Konzert in Allstedt setzt Bauernkrieg ein musikalisches Denkmal
- Die Uraufführung des Bauernkriegsoratoriums findet in Allstedt statt, wo Müntzer seine Fürstenpredigt hielt.
- Rund 180 Sängerinnen und Sänger aus Chören in Eisleben, Sömmerda und Wittenberg wirken am Oratorium mit.
- Im Stück geht es um die gegensätzlichen Ansichten von Luther und Müntzer zu Gewalt als Mittel zur Reformation.
MDR KULTUR: Christoph Reuter, was ist zu erwarten bei der Aufführung in Allstedt in der Kirche, in der Thomas Müntzer selbst gepredigt hat?
Christoph Reuter: Es ist, wir müssen ehrlich sein, nicht die Originalkirche von Thomas Müntzer. An diesem Ort stand zuvor eine andere Kirche. Die heutige Kirche, in der wir spielen, wurde erst 1765 errichtet. Und Müntzer war ja nur ein Jahr – 1523 bis 1524 – in Allstedt und in dieser Zeit Pfarrer der damaligen Kirche.
Das Spannendste, an diesem historischen Ort zu sein, ist, dass Müntzer dort das erste Mal Gottesdienste komplett in deutscher Sprache gehalten hat, noch bevor es Luther gemacht hat. Und an diesem Ort führen wir dieses Oratorium auf, in dem Thomas Müntzer eine große Rolle spielt.
Die berühmte Fürstenpredigt, die ja auch bei uns vorkommt, hat er auch in Allstedt gemacht. Allerdings nicht in der Kirche, sondern im Schloss, wo er den Fürsten das erste Mal gezeigt hat, dass Privilegien möglicherweise nicht vom lieben Gott gegeben, sondern auch verhandelbar sind.

Sie haben das Bauernkriegsoratorium komponiert, die Texte hat Andreas Hillger, hallescher Journalist, Publizist und Autor, vorgelegt. Wer sind da die wichtigsten Protagonisten und welche Rolle spielen die Chöre?
Die Protagonisten sind Thomas Müntzer, Martin Luther, Müntzers Frau Ottilie von Gersen und die Chöre. Die Chöre sind den anderen zahlenmäßig sehr überlegen: Wir haben ungefähr 180 Sänger. Die spiegeln das Volk wider, die Aufständischen – sie sind aber auch die Bauern. Ein Teil des Frauenchores übernimmt die Rolle von Nonnen.
Das zentrale Wort des Bauernkriegs war damals ja das schöne mittelalterliche "Uffrur". Und dieses "Uffrur" kommt öfters vor und bekommt natürlich nur dann die Gewalt, wenn es sehr viele Leute gleichzeitig singen, sprechen oder rufen.

Deswegen haben wir auf der einen Seite Luther, der für das Wort steht – das macht unser Sprecher. Dann ist da Müntzer, unser Baritonist, der versucht, die Sachen sehr poetisch und lyrisch zu präsentieren. Und dann haben wir unsere Sopranistin, die die Frauenrollen verkörpert.
Und diese vier Protagonisten – Luther, Müntzer, Ottilie und der Chor, der verschiedene Perspektiven einnimmt – sind unsere vier großen Helden an diesem Tag.
Wer singt denn bei der Aufführung, wer hat sich in den letzten Wochen und Monaten darauf vorbereitet? Woher kommen die 180 Sängerinnen und Sänger?
Die kommen aus dem gesamten Kirchenkreis in Eisleben-Sömmerda. Und das Tolle ist, das ist nicht nur ein Chor, sondern es sind viele verschiedene Chöre, in denen viele verschiedene Kantoren mit ihren Chören geübt haben und die jetzt zusammenkommen.
Es war wirklich immer herrlich, zu sehen, wie diese vielen Leute zusammen singen und dann auch diese Kraft haben, die wir uns sozusagen für diesen Bauern-Mob vorgestellt haben.
Die haben Anfang des Jahres schon begonnen mit Üben und das hat vor allen Dingen die Kreiskantorin Martina Pohl gemacht. Sie hat es wirklich in einer wundervollen Weise geschafft, diese vielen verschiedenen Persönlichkeiten zu einem tollen Chor zusammenzubringen.
Und das ist eine wahre Wonne. Ich habe jetzt schon ein paar Proben mitgemacht. Es war wirklich immer herrlich, zu sehen, wie diese vielen Leute zusammen singen und dann auch diese Kraft haben, die wir uns sozusagen für diesen Bauern-Mob vorgestellt haben.

