Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 endet mit Lob und Kritik
- Am Wochenende geht das Kulturhauptstadtjahr in Chemnitz offiziell zu Ende.
- Die Veranstalter sehen rückblickend vor allem die Beteiligungsprojekte und die Ausstellungen der vergangenen Monate als Erfolg.
- Kritiker bemängeln eine zu unpolitische Ausrichtung des Kulturhauptstadt-Programms.
Die Gästebücher, die im Besucherzentrum der Kulturhauptstadt in der Hartmannfabrik ausliegen, vermitteln vor allem positive Eindrücke vieler Besucherinnen und Besucher der Stadt: "Jeder Euro für das Projekt Kulturhauptstadt ist richtig investiert!" steht dort etwa oder: "Was für ein tolles Projekt, was für eine tolle Stadt, voller Überraschungen – danke Chemnitz".
Entsprechend positiv fällt die Bilanz des Tourismusverbands Chemnitz-Zwickau-Region aus. Geschäftsführerin Marika Fischer sagte MDR KULTUR: "Touristisch gesehen war das ein spektakuläres Jahr, was so wahrscheinlich auch nicht wiederkommen wird." Nach Angaben des Statistischen Landesamtes stieg die Zahl der Übernachtungen in Chemnitz im Zeitraum von Januar bis September 2025 verglichen mit dem Vorjahr um fast ein Viertel. Im August lag das Plus sogar bei mehr als 50 Prozent, ähnlich stark war es im Mai und Juni.
Mitmach-Projekte gelten als Erfolg der Kulturhauptstadt
Der Dank dafür geht aus Sicht von Stefan Schmidtke, Programmchef der Europäischen Kulturhauptstadt 2025, vor allem an die Chemnitzerinnen und Chemnitzer selbst. Denn sie hätten das Programm auf die Beine gestellt.
Durch das Engagement der Menschen in Chemnitz und der Kulturregion habe man in diesem Jahr 260 Projekte realisieren können: "Mein Gefühl ist, dass wir reich ernten können auf ganze vielen emotionalen, sachlichen, strukturellen Gebieten." Man habe gelernt, so Schmidtke, "dass die Instrumente der Beteiligung alle gegriffen haben". Beteiligungsprojekte seien das Wesentliche der Kulturhauptstadt, was man auch weiterführen wolle.
Um die Chemnitzer Garagen zu feiern, gab es auch Konzerte, wie hier im Harthweg.Bildrechte: Peter RossnerZu diesen Projekten zählten etwa zahlreiche Aktionen in den Garagenhöfen, für die die Besitzerinnen und Besitzer den Blick hinter die Kulissen freigaben. Aber auch gemeinsame Pflanzaktionen gehörten dazu, bei denen hunderte Apfelbäume in die Erde gebracht wurden. Nicht zu vergessen die über 1.200 Freiwilligen, die immer als Ansprechpartner parat waren.
Christoph Dittrich, Generalintendant der Städtischen Theater Chemnitz und derjenige, der ursprünglich die Idee zur Bewerbung hatte, wertet das als großen Erfolg – gerade auch für die Chemnitzerinnen und Chemnitzer selbst: "Ich glaube, dass das für viele hier in der Stadt etwas gemacht hat in der Seele, wahrgenommen zu werden und auf Augenhöhe in der europäischen Community drin zu stecken. Das ist ein sehr beglückendes Gefühl." Für sein Haus kann Dittrich auf eine gelungene Uraufführung der Oper "Rummelplatz" nach dem gleichnamigen Roman von Werner Bräunig zurückblicken.
Museen in Chemnitz mit vielen Besuchern
Ähnlich erfolgreich fällt die Bilanz der Museen aus. Zum Beispiel sorgten die Kunstsammlungen Chemnitz mit ihren Ausstellungen für Warteschlangen, sehr zur Freude von Generaldirektorin Florence Thurmes: "Wir haben ja mit 'European Realities' zum Beispiel eine Ausstellung gehabt, die unglaublich resoniert hat, sowohl pressetechnisch als auch besuchertechnisch."
Die Ausstellung "European Realities" im Museum Gunzenhauser war für die Kunstsammlungen Chemnitz ein voller Erfolg.Bildrechte: IMAGO / Wolfgang SchmidtAuch die Munch-Ausstellung sei mit rund 84.000 Besuchenden ein Erfolg gewesen: "Insofern sind das super Zeiten für uns." Zugleich räumte Thurmes ein, man wisse natürlich nicht, wie es 2026 weitergehe.
Kritik an Kürzungen bei Kultur
Bereits jetzt ist klar, dass es wegen der Haushaltslage in Chemnitz 2026 zu Kürzungen im Kulturbereich kommen wird. Auch in politischer Bildung und Sozialarbeit wird bereits massiv gekürzt, weitere Streichungen sind absehbar.
Podcaster Sören Uhle kann nicht nachvollziehen, dass ausgerechnet im Kulturhauptstadtjahr viele Vereine existenziell bedroht seien. Er sagte MDR KULTUR, jetzt, zum Ende des Jahres, seien die Strukturen, die es vorher gegeben habe, "auf keinen Fall besser geworden". Niemand wisse, "was das eigentlich bedeutet in zehn Jahren, wenn jetzt in dem Moment diese Arbeit so nicht weiter finanziert und gefördert werden kann".
