Vor der Sachsen-Anhalt-Wahl: Hälfte der Befragten findet Haseloffs Rückzug richtig
- Haseloffs Rückzug sorgt in der MDRfragt-Gemeinschaft für Zustimmung und Kritik gleichermaßen.
- Manche Befragten hätten Haseloff gerne bis zum Ende der Wahlperiode an der Macht gesehen, andere wiederum hätten sich einen früheren Wechsel gewünscht.
- Viele Befragte blicken mit negativen Gefühlen auf die Sachsen-Anhalter Landtagswahl im September.
Er ist der am längsten amtierende Ministerpräsident Deutschlands: Seit 2011 regiert Reiner Haseloff (CDU) in Sachsen-Anhalt. Drei Legislaturperioden hat er mit unterschiedlichen Koalitionspartnern bestritten, zuletzt mit SPD und FDP. Aber schon länger ist klar: Bei der Landtagswahl im September tritt er nicht noch einmal an. Stattdessen führt Sven Schulze die Sachsen-Anhalter CDU in den Landtagswahlkampf.
Und nun geht alles doch noch schneller. Haseloff tritt als Ministerpräsident zurück und macht den Weg frei für den bisherigen Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU), der als neuer Ministerpräsident Sachsen-Anhalt bis zur Wahl im September führen soll – und, wenn es nach dem Willen der CDU geht, auch darüber hinaus.
Hälfte findet Rückzug richtig
Im Jahr der Landtagswahl blickt auch MDRfragt intensiv nach Sachsen-Anhalt, immer im Dialog mit den MDRfragt-Mitgliedern im Land. Zu Haseloffs Rücktritt haben knapp 5.700 von ihnen ein differenziertes Stimmungsbild abgegeben.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKDie Hälfte der Befragten (50 Prozent) findet den Rücktritt richtig. Ein reichliches Drittel (36 Prozent) sieht das anders und findet den Wechsel falsch. Und die restlichen 14 Prozent sind unentschlossen, mehr als in vielen anderen Umfragen.
Vielstimmige Kommentare zum Ministerpräsidenten-Wechsel
Dass viele mit zwiespältigen Gefühlen auf Haseloffs Rücktritt blicken, zeigt sich in den Kommentaren zur Befragung. Martin (29) aus Halle findet die Entscheidung einerseits richtig, um Schulze im Land bekannter zu machen. Andererseits sieht er den Zeitpunkt kritisch: "Denn man gibt dem politischen Gegner sehr viel Angriffsfläche." Ähnlich sieht es Karin (76) aus dem Landkreis Stendal: "Der Ministerpräsident (...) hätte schon wesentlich früher sein Amt abgeben sollen. Man bekam Sven Schulze ja kaum zu Gesicht."
Viele andere hätten sich gewünscht, dass Reiner Haseloff noch bis zur Wahl im Amt bleibt. Für Michael (56) aus Magdeburg haben Haseloff und Schulze mit dem Amtswechsel Vertrauen verspielt. Er kommentiert: "Kontinuität zahlt auf das Wählerverhalten ein. Und natürlich können die konkurrierenden Parteien das jetzt als Mauschelei ausschlachten. Unabhängig davon, ob es tatsächlich eine ist.“
Hintergrund: Warum darf ein neuer Ministerpräsident überhaupt ohne Landtagswahl ins Amt kommen?
"Mauschelei", "Wahlkampfmanöver" oder gar "Wahlbetrug". Manche MDRfragt-Teilnehmer sehen sich durch Haseloffs Rückzug getäuscht. Schließlich sei er für fünf Jahre gewählt.
Tatsächlich wird der Sachsen-Anhalter Ministerpräsident nicht direkt vom Volk gewählt. Die Landesverfassung setzt auf das Modell der repräsentativen Demokratie, genau wie die anderen 15 Länder und die Bundesrepublik insgesamt. Das heißt: Die Sachsen-Anhalter wählen für fünf Jahre den Landtag. Und Ministerpräsident kann nur werden, "wer im ersten Wahlgang die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des Landtages erhält." So steht es in Artikel 65 der Landesverfassung. Das heißt aber auch: Die Regierung und auch der Regierungschef können innerhalb einer Legislatur wechseln.
