Warum trifft es gerade die Kraniche – Fragen und Antworten
Inhalt des Artikels:
- Welches Virus tötet die Kraniche?
- Sind die Kraniche zum ersten Mal betroffen?
- Warum erwischt es gerade die Kraniche?
- Wie viele Kraniche ziehen im Herbst über Deutschland?
- Wie verbreiten die Kraniche das Virus weiter?
- Können die Tiere nach durchgemachten Infektionen Immunität aufbauen?
Welches Virus tötet die Kraniche?
Das Virus H5N1 ist ein hochpathogenes Influenza-A-Virus, das hauptsächlich Vögel infiziert, jedoch in seltenen Fällen auch Menschen befallen kann. Es gehört zu den gefährlichsten Stämmen der Vogelgrippe und ist seit 2004 weltweit aktiv, vor allem bei Wildvögeln und Geflügel. Die aktuelle Situation ist besonders durch eine aggressive Variante geprägt: die Klade 2.3.4.4b, die seit 2020 in Asien auftritt und seitdem zu massenhaftem Vogelsterben auf allen Kontinenten führt. Seit 2021 wurden weltweit Millionen Zucht- und Wildvögel, darunter Kraniche, infiziert und verendeten, was die große Gefährdungslage unterstreicht. Das Virus kann bei niedrigen Temperaturen wochenlang außerhalb des Wirtslebens aktiv bleiben, und es kann durch Organismen wie Zugvögel weiterverbreitet werden.
Sind die Kraniche zum ersten Mal betroffen?
"Kraniche waren in Deutschland bisher nicht von hochpathogenen, aviären Influenza-Infektionen betroffen", schreiben Experten vom zuständigen Friedrich-Loeffler-Institut auf Anfrage von MDR WISSEN. Deswegen trifft das Virus auf eine hochempfängliche und zugleich noch mit keinerlei Immunität vorbereitete Wildvogelpopulation. Man schätzt, dass bisher 2.000 Kraniche auf ihrem jährlichen Herbstzug in deutschen Rastgebieten an dem Virus gestorben sind. Das sei eine neue Situation und in dem Ausmaß bisher nicht bekannt gewesen, so die Experten. Allein am Stausee Kelbra sind mindestens 500 Tiere gestorben (Stand 23.10.)
Frühere Fälle in anderen Ländern zeigen, dass andere Kranichpopulationen schon vor einigen Jahren Opfer der Vogelgrippe wurden, zum Beispiel in Ungarn 2023 mit 10.000 und in Israel 2021 mit 8.000 toten Tieren. Laut Ornithologen haben sich die Bestände bisher davon immer noch nicht erholt. Kraniche bekommen in der Regel ein bis zwei Junge pro Jahr, in seltenen Fällen drei.
Warum erwischt es gerade die Kraniche?
Das Virus selbst ist schon lange auch in Deutschland aktiv. Es kommt vor allem bei Wasservögeln vor, tritt immer wieder in Zuchtbetrieben auf. Zehntausende Tiere mussten in diesem Jahr schon geschlachtet werden. Die Kraniche jetzt könnten sich aber vor allem bei Wildenten oder -gänsen angesteckt haben, vermutet das Friedrich-Löffler-Institut. "Die bisherigen Sequenzanalysen des Viruserbguts weisen auf einen Eintrag mit dem Herbstvogelzug aus weiter östlich gelegenen Gebieten hin", schreiben sie. Das Virus könnte also mit den Wildenten oder -gänsen gekommen sein, die es dann an den Rast- und Sammelplätzen in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg an die Kraniche weitergegeben haben.
Dazu passt auch, dass vor allem Kraniche betroffen sind, die vom Baltikum über Deutschland ziehen. Kraniche, die von skandinavischen Brutplätzen aus dem Norden kommen, zeigen seltener Infektionen, so der Deutschlandfunk.
Wie hoch ist die Mortalität bei einer Infektion?
Laut Schätzungen der für Tiergesundheit zuständigen Behörden in Brandenburg sterben derzeit zwischen 10 und 15 Prozent der infizierten Kraniche in Folge der Erkrankung.
Wie haben sich die Vögel angesteckt?
Da gibt es mehrere Möglichkeiten, sagt Martin Beer, der am für Tiergesundheit zuständigen Friedrich-Loeffler-Institut das Institut für Virusdiagnostik leitet, im Gespräch mit MDR Aktuell. "Die wahrscheinlichste ist Kontakt zu anderen Wildvögeln, Wildenten, Wildgänsen, die das Virus in sich tragen, ausscheiden, selber unter Umständen gar nicht schwer krank werden oder nicht versterben und dann die Kraniche infizieren. Die sind hochempfänglich, die sitzen eng beieinander, und dann habe ich dieses Geschehen mit mehreren Todesfällen."
Lokal ließe sich das nicht eingrenzen, so Beer weiter. "Es ist so, dass wir an mehreren Stellen in Mecklenburg-Vorpommern in Brandenburg, am Kelbra-Stausee im Moment Todesfälle von Kranichen beobachten, die auf H5N1 zurückzuführen sind. Und es ist so, dass wir auch im Gefühlsbereich eine Zunahme der Fälle sehen. Das heißt, wir müssen davon ausgehen, dass mit dem Vogelzug tatsächlich das Influenzageschehen, das Vogelgrippegeschehen jetzt deutlich ansteigt und die Kraniche Opfer sind dieser Verbreitung von H5N1 jetzt in dieser Saison."
Wie viele Kraniche ziehen im Herbst über Deutschland?
Im Herbst ziehen jährlich deutlich mehr als 100.000 Kraniche über Deutschland. Die Zugrouten sind vielfach beflogen und es gibt große Rastplätze, an denen sich zahlreiche Kraniche versammeln, wie zum Beispiel an der Boddenküste (über 20.000), im Rhin- und Havelluch (über 60.000 Kraniche), am Stausee Kelbra können in einer Saison ebenfalls mehrere Zehntausend Kraniche beobachtet werden.
Die meisten Zugmeldungen kommen Ende Oktober bis in die ersten Novemberwochen. Kraniche aus verschiedenen Populationen ziehen dann auf unterschiedlichen Routen Richtung Süden.
Wie verbreiten die Kraniche das Virus weiter?
Kraniche können das Virus auf ihrem Zug weiterverbreiten, weil sie das hochansteckende H5N1-Virus tragen und ansteckend sein können, bevor sie Krankheitssymptome zeigen und während sie flugfähig bleiben. Dadurch verbreiten sie das Virus entlang ihrer Zugwege. Es besteht die Gefahr, dass sie Wildvögel und auch Nutzgeflügel anstecken, was zu weiteren Ausbrüchen führt. Während Entenvögel oft Virusträger ohne Krankheitssymptome sind, sind Kraniche meist sehr anfällig, und die Krankheit verläuft oft tödlich für sie. Experten erwarten eine weitere Ausbreitung entlang der Zugwege in Mitteleuropa und in den Winterquartieren.
Können die Tiere nach durchgemachten Infektionen Immunität aufbauen?
Tiere, die die Infektion überleben, sind in den kommenden Jahren wahrscheinlich besser vor dem Virus geschützt. "Gerade bei Wildenten und -gänsen könnte sich in der Tat bei einem Teil der Tiere eine Immunität entwickelt haben", schreibt das Friedrich-Löffler-Institut. Die Experten sehen Hinweise, dass sich die Tiere zwar wieder infizieren können, aber nicht schwer erkranken. Der Nachteil: Sie geben das Virus nun an empfängliche Vogelarten wie die Kraniche weiter.
gp,mdr,ens
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