Das war total euphorisierend und erstaunlich – dass das, was man sich in kühnsten Träumen ausgemalt hat, noch übertroffen wurde.
Auch die freie Szene in Chemnitz hatte im Kulturhauptstadtjahr mit Kürzungen zu kämpfen, etwa das Kunstfestival "Begehungen". Dennoch lockten die Veranstalter mit ihrer Ausstellung 53.000 Besucherinnen und Besucher auf das Gelände des ehemaligen Heizkraftwerks Chemnitz-Nord – mit prominenten Namen wie Hito Steyerl, Olaf Nicolai und Henrike Naumann. Der künstlerische Leiter Lars Neuenfeld bezeichnete das als "total euphorisierend und erstaunlich". Das habe die kühnsten Träume übertroffen.
Beim Kunstfestival "Begehungen" traf Indutrie-Architektur auf zeitgenössische Kunst, wie hier die Arbeit "Storck, a sacred bird" (Storch, ein heiliges Tier) von Diana Lelonek in der ehemaligen Fabrikhalle im Heizkraftwerk Chemnitz.Bildrechte: Johannes RichterVorwurf: Kulturhauptstadt vernachlässigt Rechtsextremismus
Kritisch auf die politische Ausrichtung des Kulturhauptstadt-Programms blickt Zeran Osman. Sie hat die Ausstellung im neuen NSU-Dokumentationszentrum "Offener Prozess" mit konzipiert. Das Zentrum wurde im Mai 2025 eröffnet und dokumentiert den Terror des Neonazi-Trios "Nationalsozialistischer Untergrund".
Osman zeigte sich bei MDR KULTUR enttäuscht, denn die Kulturhauptstadt-Verantwortlichen hätten kontroverse Themen wie Rechtsextremismus vermieden: "Ich hätte mir mehr politische Grundhaltung zur Demokratie gewünscht. Aber ich denke, dass die Kulturhauptstadt einfach einen anderen Weg fahren wollte." Allerdings könne man die Probleme nicht ignorieren und so tun, als gäbe es sie nicht.
Die Chemnitzer Soziologen Thomas Laux und Ulf Bohmann haben die Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 wissenschaftlich begleitet.Bildrechte: Thomas LauxIch hätte mir mehr politische Grundhaltung zur Demokratie gewünscht.
Aus Sicht des Soziologen Thomas Laux von der TU Chemnitz wollten die Organisatoren der Kulturhauptstadt mit dem eher unpolitischen Programm eine breite Masse ansprechen. Laux sagte MDR KULTUR, sie hätten versucht, Demokratie "eher über die weicheren Themen, also das Zusammenkommen, das Partizipieren" erlebbar zu machen: "Das Ziel war also eher zu deeskalieren." In der Hinsicht sei es sinnvoll gewesen, möglichst viele Menschen an die Kulturhauptstadt heranführen zu wollen.
Mehr rechtsextreme Übergriffe im Jahr der Kulturhauptstadt
Tatsächlich steigt die Zahl rechtsextrem motivierter Übergriffe in Chemnitz nach Angaben der Opferberatungsstelle Support seit Jahren. Auch im Kulturhauptstadtjahr gab es demnach einen leichten Anstieg. Im Januar 2025 etwa griffen 20 rechtsextreme Jugendliche Gäste vor einer Bar an.
Aus Sicht des Soziologen Ulf Bohmann, ebenfalls TU Chemnitz, ist es der rechten Szene in der Stadt aber nicht gelungen, die Kulturhauptstadt nennenswert zu stören. Bohmann sagte MDR KULTUR, bei der Vielzahl an Veranstaltungen wäre es für die Szene schon eine Demonstration der Stärke gewesen, nur einmal effektiv zu stören: "Das ist so bis jetzt nicht passiert."
Für eine Stärkung der Chemnitzer Zivilgesellschaft sieht Bohmann durch die Kulturhauptstadt "viele vielversprechende Ansätze". Wie wirksam diese Initiativen seien, werde sich aber wahrscheinlich erst "in ein paar Jahren" zeigen. Wichtig sei, dass nun "nicht sofort wieder abgewürgt wird", was zuvor angeschoben worden sei. Bohmann verwies in dem Zusammenhang auf die schon genannten Kürzungen der Stadt und des Landes Sachsen.
Weitere Informationen zum Abschluss der Kulturhauptstadt
Finale des Kulturhauptstadtjahres
29. und 30. November 2025
An verschiedenen Orten in Chemnitz und der Region
Auswahl des Programms:
Maker-Advent Weihnachtswerkstatt
Samstag, 29. November 2025, 12 bis 18 Uhr
Stadthalle Chemnitz
Europäische Bergparade
Samstag, 29. November 2025, ab 14 Uhr
Start am Theaterplatz Chemnitz
"Feierabend!"
Ein Abend mit künstlerischen Beiträgen und DJs
Samstag, ab 20 Uhr
Brückenstraße Chemnitz
Quellen: MDR KULTUR (Grit Krause, Tim Schulz), redaktionelle Bearbeitung: hki, hro
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