Es ist eine dieser Anekdoten, die Alessandro „Alex“ Zanardi mit Vorliebe erzählte und die viel über ihn aussagt. Er, der Mann aus Bologna, der früher als junger Kerl kein Bier mochte, der seine Freunde allein auf das Münchner Oktoberfest ziehen ließ, saß eines Tages mit seiner Frau in einer Bar in Berlin, beide Beine amputiert.

Seine Beziehung zu dieser Stadt war eine besondere. Wochen zuvor hatten ihm Ärzte im dortigen Unfallkrankenhaus nach einem fatalen Motorsport-Unfall das Leben gerettet – in mehrstündigen Operationen und unter Zuhilfenahme von rund 60 Blutkonserven. „In dieser Bar sagte ich nun zu meiner Frau: ‚Du, ich möchte ein Bier trinken.‘ Darauf sie: ‚Was ist denn mit dir los?!‘„ Seit diesem Tag in Berlin bin ich Biertrinker“, erzählte Zanardi und raunte: „Das deutsche Blut in mir braucht es.“ Dann lachte er.

Der frühere Formel-1-Pilot und mehrmalige Paralympicssieger war ein erstaunlicher Mensch. Ein leidenschaftlicher Athlet, ein Vorbild und eine Inspiration. Einer, der trotz – oder auch wegen seines Schicksals das Leben gefeiert hat, der es spüren wollte mit all seinen Facetten. Und der selbst den scheinbar unüberwindbaren Hürden mit Humor, Optimismus und außergewöhnlichem Willen begegnete. Dem Schicksal entzog er damit die Grausamkeit. Zanardi überlebte nicht nur, er lebte.

„Ich bin auch ohne Beine glücklich“, sagte er einmal im WELT-Interview. Und wer mit ihm sprach, hatte keinen Zweifel daran. Nun ist Alessandro Zanardi im Alter von 59 Jahren gestorben. Dies teilte seine Familie mit.

Zanardi, am 23. Oktober 1966 geboren, hinterlässt seine Frau Daniela und Sohn Niccoló. Zur Todesursache machte die Familie keine genaueren Angaben. Zanardi sei am Freitagabend plötzlich verstorben. „Alex ist friedlich eingeschlafen, umgeben von der Zuneigung seiner Angehörigen“, heißt es in ihrer Mitteilung.

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni würdigte Zanardi als „außergewöhnlichen Menschen, der jede Prüfung des Lebens in eine Lektion in Mut, Stärke und Würde verwandeln konnte. Mit seinen sportlichen Erfolgen, seinem Vorbild und seiner Menschlichkeit hat er uns allen viel mehr als nur einen Sieg geschenkt: Er hat uns Hoffnung, Stolz und die Kraft gegeben, niemals aufzugeben.“

Wiederbelebung, Notoperationen und Neubeginn

Alessandro Zanardi war ein Vollblut-Rennfahrer, mehr noch: ein Athlet, durch und durch. Daran vermochte auch sein schwerer Unfall im Jahr 2001 nichts zu ändern. Von 1991 bis 1994 und dann nochmal 1999 steuerte der Italiener Formel-1-Boliden, absolvierte für Jordan, Minardi, Lotus und Williams insgesamt 41 Rennen. Und er war ein Star der Champ-Car-Serie. Bis zu jenem 15. September 2001 – Rückblick:

Bei einem Rennen der Champ-Car-Serie auf dem Lausitzring, etwa 115 Kilometer von Berlin entfernt, kommt es zu einem fatalen Unfall. Kaum jemand hält es für möglich, dass der damals 34-Jährige mit dem Leben davonkommt.

Die Wucht, mit der Zanardis Auto durch eine Kollision mit dem Wagen des Kanadiers Alex Tagliani in zwei Teile zerreißt, scheint zu gewaltig. Beide Beine zertrümmert, die Hauptschlagader offen, der Kopf verletzt. Siebenmal, so heißt es, bleibt sein Herz stehen, weniger als einen Liter Blut hat er in seinem Körper, als die Ärzte im Krankenhaus versuchen, sein Leben zu retten. Zanardi übersteht mehrere Notoperationen und wacht nach acht Tagen im Koma wieder auf.

Mit erstaunlichem Humor begegnete er danach seinem Schicksal. „Deutsche Ärzte gaben mir so viel Blut, dass ich eigentlich einen deutschen Pass bekommen müsste“, unkte er gern oder sagte mit Blick auf seine Prothesen: „Wenn ich jetzt barfuß laufe, kann ich mich wenigstens nicht erkälten.“

Er hatte seine Beine verloren, aber nicht seinen Lebensmut. „Wenn ich mich vor dem Unfall gefragt hatte: ‚Was würde ich machen, wenn mir so etwas passieren würde?“ Dann war die Antwort: ‚Ich würde mich umbringen.‘“ Als es dann tatsächlich geschehen war, musste er sich diese Frage ernsthaft stellen. Und seine Antwort lautete: „Das Leben ist so eine große Chance, die darf ich nicht vergeuden.“

Doch bei allem Optimismus – es war nicht immer einfach. Zanardi verhehlte das nicht. „Natürlich war es ein verdammt schwieriger Moment, als ich realisierte, dass ich meine Beine verloren hatte. Nichtsdestotrotz wusste ich schon damals: Es war ein Geschenk, dass ich mein Leben fortführen durfte. Deshalb war es schnell ein selbstverständlicher Prozess, mich darauf zu besinnen, was von mir übrig war, anstatt dem nachzutrauern, was von mir gegangen war.“

„Es ist die Stadt meiner zweiten Geburt“

Und so sah er Berlin auch nicht als Ort, an dem er seine Beine verloren hatte, sondern als jenen Ort, an dem sein Leben gerettet wurde. „Es ist die Stadt meiner zweiten Geburt“, sagte er. Nur zwei Jahre nach dem Unfall kehrte Zanardi zurück zum Lausitzring und fuhr die zum Zeitpunkt des Unglücks noch fehlenden 13 Runden zu Ende.

Alessandro Zanardi 2015 bei der Ironman-Triathlon-Weltmeisterschaft auf Hawaii

Zanardi blieb, was er war: ein enthusiastischer Athlet, der die Welt des Sports einerseits brauchte und sie andererseits selbst bereicherte. Er schaute nach vorn, wie schon im Krankenhaus, und begann, sein neues Leben mit Inhalt zu füllen, ohne Gram und ohne Wut.

„Anstatt der Frustration Raum zu geben, habe ich mich darauf konzentriert, was ich noch machen kann“, sagte er. Zanardi begab sich auf die Suche und stellte fest, wie viel ihm bleibt, und dass er „gar nicht genug Zeit habe, um all das zu realisieren, was ich gern machen würde“. Da bei der Amputation Teile seiner Beine gerettet wurden, lernte er, auf zwei Prothesen zu laufen. Beim Sport brauchte er diese nicht – Zanardi kämpfte sich als Handbiker in die Weltspitze.

„Im Sport verdichtet sich gewissermaßen das gesamte Leben“, sagte er. „Im Sport wird dir nichts geschenkt, aber er wird dich belohnen. Jeden Tag. Immer wieder. Wenn du weißt, wie du genießen kannst, wenn du wirklich für etwas voller Leidenschaft brennen und du das Beste aus dir herausholen kannst – ganz egal, ob du gewinnst oder nicht –, dann wird er dir viel geben.“

Ein Star der Paralympics, ein Finisher auf Hawaii

Zanardi gewann oft – gegen andere und gegen sich selbst. 2012 in London und 2016 in Rio holte er je zwei Goldmedaillen bei den Paralympics, dazu mehrere Weltmeistertitel. Außerdem schaffte er es bei vier Triathlon-Langdistanzen ins Ziel, darunter beim legendären Ironman Hawaii nach 9:47,14 Stunden: 3,86 km Schwimmen, 180,2 km mit dem Handbike und 42,195 km im Rennrollstuhl.

Auch die Motorsportwelt blieb ihm nicht verschlossen. Zanardi fuhr für BMW unter anderem in einem für ihn umgebauten Wagen in der Tourenwagen-WM, absolvierte in Valencia eine Testfahrt in einem Formel-1-Wagen, startete beim 24-Stunden-Rennen von Spa und jenem von Daytona sowie als Gastfahrer in einem umgebauten BMW M4 bei der DTM.

Alessandro Zanardi starb am vergangenen Freitag im Alter von 59 Jahren

Das nächste Abenteuer war bereits verkündet – er sollte beim letzten Rennen der italienischen GT-Meisterschaft vom 6. bis 8. November 2020 einen BMW M6 GT3 steuern –, als er im Juni 2020 erneut schwer verunglückte: Bei einem Benefizrennen in der Toskana verlor Zanardi die Kontrolle über sein Handbike, überschlug sich und krachte seitlich in einen Lkw.

Er erlitt ein schweres Kopf- und Gesichtstrauma mit Verletzungen am Auge. Nach einer dreistündigen Operation wurde er in ein künstliches Koma versetzt und beatmet. Der behandelnde Arzt Giuseppe Oliveri sagte damals, Zanardi sei „kein hoffnungsloser Fall“, allerdings befände er sich in einer Situation, „in der man auch sterben“ könne. Zanardi schwebte lange Zeit in Lebensgefahr, doch er überstand auch das. Es folgten mehrere Operationen und Reha-Aufenthalte, bis er im Herbst 2022 dauerhaft zurück nach Hause kehrte. Seitdem – und bis zu diesem Samstag im Mai 2026 – war es still um ihn geworden. 

„Da draußen gibt es viele von mir“

Zanardis Geschichte aber, die Art, wie er das Schicksal annahm und das Leben sah, wird weitererzählt werden. „Herausforderungen annehmen, an Grenzen gehen“, das lag ihm, dafür begeisterte er sich. „Ich will diesen Berg besteigen – aber nicht, um am Ende zu gewinnen“, beschrieb er einmal. „Ich besteige diesen Berg, weil er da ist. Und ich bin glücklich, ihn alleine besteigen zu können.“ Zanardi konnte sich seine Neugierde bewahren. Sein Leben, so empfand er es, war voll von interessanten und faszinierenden Dingen, sodass er mit großer Überzeugung sagte: „Trotz allem war ich in der Lage, meinen Unfall von 2001 in eine Chance zu verwandeln.“

Zanardi sprach darüber, weil er gefragt wurde, weil die Öffentlichkeit ein Interesse hatte. Nicht aber, weil er sich für ganz besonders stark, mutig oder gar heldenhaft hielt. Erst recht nicht für etwas Besonderes. „Meine Geschichte wurde erzählt, geschrieben, begleitet – aber ich bin nicht der Einzige. Da draußen gibt es viele von mir. Menschen, die den bestmöglichen Weg suchen, mit ihrem Leben weiterzumachen und die versuchen, das Leben weiterhin als Möglichkeit zu begreifen, ohne einen Tag zu verschwenden“, sagte er.

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Gleichwohl wusste der Italiener um die Strahlkraft seiner Geschichte. Und wer Gelegenheit hatte, mit ihm zu sprechen, sah die Welt danach zumindest kurz mit anderen Augen. Demütiger, glücklicher, optimistischer. Er war ansteckend in seinem Lebenshunger, in seiner Art, die Welt zu sehen. Auch in seiner Bescheidenheit.

„Wenn jemand auf seinem Weg Schwierigkeiten bewältigen muss, verzweifelt nach einer Inspiration sucht, um sein Leben neu zu starten, und ausgerechnet ich das dann bin – wow, dann bin ich sehr stolz. Aber es ist nicht mein Recht, mich als Inspiration zu fühlen oder gar derart zu verhalten“, sagte Alessandro Zanardi einst in einem WELT-Gespräch. „Manche denken von mir, ich sei eine Art Superman – aber hey, ich bin einfach Alex Zanardi und wahrscheinlich ein ganz lustiger Typ.“

Melanie Haack ist Sportredakteurin bei WELT. Sie berichtet seit vielen Jahren über Olympische Sportarten und über vieles mehr. Haack interviewte Zanardi unter anderem im Jahr 2015 vor dem Berlin-Marathon.

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