Die Frau, die sich gegen die Fifa stellt
Die Fifa ist einiges gewohnt. Sie hat Weltmeisterschaften nach Argentinien unter der Militärjunta gebracht. Nach Russland, wo der Kreml den Takt vorgab. Nach Katar, wo Gas-Milliarden alles möglich machten. Doch jetzt steht der mächtigste Fußballverband der Welt vor einem Gegner, der noch unbequemer sein könnte: New Jersey. Genauer: Politiker aus New Jersey. Gewählt, streitlustig – und politisch auf Angriff.
Ausgerechnet hier soll am 19. Juli das Finale der WM stattfinden. Im MetLife Stadium in East Rutherford, wenige Kilometer westlich von Manhattan. Die Fifa vermarktet den Standort offiziell als „New York New Jersey“. Und dort fragen sich inzwischen viele: Wer bezahlt eigentlich diese Party?
Die Antwort der neuen Gouverneurin Mikie Sherrill klingt wenig festlich: nicht einfach der Steuerzahler. Sherrill, Demokratin, seit Januar im Amt, hat der Fifa bereits eine empfindliche Niederlage beigebracht. Ein riesiges Fan-Fest im Liberty State Park in Jersey City – mit Blick auf Manhattan und die Freiheitsstatue – wurde abgesagt. Dort sollten während des Turniers Zehntausende Fans feiern. Es wäre der große Postkartenmoment geworden: Fußball, Skyline, Statue of Liberty. Doch Sherrill zog den Stecker. Zu teuer. Zu kompliziert. Zu wenig Nutzen für die Menschen vor Ort.
Beliebte Route: Zum Liberty State Park gehört auch eine PromenadeStattdessen will der Staat fünf Millionen Dollar in kleinere Veranstaltungen in den Gemeinden stecken. Nicht nach den engen Vorstellungen der Fifa, sondern unter Kontrolle lokaler Behörden. Sherrill sagt es so: „Die WM kommt in unseren Staat – und wir werden dafür sorgen, dass sie zuerst den Menschen in New Jersey gehört.“
Das ist der Kern des Konflikts.
Die Fifa kommt mit dem größten Sportereignis der Welt. New Jersey antwortet mit Haushaltsfragen, Pendlerärger und Lokalpolitik. Ein globaler Verband prallt auf amerikanische Provinzmacht. Und plötzlich wirkt die Fifa nicht mehr ganz so allmächtig.
Die Fifa wollte kostenlosen ÖPNV
Dabei hatte alles so harmonisch begonnen. New Jerseys früherer Gouverneur Phil Murphy war ein großer Unterstützer der Bewerbung. Er wollte das Finale. Er wollte New Jersey auf der Weltbühne sehen. Murphy schwärmte einst über die Zusammenarbeit: „Mit der Fifa zu tun zu haben, war großartig, muss ich sagen.“ Dann kam Sherrill.
Sie spielte selbst Fußball, ihre Tochter spielt Fußball, sie sagt, sie habe eine „tiefe Liebe“ für den Sport. Aber sie machte auch klar: Liebe zum Fußball heißt nicht automatisch Liebe zur Fifa. „Ich würde sagen, dass meine Liebe zum Fußball sich nicht immer auf die Fifa überträgt – das ist ein kleiner Unterschied“, sagte sie.
New Jersey hat hohe Steuern, teure Mieten, gestresste Pendler und ein chronisch klammes Nahverkehrssystem. NJ Transit, die landesweite Bahn- und Busgesellschaft, kämpft mit einem strukturellen Defizit. Und nun soll sie Hunderttausende WM-Fans zum Stadion bringen.
Die Lösung sorgte weltweit für Schlagzeilen: 105 Dollar für ein Hin-und-zurück-Bahnticket von New York City zu den Spielen im MetLife Stadium. Shuttlebusse sollen 80 Dollar kosten. Normale Parkplätze für Fans am Stadion? Gibt es nicht.
Der Rasen liegt längst: Im Stadion in East Rutherford wird das Endspiel ausgetragenFür viele Amerikaner klingt das irre. Für New Jerseys Regierung klingt es logisch: Wer Tausende Dollar für WM-Reise, Hotel und Ticket ausgibt, soll auch den Sonderverkehr bezahlen – nicht der Pendler, der morgens zur Arbeit fährt.
Der internationale Nahverkehrsexperte Jaspal Singh sieht darin sogar eine kluge Entscheidung: „Sie machen im Grunde etwas Kluges: Sie verlangen mehr von den Leuten, die ohnehin Tausende Dollar ausgeben werden, um das Stadion zu besuchen.“
Die Fifa hatte ursprünglich verlangt, dass WM-Ticketinhaber am Spieltag kostenlos fahren können. So war es bei früheren Turnieren. Doch dann wurde diese Vorgabe gelockert: Städte dürfen Fahrten nun zu Selbstkosten abrechnen. New Jersey nutzt diesen Spielraum maximal.
