DDR-Ikone: Wie Fotograf Günter Rössler den Blick auf Frauen prägte
- Günter Rössler wurde vor 100 Jahren geboren und ist heute vor allem für seine authentisch wirkenden Aktfotografien berühmt.
- Als Modefotograf prägte er bereits in der frühen DDR das Bild eines neuen, selbstbewussten Frauentypus.
- Neben ikonischen Bildern zeigt das Kunsthaus Apolda auch unbekannte Reportagefotos aus Rumänien, Griechenland oder Albanien.
Entspannt hat sich die junge Frau zurückgelehnt. Offen und selbstsicher schaut sie uns an. Fast beiläufig gibt der leicht geöffnete Trenchcoat einen Blick auf ihren nackten Körper frei. Sie wirkt so im Einklang mit sich, dass sich ihre Stärke auf die Betrachterin überträgt. Lange möchte man vor der Schwarz-Weiß-Fotografie von Günter Rössler stehen bleiben.
Mehr über Günter Rössler (zum Aufklappen)
Rössler wurde am 6. Januar 1926 in Leipzig-Markleeberg geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem er zum Militärdienst eingezogen wurde und in Gefangenschaft geriet, sammelte er als Fotolaborant erste Erfahrungen und ließ sich danach zum Fotografen ausbilden. Von 1947 bis 1950 studierte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Danach begann er, als freischaffender Mode- und Werbefotograf zu arbeiten und erhielt Aufträge von Mode- und Frauenjournalen wie der "Sibylle" oder "Modische Maschen". Bereits 1960 veröffentlichte Rössler erste Aktaufnahmen, in den 1970er-Jahren befasste er sich verstärkt mit Aktfotografie.
Rössler gehörte dem Verband Bildender Künstler der DDR an, war Mitbegründer der Fotomodell-Agentur "Voilà!" und Mitglied im Bund Bildender Künstler Leipzig. 2006 wurde er mit der Ehrenmedaille der Stadt Markleeberg geehrt und trug sich ins Goldene Buch ein. Bis zu seinem Tod am 31. Dezember 2012 arbeitete Rössler als Fotograf.
Aktbilder von Günter Rössler: Gespür für den richtigen Moment
Dabei entstand die Aufnahme zufällig, erzählt die Witwe des Künstlers, Kirsten Schlegel. Damals, im Jahr 1997, hatte das Modell gerade eine Pause eingelegt und sich dazu den Mantel des Fotografen übergezogen. "Und sie steht da so an der Wand und Günter dreht sich um und sagt: Bleib so." Es ist dieses Gespür für den richtigen Moment, das Rösslers Fotografien besonders machen.
Mit und ohne Mantel: 1997 machte Günter Rössler eine Akt-Fotoserie mit dem Modell Stefanie.Bildrechte: Günter Rössler/ Kirsten SchlegelDie Ausstellung anlässlich Rösslers 100. Geburtstages vereint Bilder aus 60 Schaffensjahren. Kirsten Schlegel wählte dafür Werke aus, die ihrem Mann selbst am Herzen lagen. "Er war ja ein sehr bescheidener Mensch", erzählt sie. "Aber manchmal hat er mit so einem Schmunzeln gesagt: Ich glaube, das ist ein gutes Bild." Man spürt, wie eng die beiden über viele Jahre hinweg verbunden waren. Kirsten Schlegel war ursprünglich eines seiner Modelle, auch von ihr hängt ein Bild in der Ausstellung.
Neues Frauenbild: selbstbewusst, klug, authentisch
Neben den Aktfotografien, für die Günter Rössler bis heute bekannt ist, gibt es in der Ausstellung eine große Zahl von Reportage- und Modeaufnahmen zu entdecken. Darunter sind ikonische Bilder, die einst die Titelseiten von Zeitschriften wie Sibylle oder Modische Maschen zierten, wie das der beiden jungen Frauen im Sixties-Look vor dem Leipziger Konsument-Warenhaus.
