Wie ein Junge vom Land seinen Traum jagt
Wenn es am Ende so richtig hart wird, der Zielstrich auf der Stadionrunde immer näher rückt, die Athleten mit schweren Beinen noch die letzten Hürden nehmen müssen – dann hat Owe Fischer-Breiholz am meisten Spaß. Die letzten, schmerzhaften 100 Meter auf der Stadionrunde liegen dem 21-Jährigen besonders. „Ich mag sie sogar am liebsten“, sagt der Hürdenläufer. „Dort kann ich am besten punkten.“
Und das tat er im vergangenen Jahr derart gut, dass er plötzlich nicht nur Leichtathletik-Insidern ein Begriff war und nun als Hoffnungsträger gilt. Und das auf einer Strecke, die hierzulande mit einem legendären Namen verbunden ist: Harald Schmid. Der 68-Jährige hält weiterhin den deutschen Rekord. Fischer-Breiholz hat sich bereits auf Platz drei der ewigen deutschen Bestenliste über 400 Meter Hürden katapultiert und überflügelte in einer Statistik gar Norwegens Weltrekordhalter Karsten Warholm. Unter anderem zwei wegweisende Entscheidungen brachten ihn dorthin.
In einer Woche nun startet er bei den Staffel-Weltmeisterschaften in Botswana in die neue Saison. Dass er seit dem vergangenen Sommer mehr in den Fokus gerückt ist, verunsichert ihn dabei nicht. „Ich freue mich natürlich riesig, wie die Saison verlaufen ist, weiß aber auch, wie viel Arbeit ich reingesteckt habe“, sagt er. „Ich möchte auf jeden Fall daran anknüpfen, aber nicht mit Druck dahinter, sondern mit harter Arbeit und neuen Zielen, um dann hoffentlich noch schneller zu laufen.“ Seine Bestzeit schraubte er bei der U23-Europameisterschaft im vergangenen Sommer von 48,76 auf 48,01 Sekunden – ein Riesensprung.
Owe Fischer-Breiholz bei seinem WM-Debüt im September 2025Die Zeit brachte ihm nicht nur den EM-Titel ein, sondern auch Platz zwei der deutschen Bestenliste, bis sich Emil Agyekum im September vor ihn schob. Den 26-Jährigen sowie den 29 Jahre alten Joshua Abuaku sieht er national als seine Vorbilder. International sind es Warholm und der Amerikaner Rai Benjamin, beide Olympiasieger und Weltmeister. Den Norweger übertrumpfte der junge Deutsche bei der U23-EM in einer Art Fernduell: Seine Siegerzeit war Meisterschaftsrekord. Diesen hielt bis dahin Warholm, aufgestellt im Jahr 2017. „Das war natürlich sehr, sehr atemberaubend für mich“, sagt der junge Deutsche.
8. September 1982? Klar weiß Fischer-Breiholz, was war
Was folgte, war sein erster nationaler Titel sowie seine WM-Premiere wenig später in Tokio. Dort ging es dann zwar gut los, zum Halbfinale aber konnte er wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel nicht mehr antreten. Dennoch – das vergangene Jahr gab ihm viel Motivation. „Warholm und Benjamin sind die absoluten Vorreiter in dieser Disziplin und laufen aktuell noch auf einem ganz anderen Niveau. Dass ich jetzt schon gegen diese Leute antrete, zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, sagt Fischer-Breiholz. „Und das heißt, dass man sich auch auf sich selbst konzentrieren muss und sich nicht zu klein machen darf.“
Was ist also möglich? Der 21-Jährige antwortet lieber zurückhaltend auf diese Frage, will keine konkrete Zeit oder eine bestimmte Medaille nennen. „Aber ich werde alles geben, und ich bin sicher, dass noch einiges geht.“ Der 8. September 1982 und die Zeit von 47,48 Sekunden? Es ist ihm ein Begriff. „Na klar, das ist der deutsche Rekord von Harald Schmid“, sagt er lächelnd beim Video-Interview, bleibt aber dabei: „Ich versuche, mich weiterzuentwickeln und so schnell zu laufen, wie ich kann. Und wenn dann vielleicht irgendwann der deutsche Rekord dabei fallen sollte, wäre das natürlich extrem schön.“
Olympische Spiele 1984: Hürden-Ass Harald Schmid gewinnt am Ende die BronzemedailleSeine Sportkarriere nahm ihren Ausgangspunkt in Wittenburg-Körchow, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wuchs Fischer-Breiholz auf dem landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern auf, fernab des Trubels einer Großstadt. „Wir machen Ackerbau“, erzählt er. „Ich habe sogar einen Trecker-Führerschein.“ Sein Zuhause, es ist auch ein Ort mit viel Platz zum Toben, für Bewegung allgemein – genau das Richtige damals für ihn, denn Fußballspielen im Verein allein reichte ihm nicht. „Ich hatte sehr viel Energie als Kind. Auch neben dem Fußball bin ich überall herumgesprungen, gerannt, herumgelaufen, und musste mich viel auslasten“, erinnert er sich.