Die Fifa warf New Jersey vor, eine „abschreckende Wirkung“ auf das „dauerhafte Vermächtnis“ zu erzeugen, das die gesamte Region durch die WM gewinnen könne. Doch in New Jersey lautet die Gegenfrage: Welches Vermächtnis? Und für wen?
Viele Fans werden in New York übernachten, in New York essen, in New York Geld ausgeben. Die Sicherheits- und Transportlast aber landet zum großen Teil in New Jersey. Acht Spiele werden dort ausgetragen, darunter das Finale.
Weitere Politiker üben Kritik an der Fifa
Die demokratische Kongressabgeordnete Nellie Pou, in deren Bezirk das Stadion liegt, sieht die Chance – aber auch das Risiko. „Dieses Ereignis gibt uns die Gelegenheit, auf der Weltbühne zu stehen“, sagt sie. „Ich will, dass es nicht nur ein Spektakel wird, sondern dass Menschen aus aller Welt – und die Menschen in meinem Wahlkreis – es in einer sicheren und guten Umgebung erleben können. Und ich habe große Sorge geäußert, ob das möglich sein wird.“
Demokratische Abgeordnete fordern, die Fifa solle sich stärker an den Transportkosten beteiligen. Republikaner verlangen Aufklärung darüber, welche Verpflichtungen die frühere Regierung Murphy eingegangen ist. Plötzlich sind sich beide Parteien in einem Punkt erstaunlich nah: Die Fifa soll zahlen.
Die Einnahmeerwartungen des Weltverbandes sind gigantisch. Für den Zyklus 2023 bis 2026 hat die Fifa ihr Ziel auf 13 Milliarden Dollar erhöht. Ein Verband mit solchen Summen, sagen Kritiker, könne schlecht erwarten, dass lokale Steuerzahler die Logistik stemmen.
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Jersey Citys Bürgermeister James Solomon sagt über das gestrichene Fan-Fest: „Aus meiner Sicht sahen wir hohe Kosten, keine Einnahmen und keinen echten lokalen Nutzen in der Art, wie das Fan-Fest organisiert war.“
Andere US-Standorte haben Fan-Feste ebenfalls verkleinert oder gestrichen. Doch New Jersey ist besonders wichtig, weil hier das Finale steigt. Wer das Endspiel hat, steht im Zentrum. Und wer im Zentrum steht, kann der Fifa am lautesten widersprechen.
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Der Konflikt zeigt eine neue Realität für Mega-Events. Früher konnten Weltverbände mit großen Versprechen viel durchsetzen: Touristen, Investitionen, Imagegewinn. Städte und Staaten warben um Olympia, WM, Super Bowl. Die Kosten wurden oft schöngerechnet, die Risiken später sichtbar. Heute fragen Wähler härter nach: Was bringt es mir? Wird meine Bahn voller? Wird mein Ticket teurer? Muss meine Stadt Polizeistunden bezahlen? Verdient am Ende vor allem jemand anderes?
In New Jersey werden diese Fragen gerade öffentlich gestellt. Das macht den Fall so interessant. Die WM 2026 soll das größte Turnier der Geschichte werden: drei Länder, 16 Gastgeberstädte, 48 Mannschaften. Die Fifa denkt in globalen Dimensionen. New Jersey denkt in Pendlerzügen, Sicherheitsplänen und Haushaltslöchern.
Wer bezahlt die Party? Mikie Sherrill, Gouverneurin von New Jersey, hat neben Antworten vor allem auch einige FragenEs ist der perfekte Zusammenstoß. Und mittendrin: Fußballfans. Sie wollen Stars sehen, Tore, Gänsehaut, eine WM in Amerika. Doch in New Jersey beginnt die Debatte nicht mit der Frage, wer Weltmeister wird. Sondern mit der Frage, wer die Busse bezahlt. Vielleicht ist genau das sehr amerikanisch.
Die Fifa hat mit Autokraten verhandelt, mit Monarchien, mit Regierungen, die kaum Widerspruch kannten. New Jersey ist anders. Dort gibt es Ausschüsse, Briefe, Bürgermeister, Gouverneure, Haushaltslöcher, Pendlerfrust – und Politiker, die aus Ärger Kapital schlagen können. Für die Fifa könnte es eine unbequeme Lehre werden: Man kann sich mit Scheichs arrangieren. Mit Oligarchen. Mit Präsidenten. Aber mit New Jersey? Das ist eine ganz andere Liga.
Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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