Bild: Leipzig, 1967. Die Modefotografie von Günter Rössler prägte in der DDR auch Modezeitschriften wie die Sibylle.Bildrechte: Günter Rössler/ Kirsten SchlegelEs ist immer wieder für mich dieses Authentische, Natürliche, was er geschafft hat, auf's Bild zu bekommen.
Als ausgebildeter Reportagefotograf sei ihm alles Gekünstelte fremd gewesen. "Er wollte wirklich die Frau so zeigen, wie sie war: selbstbewusst, klug, authentisch. Als er Anfang der 60er-Jahre zur Sibylle kam, hat er diese Modezeitschrift, man kann schon sagen, etwas revolutioniert", schmunzelt Kirsten Schlegel.
Unbekannte Reportagefotos aus Rumänien, Griechenland, Ungarn
Im Kunsthaus Apolda entdeckt man aber auch unbekanntere Arbeiten, wie die Aufnahmen aus Rumänien, Griechenland, Ungarn und Albanien, die in den 60er- und 70er-Jahren entstanden. Sie ermöglichen ein Eintauchen in eine Welt, die zugleich unendlich weit entfernt scheint und doch ganz unmittelbar berührt.
Foto: Bulgarien, 1974. Auch die weniger bekannten Reportagefotos von Günter Rössler sind in der Ausstellung in Apolda zu entdecken. Bildrechte: Günter Rössler/ Kirsten Schlegel"Günter hat sich immer für das Leben einfacher Menschen, für ihre Geschichten interessiert und wollte diese festhalten, ohne zu werten", erläutert Kirsten Schlegel. Vielmehr habe er sich als Fotograf stets zurückgenommen. "Ob bei Reportage, Mode oder Akt, es ist immer wieder für mich dieses Authentische, Natürliche, was er geschafft hat, aufs Bild zu bekommen."
Was die Fotografien über die DDR erzählen
Vielleicht sind die Arbeiten deshalb so zeitlos schön. Dabei sind sie gleichermaßen Zeitzeugnisse vom künstlerischen und gesellschaftlichen Leben in der DDR. Rössler gilt als Wegbereiter der Aktfotografie ostdeutscher Prägung. Es ist eine, die die Nacktheit fast zur Nebensache macht, die vielmehr ein Gesamtbild zeigt.
Ich finde es auch ganz faszinierend, dass der Umgang mit Nacktheit in der DDR so ein anderer war.
Auch Claudia Söllner ist von den Fotografien beeindruckt. Die Leiterin des Kunsthauses Apolda ist selbst nicht mehr in der DDR aufgewachsen. "Ich finde es auch ganz faszinierend, dass der Umgang mit Nacktheit in der DDR so ein anderer war. Und dadurch auch wahrscheinlich die Beziehung der Models zum Fotografen ganz anders war, als es vielleicht im Westen gewesen ist," vermutet sie.
Kirsten Schlegel, Kuratorin der Ausstellung und Witwe des Fotografen, 1984 auf der Titelseite von "Modische Maschen".Bildrechte: Günter Rössler/ Kirsten SchlegelMit vielen seiner Modelle war Günter Rössler über Jahrzehnte hinweg befreundet. Acht von ihnen haben sich für die Ausstellung noch einmal zusammengefunden. "Die jüngste ist jetzt mittlerweile Mitte 40, die älteste Mitte 70", erzählt Kirsten Schlegel. Jede suchte sich ein Bild heraus und erzählte dessen Entstehungsgeschichte, die in der Ausstellung über einen Audioguide zu hören sind. Mit dabei ist auch Stefanie – die Frau, die auf einem Foto so wunderbar selbstsicher im Trenchcoat des Künstlers an der Wand lehnt.
Günter Rössler 2005. Der Fotograf aus Leipzig starb 2012. Am 6. Januar 2026 wäre er 100 Jahre alt geworden. Bildrechte: picture-alliance/ ZB | Peter EndigMehr Informationen zur Ausstellung:
"Günter Rössler – Mode- und Aktfotografie"
18. Januar bis 3. Mai 2026
Ort:
Kunsthaus Apolda
Bahnhofstraße 42
99510 Apolda/Thüringen
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr
Redaktionelle Bearbeitung: lm, vp
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