Honigdachs, Kokosnuss und Wiedehopf: Alte Arten schlagen sich besonders gut durch
Je oller, desto doller: Alte Arten sind auf dem Planeten weiter verbreitet als – evolutionär gesehen – jüngere Arten. Was wie eine Binse klingt, will erstmal bewiesen sein: Ein internationales Forschungsteam konnte den Zusammenhang jetzt wissenschaftlich untermauern – darunter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am deutschen Biodiversitätsforschungszentrum iDiv Halle-Jena-Leipzig. Die Gruppe hat nachgewiesen, dass – Meeressäuger ausgenommen – ein großes Verbreitungsgebiet neben weiteren Faktoren unmittelbar mit dem Alter einer Art in Verbindung steht. Die Forschenden haben dazu 26.000 Arten von Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien sowie Riff-Fischen untersucht. Und obendrein noch Palmen – Palmengewächse gab's auf der Erde schon zur Kreidezeit.
Gut verteilt: Vogelstrauß und Wiedehopf
Besonders gut unterwegs ist da die Kokospalme, für viele wahrscheinlich der Inbegriff eines Palmengewächses. Unter den alteingesessenen Verbreitungskünstlern tummeln sich – zumindest faunaseitig – aber auch Kandidaten, die etwas Mitteleuropa-fester sind: Neben der Schleiereule gehört auch der Wiedehopf dazu. Das ulkige Vögelchen zeigt sich zwar selten, hat aber global betrachtet einen großen Verbreitungsraum. Geschafft haben es auch der Honigdachs – kein Dachs im eigentlichen Sinne! –, der Vogelstrauß und der hechtartige Große Barrakuda.

Hintergrund der Forschung, die jetzt im Fachblatt Nature Communications vorliegt, ist die Biodiversitätskrise, die gemeinsam mit der Klimakrise eine große Universalkrise bildet und somit Teil der größten aktuellen Herausforderung der Menschheit ist. Offiziell sind weltweit vierzig- bis fünfzigtausend Arten vom Aussterben bedroht, aktuelle Schätzungen sprechen zudem von etwa zwei Millionen gefährdeten Arten. Ein besonders hohes Risiko haben solche mit einem kleinen Verbreitungsraum. Diese Arten sind in der Regel anfälliger für Umwelteinflüsse. Nach wie vor sei allerdings wenig darüber bekannt, wie die Größenunterschiede der natürlichen Verbreitungsgebiete zustande kommen.
Die Erklärung der Forschungsergebnisse ist naheliegend: "Im Laufe der Evolution hatten diese Arten mehr Möglichkeiten, sich zu vermehren, auszubreiten, neue Gebiete zu besiedeln und sich an unterschiedliche Umgebungen anzupassen, wodurch sie größere geografische Gebiete besiedeln konnten", erklärt Erstautorin Adriana Alzate, die inzwischen vom iDiv ans niederländische Naturalis Biodiversity Center gewechselt ist. Fakt ist aber auch: Der Zeitvorsprung mag ein gutes Backup sein, tut's aber nicht alleine.
Stabile Verbreitung von Arten: Das Alter allein reicht nicht
Die Arten müssen auch die Veranlagung zur Fernreise besitzen. Das ist zum Beispiel bei Vögeln mit langen, schmalen Flügeln der Fall. Solche Vögel können besonders effizient und lange fliegen – sie können also auch besser "Lücken" zwischen Lebensräumen schließen und Meere überqueren, erklärt Alzate auf Anfrage von MDR WISSEN. Das ist typisch für Zug- und Seevögel.

Bei Palmen sind große Früchte von Vorteil. Die würden typischerweise eher von großen Wirbeltieren wie Vögeln und anderen Tieren gefressen, die wiederum weitere Strecken zurücklegen und die Samen an anderer Stelle wieder ausscheiden. Die Pflanze kann so größere Gebiete besiedeln, heißt es am iDiv.
Auf Inseln ist die Verbreitung von Arten besonders spannend
Noch interessanter wird's auf Inseln, wo ein natürliches Verbreitungsgebiet durch die räumlichen Umstände begrenzt ist. Der Zusammenhang zwischen großem Verbreitungsgebiet und dem Alter einer Art sei hier noch ausgeprägter. Co-Autor Roberto Rozzi, jetzt am Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: "Möglicherweise konnten frühe Inselbewohner, die in der Regel ökologische Generalisten sind, auch deshalb ein größeres Verbreitungsgebiet erreichen als aufgrund ihres Alters zu erwarten wäre, weil es weniger Raubtiere und Konkurrenten gab."
Die Forschung des Teams kommt zur rechten Zeit: Zu verstehen, welche Faktoren die Größe des Verbreitungsgebiets einer Art beeinflussen, könne dabei helfen, das Aussterberisiko einzuschätzen und Schutzmaßnahmen anzupassen, heißt es. Außerdem verfügen ältere Arten vielleicht über die genetische Veranlagung, sich leichter anzupassen, und können daher in ihren relativ großen Verbreitungsgebieten überleben. Ob, muss die Folgeforschung zeigen.
flo
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke