• Geflügelwirtschaft fordert Stallpflicht-Anordnungen
  • Ungewöhnlich starker und früher Ausbruch in diesem Jahr
  • Kranichrast hat Höhepunkt noch nicht erreicht

Die Ausbreitung der Vogelgrippe unter Kranichen hat nach Einschätzung des Friedrich-Loeffler-Instituts ein bislang nicht gekanntes Ausmaß angenommen. So viele tote Tiere wie in diesem Herbst seien bislang noch nicht beobachtet worden, sagte ein Sprecherin. Deutschlandweit sind es Schätzungen zufolge mehr als 2.000 Tiere.

Allein in Nordbrandenburg wurden nach Behördenangaben fast 1.000 tote Kraniche geborgen. Am Kelbra-Stausee an der Grenze von Sachsen-Anhalt und Thüringen sind es bislang 500. Die Landrätin des Kyffhäuserkreises, Antje Hochwind-Schneider, sagte MDR AKTUELL, täglich würden tote Tiere aufgesammelt. Betroffen sei inzwischen nicht nur der Stausee, sondern das gesamte Kreisgebiet.

Geflügelhalter drängen auf Stallpflicht

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) hat die Länder aufgefordert, jetzt aktiv zu werden. "Abwarten ist keine Option", sagte ZDG-Präsident Hans-Peter Goldnick. Von dem frühen und kräftigen Ausbruch der Vogelgrippe seien vor allem Legehennen- und Putenbestände in offenen Haltungen betroffen.

Neue Daten des Friedrich-Loeffler-Instituts zeigten, dass der Subtyp H5N1 bei Wildvögeln dominiere und in Nutzgeflügel-Haltungen übertragen werde. Das gefährde nicht nur einzelne Betriebe, sondern die Geflügelproduktion in ganz Deutschland, sagte Goldnick. Darum sei "sofort" zu prüfen, ob es – außer bei Gänsen, bei denen das nicht praktikabel sei – überall Stallpflicht gelten solle.

So fordern etwa Geflügelhalter in Niedersachsen eine Stallpflicht im ganzen Land. Sie könnten das nicht von sich aus entscheiden, sagte der Vorsitzende des dortigen Verbands, Friedrich-Otto Ripke, auch wegen der Versicherung. Denn ohne eine behördliche Anordnung wäre eine Aufstallung von Freiland-Geflügel "ein Verstoß gegen die Vermarktungsnorm".

Ausbruch ungewöhnlich früh und in sieben Ländern

Es sei sehr ungewöhnlich, dass es schon jetzt so viele Ausbrüche der Geflügelpest in so vielen Ländern gebe, sagte Ripke: "In nur drei Wochen in sieben Bundesländern, das gibt schon Anlass zu großer Sorge."

Neben Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Niedersachsen sind auch Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Bayern betroffen. Nach aktuellen Angaben sind bundesweit schon mehr als 240.000 Tiere wegen des Virus H5N1 gekeult worden. 

Wenn der Bestand gekeult werden muss, ist die Existenzgrundlage weg.

Friedrich-Otto Ripke, Geflügelwirtschaftsverband Niedersachsen

Zwar sei Freilandhaltung ein Beitrag zum Tierwohl, sagte Ripke. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass Tiere sterben und ihre Halter in Not geraten: "Wenn der Bestand gekeult werden muss, ist die Existenzgrundlage weg."

Fachleute rechnen mit deutlich höheren Zahlen

Der Höhepunkt der Kranichrast wird erst noch erwartet, sodass Fachleute mit noch deutlich höheren Zahlen toter Tiere rechnen. Als Reaktion auf die wachsende Zahl nachgewiesener Infektionen hat das Friedrich-Loeffler-Institut in seiner aktuellen Bewertung das Risiko für weitere Ausbrüche in Geflügelhaltungen und auch bei Wildvögeln von niedrigeren Stufen auf "hoch" gesetzt. 

Die Präsidentin des Friedrich-Loeffler-Instituts, Christa Kühn, sagte dem RBB, es sei recht "ungewöhnlich", dass jetzt so viele Kraniche unter den Wildvögeln infiziert seien. Das habe vermutlich mit dem Zeitpunkt des Vogelzugs zu tun, mit dem Wetter und den Routen der Vögel. Kühn sprach da von einem "sehr dynamischen Geschehen", und wegen des Herbstzugs der Vögel nach Süden wachse nun auch die Gefahr für die Geflügelhaltungen weiter.

Die sogenannte Vogelgrippe oder auch Geflügelpest ist eine Infektionskrankheit, die vor allem bei Wasservögeln wie etwa Wildgänsen, aber auch bei anderen Arten vorkommt. Eingeschleppt in Geflügelbetriebe kann sie sehr schnell große wirtschaftliche Schäden verursachen.

ots/dpa/MDR (ksc)

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