Die Macht des Regierungschefs ist also nicht absolut. Sie braucht immer eine Mehrheit der Abgeordneten. Dass sich diese schnell ändern kann, zeigt das Beispiel Brandenburg: Dort muss sich Ministerpräsident Woidke aktuell eine neue Mehrheit suchen, weil die Stimmen des Koalitionspartners BSW nach internen Streits weggebrochen sind.
Dass ein Ministerpräsident innerhalb der Wahlperiode ins Amt kommt, das ist legitim und sogar ziemlich üblich. Hendrik Wüst (CDU) wurde so 2021 nordrhein-westfälischer Ministerpräsident, nach dem Rückzug von Armin Laschet. Auch Olaf Lies (SPD) in Niedersachsen kam 2025 auf diesem Weg an die Macht.
Mit Blick auf die Wahl: Sorge überwiegt
Bei der Frage, mit welchen Gefühlen die MDRfragt-Mitglieder auf die bevorstehende Landtagswahl im September blicken, äußern sich viele pessimistisch bis negativ. So empfindet knapp ein Drittel der Befragten dabei Sorge. Auch Unsicherheit und Anspannung werden nicht selten genannt. Demgegenüber blicken einige hingegen hoffnungsvoll (18 Prozent) auf die Wahl im September.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKIn den Kommentaren kristallisiert sich ein dominierendes Thema heraus, das viele Menschen umtreibt und das auch bundesweit diskutiert wird: die starken Umfragewerte der AfD in Sachsen-Anhalt. Manfred (74) aus dem Salzlandkreis hofft auf eine AfD-Alleinregierung, über die zuletzt immer wieder spekuliert wurde. Er wünscht sich: "Keine Waffenlieferungen für die Ukraine und eine spürbare Migrationspolitik". Diese Themen könnte AfD-Kandidat Ulrich Siegmund als möglicher Ministerpräsident allerdings kaum beeinflussen. Denn sowohl Außen- als auch Migrationspolitik liegen größtenteils in den Händen der Bundesregierung.
Petra (60) aus dem Burgenlandkreis treibt vor allem dieser Aspekt um: "Die AfD wird auch keine Lösungen haben." Stattdessen befürchtet sie "Stagnation, weil keiner mit der AfD regieren will". Und Robert (66) aus dem Saalekreis wundert sich über die Debatten vor der Landtagswahl, insbesondere in Hinblick auf die Migration: "Die Leute haben Angst vor den Veränderungen. Sie schimpfen auf Ausländer, dabei haben wir nur sehr wenige. Und die Ausländer, die wir haben, arbeiten als Fachkräfte im Chemiewerk von Leuna.“
Über diese Befragung
Bei der Befragung „Haseloff tritt zurück – Schulze übernimmt? Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl“ vom 16.01.2025 bis zum 20.01.2026 haben 5.685 Menschen aus Sachsen-Anhalt teilgenommen.
Grundsätzlich können bei MDRfragt alle mitmachen, die mindestens 16 Jahre alt sind und in Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt wohnen. Diese Befragung hat sich jedoch ausschließlich an die Menschen in Sachsen-Anhalt gerichtet.
Unser Ziel ist es, die Vielfalt der Argumente sichtbar zu machen. Die Kommentare der Teilnehmenden helfen uns, die Gründe für unterschiedliche Positionen und das gesamte Meinungsspektrum abzubilden.
Wir ziehen keine Stichprobe, sondern laden alle Interessierten ein, ihre Meinung einzubringen. Deshalb sind die Ergebnisse streng genommen nicht repräsentativ. Aber: An den Befragungen beteiligen sich jeweils zehntausende Menschen aus den drei Bundesländern. MDRfragt wird zudem wissenschaftlich begleitet und überprüft. Die Ergebnisse werden nach bewährten Methoden gewichtet – anhand soziodemografischer Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildungsgrad – und so an die tatsächliche Bevölkerungsverteilung in Mitteldeutschland angepasst. Dadurch sind die Ergebnisse aussagekräftig für die Stimmung im Sendegebiet. Durch Rundungen ergeben die Prozentwerte bei einzelnen Fragen nicht immer exakt 100.
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