Neue Analysen aus Leipzig: Starke Hochwasser im Ahrtal keine Seltenheit
Die Flut im Ahrtal im Sommer 2021 zählte zu den verheerendsten Umweltkatastrophen in Deutschland und forderte 135 Menschenleben. Seitdem laufen nicht nur Aufräumarbeiten und der Neuaufbau – auch die Forschung fragt: Wie konnte es so weit kommen? Bisher ist bekannt, dass etwa Frühwarnsignale nicht ernst genommen wurden, versiegelte Flächen die Flut begünstigten und Überschwemmungsgebiete bebaut wurden.
Eine neue Studie aus Leipzig, die die Ablagerungen im Fluss untersucht hat, zeigt jetzt: Flutereignisse im Ahrtal sind keine Seltenheit, sondern treten in vergleichbarer Intensität regelmäßig auf. Und das seit über 1.500 Jahren.
Modelle fußen nicht auf allen Daten
Christoph Zielhofer, Leiter der Untersuchung und Physischer Geograph an der Universität Leipzig, erklärt: "Die untersuchten Sedimente dokumentieren die katastrophale Flut von 2021 und die beiden historischen Extremhochwasser von 1804 und 1910 sowie ein bisher nicht bekanntes Hochwasserereignis, das etwa auf das Ende des 5. Jahrhunderts n. Chr. datiert wird."
Die Unwissenheit über die Geschichte und das tatsächliche Ausmaß vergangener Hochwasser habe eine Rolle dabei gespielt, die Gefahr in der Region zu unterschätzen, so die Wissenschaftler. Die hydrologischen Modelle hätten sich ausschließlich auf die Abflussmessungen des Flusses bezogen, also darauf, wie viel Wasser die Ahr führt und geführt hat. Und diese Daten reichten lediglich bis in die zweite Hälfe des 20. Jahrhundert zurück. Davor liegende Ereignisse seien daher in der Gefahrenanalyse nicht beachtet wurden.
Falsch kartierte Sedimente bergen Gefahren
Auch hätten die neuen Analysen gezeigt, dass die Sedimente am Fluss deutlich jünger sind als bisher angenommen, erklärt Zielhofer. Diese gehören "in die jüngste geologische Epoche, das Holozän, die aktuelle Warmzeit. Das belegen unsere Datierungen eindeutig. Geologen haben diese Sedimente ursprünglich in das Pleistozän, also die davorliegende Epoche der Eiszeiten gestellt."
Die Datierung des Schotters in den Talräumen von Flüssen könne auch andernorts falsch sein. "Die meisten Flüsse sind von eiszeitlichen, kiesigen Sedimentterrassen flankiert. Diese gelten allerdings meist als hochwasserfrei", so der Geograph. "An der Ahr lag man hier in der Interpretation während der geologischen Kartierung – welche zeitlich weit vor der Flut 2021 stattfand – teilweise nicht richtig." Es könne gut sein, dass die Sedimente auch in anderen Talräumen in Mittelgebirgen falsch eingeordnet wurden. "Das ist aber für die Abschätzung des Hochwasserrisikos durchaus wichtig, wie man jetzt an der Ahr sieht", schließt Zielhofer.
Gefahrenanalysen möglicherweise auch andernorts ungenau
Der Klimawandel werde das Risiko extremer Hochwasserereignisse in Mitteleuropa weiter erhöhen, so die Autoren der Studie. "Daher kann die Verteilung von Ablagerungen aus Starkregenereignissen in den Auen von Mittelgebirgen wichtige Hinweise auf die zeitliche und räumliche Verteilung extremer hydrologischer Ereignisse in der Vergangenheit und darüber hinaus liefern", heißt es abschließend in der Untersuchung.
Die Forscher mahnen auch andere Regionen, ihre Hochwassergeschichte weit über die letzten 100 Jahre hinaus zu untersuchen, um nicht von Ereignissen überrascht zu werden, die geologisch gesehen "die Regel und nicht die Ausnahme" sind. Für viele Mittelgebirgsflüsse, etwa die Mulde, fehlten bisher robuste Daten zu solchen Extremereignissen, da keine langen Zeitreihen auf Basis vergleichbarer Untersuchungen erstellt worden seien.
Link zur Studie
Die Untersuchung "Fluvial deposits of the Ahr river (western Germany) reveal recurring high-magnitude flood events over the last 1,500 years" ist im Fachmagazin "Earth Surface Processes and Landforms" erschienen.
idw/jar
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