Sachbuch: Vom Überleben in Diktaturen – zwischen Konfrontation und Anpassung
- Andreas Möller beschreibt in seinem neuen Sachbuch die Biografie seines Großvaters Andreas Nießen.
- Möller zeigt, wie Nießen sich als Künstler in zwei Diktaturen kleine Inseln der Freiheit schuf.
- Anders als viele andere Biografen tut er das ohne ihn zu verurteilen, findet unser Kritiker.
Andreas Möller, 1974 geboren in Rostock, hat seinen Großvater Andreas Nießen (1906–1996) geliebt oder zumindest verehrt. Er hat die Erinnerungen an Ferientage in Kleinmachnow, im Einfamilienhaus in Rand-Berlin, in vielen Bildern abgespeichert. Aber je älter Möller wird, desto dringlicher zeichnen sich hinter der Persönlichkeit des inzwischen verstorbenen Großvaters auch Fragen ab.
Andreas Möller zeichnet für sein neues Buch die Biografie seines Großvaters nach. Bildrechte: Verena MüllerGrafik-Designer im Dienst zweier Diktaturen
Wie hat dieser künstlerisch begabte Mann seine Gestaltungslust und ebenso seinen Familiensinn mit den drei Systemen, in die er hineingeworfen war, vereinbart? Möllers Großvater war Schriftgestalter und Werbezeichner. Heute würde man sagen, er war Grafik-Designer.
Andreas Nießen steht dabei auch für einen Typus Mensch, wie ihn Diktaturen häufig hervorbringen: Menschen, die sich über ihre Arbeit, ihre persönliche Leistung definieren wollen und weniger über die gesellschaftliche Ordnung, der sie ihre Leistung entrichten müssen.
1937: Besucher der Ausstellung "Entartete Kunst" in Berlin. Möllers Großvater erhielt 1937 Berufsverbot, weil er mit einer Jüdin verheiratet war – und ließ sich scheiden.Bildrechte: picture alliance/SZ Photo/ScherlKleinmachnow: Insel der Intellektuellen
In der DDR gab es solche Menschen. Sie waren Ingenieure, Ärzte, manchmal auch Künstler. An manchen Orten schufen sich diese Menschen ihre Inseln, hielten sich aneinander fest und probten die kleine Freiheit, weil die große eben nicht möglich war, wie Andreas Möller schreibt: "In Kleinmachnow fanden die sozialen Interaktionen von Künstlern und Intellektuellen in seinem Umfeld statt, vergleichbar mit dem Klischee des Viertels Weißer Hirsch in Dresden für das dortige akademische Milieu, das sich vom Sozialismus abkapselte – und gerade dadurch gut lokalisierbar war."
Zwischenzeitlich lebte auch die Schriftstellerin Christa Wolf in Kleinmachnow. Möller beschreibt es als "Subkosmos abgeschnitten vom Strom der Zeit". Zugleich sei es auch "ein drastisches Sinnbild der Teilung und des geduldeten Ungehorsams, dessen Symbol auch mein Großvater war."
Auch die Schriftstellerin Christa Wolf lebte zwischenzeitlich in Kleinmachnow.Bildrechte: imago images / epdAndreas Möller findet in der künstlerischen Hinterlassenschaft des Großvaters einen Ansatz zum Verständnis seiner Persönlichkeit. Da ist die Begeisterung für Bach und für Goethe, für eine Beseeltheit, die von der Natur auf den sehenden, hörenden und empfindenden Menschen überspringt. Diese Beseeltheit spiegelt sich auch in seiner Kunst.
Kunst im Konflikt mit den Diktaturen
Es ist eine Kunst, die sich keiner Ideologie unterwerfen will und das Ideologische als das Untergeordnete zurückweist. Vielleicht kann man es auch aufgeklärte Bürgerlichkeit nennen, ein Bekenntnis zur individuellen Freiheit. Die aber zählt in Diktaturen wenig. Im Konflikt mit den Nationalsozialisten verleugnet Möllers Großvater die eigene jüdische Ehefrau und die gemeinsame Tochter.
