Am Sonntag um 15.25 Uhr war Miron Muslic für einen Moment unaufmerksam. Als das Spiel der Schalker beim SC Paderborn abgepfiffen wurde und der Trainer des alten und neuen Tabellenführers jubelte, sprang Moussa Ndiaye völlig unvermittelt von der Seite auf Muslic. Der wäre fast ins Straucheln geraten, drohte den Halt zu verlieren. Doch dann blieb Muslic standhaft – genau wie zuvor sein Team, das die Partie beim ärgsten Verfolger gedreht und mit 3:2 (2:2) gewonnen hatte.

Es war ein Riesenschritt zum Ziel aller königsblauen Träume: der Rückkehr in die Erste Bundesliga.

„Das ist unglaublich“, sagte Muslic und schüttelte den Kopf, als müsse er das Geschehene erst einmal verarbeiten. „Wir sind 0:2 hinten und kommen so zurück. Aber das passt zu unserer Saison. Sie war gespickt mit Millionen kleiner Hindernisse. Doch diese Mannschaft ist so charakterstark, dass uns auch das nicht aus der Bahn geworfen hat“, erklärte er. „Hochemotional“ sei es in der Kabine zugegangen. Genauso wie vor der Gäste-Fankurve, als die mitgereisten Fans die Spieler feierten – und vor allem Muslic, der immer wieder von ihnen gefordert worden war.

„Diesen letzten Schritt werden wir, so Gott will, gemeinsam gehen“

Es ist angerichtet. Nach zwei zermürbenden Jahren im Unterhaus, in denen Schalke sogar der Absturz in die Dritte Liga drohte und die Stimmung auf dem Nullpunkt war, hat sich der Traditionsverein in dieser Spielzeit wieder aufgerichtet und eine Chance erarbeitet, an die selbst kühnste Optimisten im vergangenen Sommer nie geglaubt hätten: Bei einem Heimsieg gegen Fortuna Düsseldorf am kommenden Samstag (20.30 Uhr/live RTL und Sky) wäre der Aufstieg perfekt. „Diesen letzten Schritt werden wir, so Gott will, gemeinsam gehen“, erklärte Muslic. Dabei wirkte er entschlossen, aber auch bewegt.

Es gibt viele Gründe für die Wandlung, die Schalke in knapp elf Monaten vollzogen hat. Sie hat mit vielen Entscheidungen zu tun, die sich als richtig erwiesen haben: Mit der Neuordnung an der Vereinsspitze, als im Juni 2025 mit Frank Baumann endlich wieder ein Sportvorstand installiert worden war. Mit guten Transfers. Mit einer Professionalisierung auf vielen Ebenen. Doch wenn es einen übergeordneten Aspekt gibt, dann ist es Muslic – der erste Schalke-Trainer seit langer Zeit, der zu diesem Klub und seinem begeisterungsfähigen und gleichzeitig herausfordernden Umfeld passt.

Ekstase vor der Kurve der mitgereisten Anhänger: Kapitän Kenan Karaman

Dabei war die Skepsis groß, als Baumann den Österreicher bosnischer Abstammung bereits Ende Mai 2025 verpflichtet hatte. Niemand konnte mit diesem Coach, der zuletzt beim englischen Zweitligaabsteiger Plymouth Argyle gearbeitet hatte, etwas anfangen. Miron wer? Doch rasch wurde klar, dass es ein vielversprechendes Match werden könnte. Das erste Indiz: Die Art und Weise, wie Muslic Schalke wahrnahm und wie er sich auf den Verein einließ – mit Haut und Haaren.

„Schon als ich den ersten Schritt durch den Tunnel heraus auf das Spielfeld gemacht habe, hat es geklickt. Ich werde es niemals vergessen: diese Intensität, diese Lautstärke, diese Wucht. Da hab ich gewusst: Das kann ein Riesenvorteil für uns sein“, sagte Muslic, nachdem er vor dem ersten Saisonspiel gegen Hertha BSC den Innenraum der vollbesetzten Schalker Arena betreten hatte. Nach der Partie, die Schalke 2:1 gewinnen konnte, ging er mit seiner Mannschaft in die Nordkurve. Das rief Skepsis hervor: Was bildet sich dieser Trainer ein, der gerade mal ein Spiel hinter sich gebracht hat, dass er sich schon feiern lässt?