Das Bauernkriegsoratorium wurde vom Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda in Auftrag gegeben. Wollten da auch Fachkräfte mitreden zu Text und Aufbau des Oratoriums, also Kantorinnen, Pfarrer und so weiter?
Natürlich. Und ich finde es auch eine total spannende Sache, weil egal, wie viele Meinungen man gehört hat, der Autor Andreas Hillger musste sich entscheiden: Was davon bringen wir in unser Stück hinein? Das Oratorium beginnt mit der letzten Predigt, die Luther kurz vor seinem Tod 1546 in Eisleben gehalten hat - 21 Jahre nachdem Thomas Müntzer hingerichtet wurde. Ihn muss das so beschäftigt haben, dass er kurz vor seinem Tod immer noch der Meinung war: Da muss ich nochmal drüber reden.
Und das Spannende ist einfach, es gibt nicht "die" Wahrheit. Weil es gab ja keine Aufzeichnungsgeräte, keiner hat das mitgeschnitten und es waren keine Kameras vor Ort. Das heißt, jeder kann da natürlich hineininterpretieren, was er möchte. Und wir haben uns dann für eine Sache entschieden. Es ist aber kein historisch exaktes Ding. Und die Theologen sind sich da glücklicherweise auch nicht einig.

Müntzer war, wenn man ehrlich ist, ein relativ religiöser Scharfmacher, der versucht hat, die Leute zu überzeugen. Das ist aber am Ende des Tages in der Katastrophe gemündet. Wir gehen davon aus, dass ungefähr 6.000 Bauern in Bad Frankenhausen bei der entscheidenden Schlacht starben und sechs auf der anderen Seite. Und das ging nur, weil er es geschafft hat, die Leute wirklich zu überzeugen, teilweise aber auch mit fragwürdigen Sachen.
Müntzer hat zum Beispiel - wir haben das Zitat auch mit drin - in der entscheidenden Schlacht gesagt: "Ihr braucht keine Angst haben, die Kugeln der gottlosen Fürsten werden an meinem Mantel abprallen." Und da erkennt auch der Laie, das hat nicht so richtig funktioniert, wenn da 6.000 Bauern draufgegangen sind. Aber das spannende Feld ist: Darf man, um die Verhältnisse zu ändern, zu Mitteln greifen, die gewalttätig sind? Das war ein großer Konflikt zwischen Luther und Müntzer - und den versuchen wir künstlerisch umzusetzen.
Weitere Informationen zu Aufführungen (zum Aufklappen)
Oratorium "Solange ihr Tag habt" über Thomas Müntzer
Ein Oratorium von Andreas Hillger (Text) und Christoph Reuter (Musik).
Für zwei Chöre, Solisten, Orgel, Band, Instrumentalensemble und Percussion.
Mitwirkende sind Chöre des Kirchenkreises Eisleben-Sömmerda, des Kichenkreises Wittenberg, Organist Thomas Ennenbach sowie das Mitteldeutsche Kammerorchester.
Barbara Berg - Sopran
Burkhard von Puttkamer – Bariton
Frank Roder – Sprecher
Christoph Reuter – Piano
Leitung: Martina Pohl/Christoph Reuter
Termine:
30. August, 19 Uhr: St. Johanniskirche, Allstedt (ausverkauft)
5. September, 20 Uhr: Unterkirche, Bad Frankenhause
13. September, 20 Uhr: Christuskirche, Wittenberg
Quelle: MDR KULTUR (Thomas Bille), redaktionelle Bearbeitung: vp, lig, gw
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