• An der Büchermesse "Seitenwechsel" nehmen mehrere Verlage aus dem Spektrum der Neuen Rechten teil, darunter Antaios und das Compact-Magazin.
  • Parallel dazu will das "Wir"-Festival am Freitag und Sonnabend im Volkspark ein Zeichen für Demokratie und Vielfalt setzen.
  • Der Stadtrat Halle hat sich von der Büchermesse distanziert, zudem gibt es mehrere Demonstrationen gegen "Seitenwechsel".

Am Samstag und Sonntag findet auf dem Gelände der Messe Halle erstmals die Büchermesse "Seitenwechsel" statt. Bis Sonntag präsentieren sich dort laut Ausstellerverzeichnis rund 100 Verlage. Angemeldet sind unter anderem mehrere Verlage, die der Neuen Rechten zugeordnet werden, darunter der Verlag Antaios, der vom Bundesamt für Verfassungsschutz seit 2024 als "gesichert rechtsextrem" eingestuft wird.

Veranstaltet wird die Messe vom Buchhaus Loschwitz in Dresden. Dessen Leiterin, Susanne Dagen, ist kulturpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion im Dresdner Stadtrat.

Die Dresdner Buchhändlerin und Politikerin Susanne Dagen ist Initiatorin der Buchmesse "Seitenwechsel" in Halle.(Archivbild)Bildrechte: MDR/Juliane Streich

Leiterin Susanne Dagen über Büchermesse in Halle

Dagen stand auf Nachfrage von MDR KULTUR nicht für ein Interview zur Verfügung. Stattdessen ließ sie einen "Beantwortungsbeauftragten" schriftlich auf Fragen reagieren. Zum Umgang mit der Teilnahme des rechtsextremen Verlags Antaios erklärte dieser, er wolle "den Besuchern nicht vorschreibe(n), was sie angucken und lesen dürfen".

Auf die Frage, wie Dagen das Spektrum der Aussteller und ihre Inhalte beschreiben würde, lautete die Antwort, es reiche "von Prosa bis Sachbuch" und es handele sich vorwiegend um "Texte, aber auch Fotos und Cartoons".

In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" sagte Dagen im Oktober, die Idee zur Büchermesse sei entstanden, weil "die Zeiten für Verlage immer schwieriger werden. Gerade für solche, die man eher als konservativ, rechts oder freiheitlich ambitioniert einordnet."

Der rechtsextreme Antaios Verlag zählt zu den Ausstellern der Büchermesse Halle. Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Mehrere Verlage der Neue Rechten als Aussteller

Zu den Verlagen, die am Wochenende auf der Büchermesse "Seitenwechsel" vertreten sind, gehören weitere Häuser, die der Neuen Rechten zugeordnet werden. Dazu zählt unter anderem der Dresdner Jungeuropa Verlag. Er wird von Philip Stein betrieben, der als Vorsitzender des Verein "Ein Prozent" vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Auch das von Jürgen Elsässer gegründete Compact-Medienunternehmen soll laut Aussteller-Verzeichnis einen Stand betreiben. Ein Verbot des gleichnamigen rechtsextremen Magazins wurde im Juni 2025 vom Bundesverwaltungsgericht aufgehoben.

Auf der Büchermesse in Halle ist "Compact" mit einem Stand vertreten.Bildrechte: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Ebenfalls gelistet ist der Verlag Sturmzeichen. Laut eigener Website vertreibt er unter anderem Titel der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck sowie die Zeitschrift "Nationaler Sozialismus heute". Verleger Sascha Krolzig gilt laut dem Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als bundesweit bekannter Rechtsextremist.

Uwe Tellkamp, Götz Kubitschek und Maaßen nehmen teil

Das Rahmenprogramm der Messe mit Gesprächen und Lesungen soll laut Veranstalter kritischen Stimmen eine Bühne geben. Auftreten sollen unter anderem Kabarettist Uwe Steimle, Schriftsteller Uwe Tellkamp und der ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen.

Hans-Georg Maßen stellt im Programm der Buchmesse die neue Auflage des Buchs "Systemüberwindung, Demokratisierung und Gewaltenteilung" des Soziologen Helmut Schelsky vor.Bildrechte: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert

Neben der ehemaligen Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld wird den Angaben zufolge auch Götz Kubitschek an Veranstaltungen der Büchermesse "Seitenwechsel" teilnehmen. Der Verleger führte zuletzt das aufgelöste rechtsextreme "Institut für Staatspolitik".

