nannte. Als am nächsten Tag Clay Regazzoni an seinem 31. Geburtstag im Ferrari seinen ersten Grand-Prix-Sieg feierte, flippten 200.000 Italiener in Monza aus. Der Tod von Rindt tags zuvor fast vergessen. „Da wusste ich, wie brutal die Formel 1 sein kann.“
Verunglückte im „schwarzen Sarg“ Jochen RindtAuch die schrecklichen Unfälle von Helmut Koinigg 1974 in Watkins Glen und Tom Pryce 1977 in Kyalami erlebte Benoit hautnah. „Wenn das Blut aus Helmen und reglosen Köpfen läuft, kriegst du diese Bilder nie mehr aus dem Kopf.“
Die alten Zeiten erlaubten ihm (und uns älteren Kollegen) überhaupt die Nähe zu den großen Helden. Positiv wie negativ.
Niki Lauda
Bei seinem ersten Besuch auf Ibiza flogen während des sechsstündigen Interviews auch Marmeladengläser und Fleischstücke zwischen Niki und seiner Frau Marlene durch die Luft. Sie waren beide sehr impulsiv. Roger Benoit schildert in diesem „Formel Wahnsinn“ auch die Tage nach dem furchtbaren Feuerunfall von Niki Lauda 1976 auf dem Nürburgring. Er durfte als einziger Journalist in die Unfallklinik Ludwigshafen, weil er mit den Laudas befreundet war. „Ich wartete auf dem Flur. Freitag nach dem Unfall. Zuerst kam der Priester aus Nikis Krankenzimmer. Wenig später Marlene. Nikis damalige Frau sagte zu mir: ‚Der Idiot hat Niki die letzte Ölung gegeben‘.“ 40 Tage später raste Lauda zu einem sensationellen vierten Platz in Monza.
James Hunt
Auf einem Flug nach Südafrika vergnügten sich der Playboy Nr. 1 und ein Ferrari-Pilot nacheinander mit einer Passagierin im Waschraum des Flugzeugs. „Ich musste Schmiere vor der Türe stehen. Hunt sagte zu mir: ‚Wenn ich von innen klopfe, bin ich fertig. Wenn die Luft rein ist, klopfst du von außen‘.“ Das Pikante: Sie waren beide in Begleitung auf dem Flieger …
Hunt sagte mal zu mir: „Ich habe dem Lauda das Leben mit Frauen beigebracht, er mir das mit dem Auto …“ 1976, dem Feuer-Überlebens-Jahr, schenkte Lauda seinem Konkurrenten und Kumpel Hunt den WM-Titel. Er stellte im letzten Saison-Rennen bei strömendem Regen im japanischen Fuji sein Auto ab und sagte mir: „Ich will mich nicht ein zweites Mal umbringen.“ Hunt gewann mit einem Punkt Vorsprung die WM.
Nelson Piquet
1987 dominierten – und bekriegten sich – der Brasilianer und Nigel Mansell im Williams. Der Engländer musste beim Training in Mexiko mit Montezumas Rache (Durchfall) mehrfach einen unfreiwilligen Boxenstopp beim einzigen WC hinter den Garagen einlegen. Der freche Piquet schlich sich ins WC, klaute die Papierrolle und wartete bis zum nächsten Stopp seines Teamkollegen hinter dem Häuschen. Als Mansell rauskam, lachte er: „Womit hast du dir denn den Hintern abgewischt?!“
Teamchefs
Ken Tyrrell († 2001 mit 77 Jahren) verbot in seinen zwei Jahrzehnten (u. a. Weltmeister mit Jackie Stewart) seinen Fahrern (u. a. Martin Brundle, Jean Alesi) Sex am Abend vor den Rennen. Er schickte seine Fahrer auch wieder zurück ins Hotel, wenn sie unrasiert oder in kurzen Hosen an die Strecke kamen.
Frank Williams († 2021 mit 79), nach einem Verkehrsunfall 1986 an den Rollstuhl gefesselt, klaute als junger Mann Blumen in fremden Gärten und verkaufte sie – oder er rannte für Wett-Geld nackt um Kirchtürme. Sein Williams F1 gehört mit 114 Grand-Prix-Siegen, sieben Fahrer- und neun Konstrukteurs-Weltmeistertiteln zu den erfolgreichsten Konstrukteuren in der Geschichte der Formel 1.
Sebastian Vettel
Und schnell noch ein Schmankerl über den Sparfuchs Sebastian Vettel (38). Der viermalige Weltmeister mit Red Bull (2010–2013), geschätztes Vermögen 250 Millionen Euro, kratzte schon bei Toro Rosso die ersten Millionen zusammen. Am Montag nach seinem ersten Formel-1-Sieg 2008 in Monza im unterlegenen Schwesterteam von Red Bull ploppte um 8 Uhr bei Teamchef Franz Tost die Rechnung für den ausgehandelten Sieg auf. Jetzt verstehen wir auch, dass er nie einen Manager brauchte.
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