Wie ein "Tierführerschein" Leid und Kosten mindern soll
Ein Hund kostet über seine gesamte Lebensspanne circa 20.000 Euro – so eine grobe Berechnung des Deutschen Tierschutzbundes. Im Falle von Unfällen oder Operationen können es auch schnell ein paar Tausend mehr sein. Wenn die Besitzer die Kosten nicht mehr stemmen können, werden die Tiere abgegeben – häufig auch direkt ins Tierheim.
Herzzerreißende Situationen beim Tierarzt
Tierarzt und Hochschullehrer Rainer Cermak von der Universität Leipzig erzählt, klassischerweise sei es so, dass die Tierbesitzer in eine Praxis kämen und dann über massive Gesundheitsprobleme ihres Haustieres aufgeklärt würden. "Wenn sie dann mit den Kosten konfrontiert werden, was eine Behandlung kostet, zum Beispiel eine Operation, fallen die Besitzer häufig aus allen Wolken." Weil viele Menschen ihre Tiere aber dennoch lieben, entstehen herzzerreißende Situationen.
Aus Sicht vieler Tierärzte braucht es deshalb dringend mehr Informationsangebote für Menschen, die sich überlegen, ein Tier anzuschaffen. Eine Möglichkeit, diese zu schaffen, wäre der Tierführerschein. Die Debatte darüber ist nicht neu: Immer wieder fordern Tierschutzorganisationen, dass es einen solchen Führerschein geben soll. Auch im MDR-eigenen Meinungsbarometer MDRfragt gaben 9 von 10 Befragten an, dass sie einen Sachkundenachweis für Haustierhalter befürworten.
In Österreich gibt es den Hundeführerschein seit Anfang des Jahres
Wie genau so ein "Tierführerschein" aussehen könnte, ist bisher nicht ganz klar. Möglich ist etwa eine Kombination aus digitalen Inhalten und einer praktischen Prüfung. Ein Vorbild könnte etwa der Hundeführerschein sein, der in Niedersachsen bereits verpflichtend ist und in Bremen ab dem Sommer ebenfalls Gesetz wird. Auch in Österreich gibt es seit Anfang 2026 einen verpflichtenden Hundeführerschein. Häufig gliedert sich der Führerschein in einen theoretischen und einen praktischen Teil mit einer Prüfung, die bestanden werden muss.
Was die Details angeht, ist man in der Tierärzteschaft aber durchaus gespalten, erklärt Veterinär Rainer Cermak. Auf dem Leipziger Tierärztekongress haben er und seine Kollegen mit Experten aus dem Tierschutz und den Halterverbänden darüber diskutiert, in welcher Form ein "Führerschein" für Haustiere umgesetzt werden könnte. "Auf freiwilliger Basis befürworten eigentlich alle diese Idee – aber eine verpflichtende Sachkunde per Gesetz, da ist nicht jeder Kollege dafür", erklärt er. Die Kritikpunkte: Einschränkung der persönlichen Freiheit, hoher bürokratischer Aufwand.
Es bleibt die Frage, wer den Führerschein kontrollieren soll
Die Veterinärbehörden seien mit Lebensmittelüberwachung, Tierschutz, Tierseuchenbekämpfung und anderem so ausgelastet, dass sie nicht ohne Weiteres noch die Kontrolle eines Haustierführerscheines übernehmen können, so Cermak. Obwohl die Tierheime in Deutschland als überfüllt gelten und der Führerschein für Haustiere hier für Entlastung sorgen könnte, scheint eine Umsetzung politisch schwierig.
"Wir haben natürlich das Problem: Wir reden alle gerade vom Bürokratieabbau, und jetzt kommen wir Tierärzte und wollen noch zusätzliche Bürokratie schaffen. Also, das ist aktuell ein schwieriges Umfeld", findet Rainer Cermak. Er hofft, dass man sich nun zumindest darauf verständigen könne, kleine Schritte in die Richtung eines Führerscheines zu gehen.
Studie aus Leipzig: Deutliche Mängel bei exotischen Arten
Das betrifft übrigens nicht nur Hunde und Katzen – sehr viel drängender ist die Lage bei exotischen Tierarten. Das zeigt auch eine Studie der Universität Leipzig mit dem Namen EXOPET. Exotische Vögel und Reptilien werden in Deutschland trotz gutem Willen der Halter oft nicht artgemäß und tiergerecht gehalten, so das Ergebnis der Untersuchung. Auch die Autoren der Studie fordern als Konsequenz dringende Maßnahmen wie etwa einen "verpflichtenden Sachkundenachweis".
Exotische Tiere werden in Deutschland häufig nicht artgerecht gehalten.Bildrechte: IMAGO/Funke Foto ServicesSelbstverständlich können solche Nachweise nicht alle Probleme lösen. In einigen Fällen, wie etwa dem zwanghaften Horten von Tieren, auch bekannt als "Animal Hoarding" dürfte ein simples Informationsangebot nicht ausreichen. Dennoch: Häufig handeln Menschen, die gegen das Tierschutzgesetz verstoßen, aus Unwissen.
Mangelnder Tierschutz kann hohe Kosten verursachen
Tierarzt Cermak ist daher überzeugt, dass mehr Wissen viele Fälle verhindern könnte. Und er gibt zu bedenken: Auch das Aufarbeiten von Tierschutzverstößen kostet viel Geld: "Häufig ist das um ein Vielfaches teurer, gerade für den Staat und die Behörden: Prozesse, Verwaltungskosten, Gerichtskosten und so weiter fallen hier ins Gewicht."
Insofern wäre der Haustier-Führerschein aus Sicht vieler Experten auch eine Möglichkeit, nicht nur Tierleid zu mindern, sondern auch staatliche Kosten zu reduzieren. Ein Beispiel, das die Dimensionen verdeutlicht: Ein Tierschutzfall in Bad Lauchstädt, bei dem 130 Hunde aus erbärmlichen Zuständen gerettet wurden, kostete den Landkreis bislang rund 350.000 Euro. Der Prozess gegen die Halterin beginnt im Februar.
Links/Studien
Die erwähnte EXOPET-Studie hat eine eigene Webseite, auf der Sie sich über die Ergebnisse informieren können.
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