Götz Kubitschek nimmt am Wochenende in Halle bei der Buchmesse "Seitenwechsel" an Podien des Verlags Antaios teil.Bildrechte: picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst

"Wir"-Festival setzt im Volkspark Zeichen für Demokratie

Parallel zur Büchermesse erreicht in Halle am Freitag und Samstag das "Wir"-Festival seinen Höhepunkt. Mitorganisatorin Theresa Donner sagte MDR KULTUR im Vorfeld, das Festival setze sich für eine offene Gesellschaft ein und lade dazu ein, sich für Toleranz und gegen Spaltung zu engagieren.

Im Volkspark sind am Festivalwochenende unter anderem Lesungen, Diskussionen und Workshops für Kinder geplant. Zu den Gästen gehören etwa die Schriftstellerin und Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2024 Martina Hefter, Journalistin Gilda Sahebi und der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent. Zudem erinnert das Festival mit mehreren Veranstaltungen an die nationalsozialistischen Pogrome vom 9. November 1938, unter anderem mit Theaterstücken zum Thema Rechtsextremismus unter Jugendlichen.

Am "Wir"-Festivalwochenende im Volkspark liest unter anderen Martina Hefter, Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2024.Bildrechte: picture alliance/dpa | Georg Wendt

Begonnen hat das "Wir"-Festival bereits am 21. September. Beteiligt haben sich laut Veranstalter bislang rund 50 verschiedene Kultur- und Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Privatpersonen aus Halle mit über 400 Programmpunkten.

Lasst sie doch da draußen sich mit ein paar Buchständen hinstellen. Wir feiern in dieser Stadt ein Riesenfest und zwar ein Fest des Herzens und der Kultur und der Zivilcourage und des Engagements.

Buchhändler Raimund Müller, Teilnehmer des "Wir"-Festivals

Zu den Mitwirkenden gehörte unter anderem die Buchhandlung Jakobi & Müller. Buchhändler Raimund Müller sagte MDR KULTUR, das anfangs kleine Festival sei inzwischen mit Plakaten und Aktionen in der ganzen Stadt präsent: "Wir feiern in dieser Stadt ein Riesenfest und zwar ein Fest des Herzens und der Kultur und der Zivilcourage und des Engagements", erklärte er.

Stadtrat Halle distanziert sich von Buchmesse

Unterstützung erhält das "Wir"-Festival auch vom Stadtrat Halle. Im September stimmte das Gremium mehrheitlich einer Resolution zu, in der Durchführung und Ziele des Festivals ausdrücklich begrüßt werden. Die Unterstützung sei ein klares Bekenntnis gegen "Ausgrenzung, Rassismus und Menschenfeindlichkeit", heißt es in der Beschlussvorlage.

Zugleich sprach sich der Stadtrat mehrheitlich gegen die Büchermesse "Seitenwechsel" aus. In der Resolution heißt es, man distanziere sich vom Inhalt der Veranstaltung und verurteile die Ausrichtung der Messe. Kritik äußerte der Stadtrat auch an dem gewählten Termin am 9. November, dem Gedenktag für die Opfer der nationalsozialistischen Pogrome sowie der Friedlichen Revolution von 1989.

Demonstrationen an der Messe Halle geplant

Für Samstag sind mehrere Demonstrationen in Halle angekündigt. Nach Angaben der zuständigen Polizeiinspektion sind drei Kundgebungen unter dem Motto "Rechte Buchmesse stoppen" sowie eine Demonstration im unmittelbaren Umfeld des Messegeländes geplant. Am Abend soll zudem ein Umzug vom Neuen Theater zum Volkspark stattfinden.

Bereits im Vorfeld hatte es auch aus Kultur und Politik Kritik an der Messe gegeben. Vertreter von Grünen, Freien Wählern, Linken und SPD hatten sich öffentlich gegen die Büchermesse "Seitenwechsel" ausgesprochen. Auch Halles parteiloser Oberbürgermeister Alexander Vogt hatte in einer offiziellen Stellungnahme seine Sorge über die geplante Messe geäußert.

Die AfD hingegen bezeichnete die Debatte in einer Mitteilung als "künstlich aufgeheizt" und betonte ihr Eintreten für "Meinungsfreiheit für alle".

Quellen: MDR KULTUR (Bastian Wierzioch), Websites von "Wir"-Festival, "Seitenwechsel"-Buchmesse und "Sturmzeichen"-Verlag, Berliner Zeitung, Bundesamt für Verfassungsschutz, Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt, AfD-Fraktion Dresden, Kulturhaus/Buchhaus Loschwitz, Stadtrat Halle
Redaktionelle Bearbeitung: vp

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