In der DDR muss Andreas Nießen ebenfalls zwischen der Kunst hier und der politischen Doktrin da hin und her manövrieren. Der Preis dafür ist eine Art Emigration nach innen und in gewisser Weise auch nach außen, nach Kleinmachnow eben.
Andreas Möller beschreibt es als ein "Herunterregeln von Gefühlen". Sein Großvater sei ein Vertreter einer ganzen Generation gewesen und "weniger ein Sinnbild der DDR, die 'Schuld' genauso wenig wie der Westen thematisiert hatte, wenn es um den Einzelnen und nicht um den Staat ging."
Ein DDR-Plakat aus den 50er-Jahren, gestaltet von Andreas Nießen im Auftrag des neu gegründeten DDR-Landwirtschaftsministeriums.Bildrechte: Andreas MöllerIm Herunterregeln von Gefühlen war er vor allem ein Vertreter seiner Generation, weniger ein Sinnbild der DDR, die 'Schuld' genauso wenig wie der Westen thematisiert hatte.
Nießen, so analysiert sein Enkel heute, habe weniger geschwiegen um seine Familie zu schützen und mehr aus Selbstschutz. Seinen künstlerisch-formalen Prinzipien, die er in den 1920er-Jahren entwickelt hat, bleibt er jedoch treu, auch als Gestalter in der DDR. Die Klarheit, das an der Natur Geschulte ist der Auftrag des Künstlers, nicht das Skurrile, Verschrobene, Überhitzte.
Außenseiter in Nationalsozialismus und DDR
Damit allerdings gerät er selbst in der DDR irgendwann ins Abseits und findet sich wieder in der Position des Außenseiters – wie auch in den frühen Jahren des Nationalsozialismus. Dabei wollte er doch in beiden Systemen eigentlich nur seinen Auftrag erfüllen und tat dies auch jahrelang.
Ein Holzschnitt aus den frühen 50er-Jahren von Andreas Nießen zeigt einen Bauern mit Pflug, und im Hintergrund einen Chemielaboranten.Bildrechte: Andreas MöllerBei den Nationalsozialisten – nach der Scheidung von seiner jüdischen Frau – geschah dies in einer Propaganda-Einheit, in der DDR bis in die 1980er-Jahre als Gebrauchsgrafiker. So urteilt der Autor: "Die Mühen der Unfreiheit und der mehrfach vereitelte Wunsch, seiner Kunst nachgehen zu können, weil sie nicht 'nationalsozialistisch genug' oder nicht 'sozialistisch genug' war: Sie sind das eigentliche Thema seiner Biografie, das sich bis in die letzten Selbstzeugnisse hindurchzieht. Wo endet der legitime Broterwerb?"
Die Mühen der Unfreiheit und der mehrfach vereitelte Wunsch, seiner Kunst nachgehen zu können, sind das eigentliche Thema seiner Biografie.
Auch heute noch ist Kleinmachnow ein Ort des Protests.Bildrechte: imago/tagesspiegelDas, was hier so knapp zusammengefasst ist, entwickelt Andreas Möller anhand ausführlicher Verklammerungen mit der Kunst- und der politischen Geschichte. Ein gutes Buch, wie es vielleicht erst drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR so geschrieben werden konnte. Mit bloßen Schuldzuweisungen kommt man in der Beurteilung von Biografien vermutlich nicht weiter. Andreas Möller zeigt einen Gegenentwurf.
Weitere Informationen zum Sachbuch:
"Am Rande Berlins lebt die Intelligenz: Kleinmachnow, mein Großvater und die Reklame fürs Volk"
Sachbuch von Andreas Möller
298 Seiten
Verlag: Friedenauer Presse
ISBN: 978-3-7518-8050-3
Preis: 25 Euro
Redaktionelle Bearbeitung: tis, hro
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