Seine Leichtathletik-Liebe begann dann konkreter mit Crossläufen in der Grundschule. Und je länger sie waren, desto besser für Fischer-Breiholz. Als er mit zehn Jahren schließlich das erste Mal an Landesmeisterschaften teilnahm, rannte er über 800 Meter gleich allen davon. Das motivierte, weckte seinen Ehrgeiz und ließ ihn bald von Großem träumen. „Ich war zehn oder elf“, erinnert er sich, „als ich das erste Mal sagte: ‚Ich möchte mal zu den Olympischen Spielen!‘ Damals wusste ich noch nicht, was das wirklich bedeutet und welches Ausmaß an Training das mit sich bringt, aber es war ein kleiner Traum.“ Ein Traum, der ihn fortan begleitete.
„Für mich war es wirklich eine der größten Hürden“
Die Jahre vergingen, der Fußball als Hobby verschwand, die Leidenschaft für die Leichtathletik wuchs und das Training wurde intensiver. Mit 14 dann ein erster Cut: der Wechsel auf das Sportgymnasium nach Schwerin, wo er im Sommer 2024 auch sein Abitur machte. Nach einer Probewoche in Frankfurt am Main bei dem langjährigen Bundestrainer Volker Beck, 1980 Olympiasieger über 400 Meter Hürden, entschied sich Fischer-Breiholz für den zweiten großen Cut: Er packte seine Sachen und zog nach Frankfurt, um fortan 560 Kilometer von der Heimat entfernt am Bundesstützpunkt seinem Traum näherzukommen.
„Ich hatte in der Probewoche dort gemerkt, was für eine unglaublich starke Trainingsgruppe das ist und dass ich mich sehr gut entwickeln kann, wenn ich wechsle“, erzählt er. „Aus heutiger Sicht weiß ich, dass dieser Wechsel mein Training und meinen Leistungssport noch einmal auf ein anderes Niveau gebracht hat.“ Durch weniger Quantität, dafür mehr Qualität im Training sowie einen stärkeren Fokus auf Regeneration, was ihm, der in der Vergangenheit mit Überlastungen und Verletzungen zu kämpfen hatte, entgegenkommt. Außerdem durch die Trainingsgruppe, in der sich die Athleten gegenseitig fordern und vorantreiben.
Ein leichter Schritt war der Wechsel vom Norden in den Süden allerdings nicht. Wenn der 21-Jährige über die größten Hürden und Herausforderungen auf seinem bisherigen Weg nachdenkt, ist es neben Verletzungssorgen genau dieser zweite Cut. „Für mich war es wirklich eine der größten Hürden, nach Frankfurt zu ziehen“, gibt er offen zu. „Ich bereue das überhaupt nicht, aber es ist natürlich sehr weit weg von der Familie. Man ist dadurch nicht so oft zu Hause, sieht seine Familie und Freunde aus der Heimat selten. Aber ich kann hier meinen Traum vielleicht verwirklichen, habe extrem viel Spaß und bereue nichts.“
Dazu: kein Schulstress mehr, erst mal Fokus auf den Spitzensport – auch das ist ein Aspekt, der zu seiner sportlichen Entwicklung beiträgt. Mit dem Umzug ging zudem eine Ernährungsumstellung einher: Während auf dem Sportgymnasium der Weg zum Essen in die Mensa führte, kocht der 21-Jährige nun alles in Eigenregie und mit dem Wissen, dass Ernährung ein wichtiger Baustein im Spitzensport ist. Lieferservice? Nicht sein Ding. Lieber steht er selbst in der Küche, kauft vorwiegend regional, viel Gemüse, wenig Fleisch und nicht aus Massentierhaltung.
Aber ein bisschen Sündigen ist erlaubt. Erst recht, wenn das Rezeptbuch dafür ein Geschenk für den neuen Lebensabschnitt war und aus persönlicher Feder stammt. „Ich habe es von meiner Oma zu Weihnachten bekommen“, erzählt er. „Es sind alte Rezepte von ihr, vor allem für Brote und Kuchen. Davon werde ich auf jeden Fall etwas ausprobieren.“
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