Leichte Zunahme von Stickstoffdioxid in der Luft
Luftverschmutzung ist das größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko weltweit, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Daher gelten in Europa ab 2030 strengere Grenzwerte auch für Stickstoffdioxid, kurz NO₂. Die Kolleginnen und Kollegen von Quarks haben mit einer ausführlichen Recherche den Blick auf diesen Luftschadstoff gelenkt. Die zentrale Frage: Wie gut steht Deutschland heute wirklich da – und was bedeuten die neuen Vorgaben konkret?
Auf Basis der bundesweiten Messdaten lassen sich diese Frage beantworten. Zusätzlich erlaubt ein gesonderter Blick auf Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eine vertiefte regionale Einordnung. Die Ergebnisse zeigen: Die Luft ist langfristig sauberer geworden. Deutschland hat 2025 voraussichtlich im zweiten Jahr in Folge die gesetzlichen Vorschriften eingehalten. Aber der Spielraum schrumpft trotzdem.
Die Karte der NO₂-Jahresmittelwerte 2025 zeigt zunächst eine Erfolgsgeschichte. In ganz Deutschland liegt keine der bislang ausgewerteten aktiven Messstationen mehr über dem bisherigen gesetzlichen Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Viele Regionen erreichen heute Werte, die vor zehn oder fünfzehn Jahren noch außer Reichweite schienen.
Gleichzeitig bleiben die räumlichen Unterschiede deutlich sichtbar. Hohe Belastungen konzentrieren sich weiterhin auf Ballungsräume und verkehrsnahe Standorte. Ländliche Regionen schneiden deutlich besser ab. NO₂ ist damit kein flächendeckendes Problem mehr – aber ein sehr lokales.
Ein Trend kommt ins Stocken
Noch klarer wird die Lage beim Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre. Zwischen 2019 und 2024 gingen die NO₂-Jahresmittelwerte an städtischen, vorstädtischen und ländlichen Standorten kontinuierlich zurück. 2025 markiert erstmals eine Zäsur.
In allen drei Standorttypen steigen die Werte leicht an. Nach Einschätzung des Umweltbundesamtes liegt das vor allem an der Wetterlage: 2025 war vergleichsweise trocken und windarm. Schadstoffe blieben länger in der Luft. Gleichzeitig haben technische Verbesserungen bei Verbrennungsmotoren einen Punkt erreicht, an dem sie kaum noch zusätzliche Effekte bringen. Die Folge ist ein Plateau. Die NO₂-Belastung sinkt nicht mehr "von selbst".
Starke saisonale und tägliche Schwankungen
Der NO₂-Gehalt in der Luft ist übers Jahr hinweg sehr verschieden. Abgesehen von der Wetterlage könnte man als Faustregel formulieren: Je mehr geheizt wird und je mehr Autos fahren, desto höher die NO₂-Belastung. Das verdeutlicht ein Blick auf die Tagesmittelwerte in Mitteldeutschland. Dafür wurden die täglichen NO₂-Mittel aller aktiven Messstationen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammengefasst.
Das Bild ist deutlich: Die Belastung schwankt stark von Tag zu Tag. Besonders im Winter liegen die Werte häufig deutlich höher als im Sommer. Heizungen, kalte Motorstarts und stabile Hochdrucklagen führen zu erhöhten Konzentrationen. Im Sommer sorgen bessere Durchmischung und stärkere Winde für niedrigere Werte. Diese saisonale Dynamik macht klar, warum Jahresmittel allein die tatsächliche Belastung nur eingeschränkt abbilden.
Der neue Maßstab: 20 statt 40 Mikrogramm
Ab 2030 darf der NO₂-Jahresmittelwert nur noch 20 Mikrogramm pro Kubikmeter betragen – halb so viel wie heute. Ein Blick auf die Daten von 2025 zeigt, wie groß die Herausforderung ist. Deutschlandweit haben viele Messstationen im städtischen Bereich mit Straßenverkehr diesen zukünftigen Grenzwert an den meisten Tagen des Jahres überschritten. Spitzenreiter in Mitteldeutschland ist eine Messstation in Dresden, direkt neben der dort vierspurigen und vielbefahrenen Bundesstraße. An dieser Station lag der Tageswert an 246 von 365 Tagen über den 20 Mikrogramm
Das ist allerdings sogar noch wenig im Vergleich zu Ludwigsburg oder München. Dort gab es Stationen mit 351 beziehungsweise 339 Tagen jenseits der 20 Mikrogramm. In der folgenden Grafik können Sie selbst wählen, welche Bundesländer, Umgebungstypen und Stationsarten angezeigt werden sollen. Deutlich wird auf jeden Fall die "Vormachtstellung" der Standorte mit Verkehr, also der roten Balken in der Grafik.
Allerdings geht es bei den neuen Grenzwerten ab 2030 ja um die Mittelwerte eines ganzen Jahres. Aber auch da liegen die gleichen Stationen vorn. Die ersten sieben mitteldeutschen Stationen aus der vorherigen Grafik (Dresden, Halle, zweimal Magdeburg, Leipzig, Chemnitz, Erfurt) sind auch genau die, die den zukünftigen Grenzwert in diesem Jahr überschritten haben, wenn auch nicht extrem hoch (um 4,87 bis 0,35 Mikrogramm pro Kubikmeter).
Und außerdem kann man konstatieren: Das Problem ist in Mitteldeutschland nicht so groß wie in anderen Teilen Deutschlands. Während hier eben nur sieben von 66 Stationen (knapp elf Prozent) über den zukünftigen Grenzwerten lagen, waren es deutschlandweit 105 von 409 Stationen (knapp 26 Prozent).
Kein unbedenklicher Wert
Aus medizinischer Sicht ist die Verschärfung der Grenzwerte gut begründet. Studien zeigen gesundheitliche Effekte von NO₂ bereits deutlich unterhalb der bisherigen 40-Mikrogramm-Grenze. Einen Schwellenwert, unter dem NO₂ als unproblematisch gilt, gibt es nicht.
Die Daten aus dem Jahr 2025 machen deshalb deutlich: Die bisherigen Erfolge reichen nicht aus, um die neuen Anforderungen automatisch zu erfüllen. Der Verkehrsökologe Jens Borken-Kleefeld von der TU Dresden zeigt sich zwar vorsichtig optimistisch: Viele besonders stark emittierende Fahrzeuge würden in den kommenden Jahren aus dem Verkehr verschwinden. "Damit wird die Schadstoffbelastung weiter zurückgehen", sagt er. Doch ohne zusätzliche Maßnahmen in Städten und im Verkehr dürfte es nicht gehen, wenn man die Grenzwerte ab 2030 einhalten will.
Links / Studien
Quarks: "Atemlos: Zu viel Stickstoffdioxid in der Luft?"
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