Muslic ging es jedoch um etwas anderes. Emotionen, das hatte er schnell erkannt, sind auf Schalke ein größerer Faktor als anderswo. Sie gilt es zu nutzen. Darauf nahm er auch am Sonntag in Paderborn erneut Bezug. „Emotionale Kontrolle war der Schlüssel für die letzten Monate, sonst kannst du diesen Giganten nicht stabilisieren und in die richtigen Bahnen lenken“, erklärte er. Dies ist ihm gelungen wie nur wenigen Schalker-Trainern der vergangenen Jahrzehnte. Seine Rechnung war: Wenn die Mannschaft in jedem Spiel den Eindruck vermittelt, an ihre physische Grenze zu gehen, wird sie getragen werden.

Der Rest war ein klares, stringentes Konzept, basierend auf dem, was wirtschaftlich möglich war. Denn finanziell ist Schalke alles andere als ein Gigant. Sogenannte Unterschiedsspieler wie Simon Terodde, der den Klub 2022 quasi im Alleingang zum Aufstieg geschossen hatte, waren nicht drin. Also wurden die wenigen Mittel, die zur Verfügung standen, eingesetzt, um die Defensive kompakt zu machen. Nikola Katic, Hasan Kuracay, Timo Becker – die wesentlichen Verpflichtungen im vergangenen Sommer waren Abwehrspieler. Muslic baute ein Bollwerk. Schalke wurde Herbstmeister, weil es nur zehn Gegentore zuließ. Doch ob dies allein zum großen Wurf reichen würde?

„Im Januar haben wir gemerkt: Das wird sich so nicht mehr ausgehen. Wir müssen den nächsten Schritt gehen“, erklärte Muslic. Es wurde nachgebessert. Mit Edin Dzeko, Dejan Ljubicic, Adil Aouchiche und Ndiaye wurden Torgefährlichkeit und Kreativität geholt. Die Transformation der Spielweise gelang im Handumdrehen: Die Winterzugänge stießen auf ein homogenes Gebilde. Schalke spielte von nun an ganz anders – aber genauso erfolgreich.

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„Ich glaube, die Mannschaft kämpft auch für den Trainer. Das sieht man auch auf dem Platz. Er ist fachlich wie menschlich überragend“, sagte Ljubicic, der in Paderborn mit zwei Toren entscheidenden Anteil am Happyend hatte. Muslic verfügt über eine große Überzeugungskraft. Er weiß, wie er Spieler für sich gewinnen kann – indem er sie stark redet, ihnen aber auch Raum gibt, ihre Persönlichkeiten zu zeigen.

Schalke ist stabil, weil die Mannschaft mittlerweile von Spielern geführt wird, die bis zum vergangenen Sommer wahrscheinlich selbst noch nicht gewusst haben, dass sie Führungsqualitäten haben: Torwart Loris Karius, Mittelfeldspieler Ron Schallenberg und vor allem Kapitän Kenan Karaman. Sie alle hatten in ihren Karrieren zuvor schon reichlich Brüche erlebt.

So wie sie Muslic in seinem Leben erfahren musste. Als Elfjähriger war er mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Österreich geflohen. Ein traumatisches Erlebnis, das den 43-Jährigen bis heute prägt. „Resilienz und Widerstandsfähigkeit passen zu meinem Charakter – aber sie passen auch perfekt zu Schalke. Auch hier trifft alles auf Widerstände. Aber die Leute hier sind so, dass sie dagegen ankämpfen“, sagte er einmal.

Die Schalker stehen kurz davor, diesen Kampf zu gewinnen. Ohne Miron Muslic hätten sie das nicht geschafft.

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