Es war die Szene, die die Gemüter bei Real Madrid erhitzte. Noch während des Spiels, aber vor allem nach dem Spiel – als das Aus in der Champions League gegen den FC Bayern nach einem 1:2 im Hinspiel und dem 3:4 im Rückspiel besiegelt war.

Was für Frust, Wut und Unmut sorgte, war die Szene in der 86. Minute: Schiedsrichter Slavko Vinčić zeigte Madrids Eduardo Camavinga die Gelb-Rote Karte. Der Mittelfeldspieler, der aufgrund eines taktischen Fouls acht Minuten zuvor gegen Jamal Musiala bereits verwarnt war, hatte nach einem Foul an Harry Kane den Ball in die Hand genommen, kickte zweimal dagegen und blockierte damit den Spielfluss. Vinčić bestrafte ihn umgehend mit Gelb, ehe ihm klar wurde, dass Camavinga schon Gelb gesehen hatte. Folgerichtig musste der 26-malige französische Nationalspieler vom Platz.

„Er hatte es nicht auf dem Schirm“, sagte Sami Khedira als Experte am Mikrofon bei DAZN während der Übertragung. Der Weltmeister von 2014, der von 2011 bis 2015 für Real Madrid gespielt und mit den Königlichen die Champions League gewonnen hat, befand: „Ich weiß nicht, ob er (der Schiedsrichter – d.R.) das Spiel entschieden hat. Aber er hat es definitiv mitentschieden.“

Lutz Michael Fröhlich, 68, war jahrelang selbst Schiedsrichter. Er leitete unter anderem 200 Erstligaspiele – und war nach seiner Karriere von 2008 bis 2016 erst hauptamtlicher Leiter der Abteilung Schiedsrichter beim DFB, ehe er bis 2024 als Vorsitzender der Schiedsrichterkommission Elite fungierte.

Lutz Michael Fröhlich war bis 2024 Geschäftsführer Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH

WELT: Herr Fröhlich, lassen Sie uns die zwei Gelben Karten mal durchgehen. Die erste für das taktische Foul gegen Musiala ist unstrittig – oder?

Lutz Michael Fröhlich: Absolut. In dem Fall handelt es sich um ein klares Halten des Gegners. Die Angriffssituation wird zerstört. Das ist alternativlos. Hier muss Gelb gezeigt werden.

WELT: Gelbe Karte Nummer zwei – und damit die Gelb-Rote. Wie beurteilen Sie die Situation?

Fröhlich: Wenn man die Situation genau betrachtet, liegt erst einmal ein klares Foulspiel des Spielers vor. Im Anschluss läuft er mit dem Ball ein paar Schritte vom Tatort weg. Dann hebt er den Ball auf und trägt ihn noch einige Meter – und damit wird den Bayern die Möglichkeit einer schnellen Spielfortsetzung genommen. Das ist der Sachverhalt, dafür gibt es Gelb. Bei so einem Spiel, in dem es beim Umschalten auf Tempo und Schnelligkeit ankommt, können solche Unsportlichkeiten entscheidenden Einfluss auf den Spielverlauf nehmen. Und wenn man den Spielverlauf immer wieder zerstört und dem Gegner die Schnelligkeit im Spielverlauf nimmt, ist das etwas, wo ich sage, dass man da konsequent vorgeht. Das würde ich immer unterstützen. Korrekt ist das allemal, was der Schiedsrichter entschieden hat.

WELT: Bei Real hätten sie sich bei Foul Nummer zwei etwas mehr Fingerspitzengefühl vom Schiedsrichter gewünscht, der in dem Moment offenbar nicht gewusst oder vergessen hatte, dass Camavinga schon verwarnt war. In so einem Spiel, kritisieren Experten, müssten persönliche Strafen kurz vor dem Ende sitzen.

Fröhlich: Für sein Verhalten ist der Spieler selbst verantwortlich – und nicht der Schiedsrichter. Der Spieler selbst muss sich darüber im Klaren sein, dass er wenige Minuten zuvor für ein klares Foul verwarnt worden ist. Aber natürlich kann man auch sagen: Wenn der Schiedsrichter die Gelbe und die Rote Karte zügiger in einem Kontext verbindet, also sie in einem kürzeren Zeitabstand zeigt, erzielt er eine höhere Überzeugungskraft. Doch auch das ändert nichts am Sachverhalt.

Lars Gartenschläger ist Fußball-Redakteur. Er berichtet seit 2004 über die Nationalmannschaft, war bei sechs EM- und fünf WM-Turnieren. Zudem schreibt er über DFB- und Bundesliga-Themen. Am Mittwochabend saß er vor dem TV – und schaute das epische Spiel.

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