Was erfahren Jugendliche heute über die DDR, wenn sie sich auf TikTok oder Instagram bewegen? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Projekt "Algorithmix#DDR" unter der Leitung der Geschichtsdidaktikerin Anja Neubert und des Soziologen Alexander Leistner.

Instrumentalisierung durch soziale Netzwerke

Ausgangspunkt des Projekts war die Beobachtung, dass rechte Gruppierungen verstärkt DDR-Narrative nutzen, um aktuelle politische Botschaften zu platzieren. Begriffe wie "Wende 2.0" gehören zum Standardrepertoire. Projektkoordinatorin Anja Neubert erklärt dazu: "Wir müssen uns fragen, wie solche Begriffe und Narrative über die DDR heute zustande kommen. Denn Geschichte in sozialen Medien wird massiv für aktuelle Protestbewegungen instrumentalisiert."

200.000 TikTok-Kanäle in der Auswertung

Anja Neubert von der Universität Leipzig ist Mitarbeiterin an der Professur der Didaktik der Geschichte.Bildrechte: Universität Leipzig

Um die Masse an Inhalten zu erfassen, arbeiteten Historiker mit Informatikern im Bereich "Computational Humanities" zusammen. Über eine Schnittstelle (API) von ByteDance wurden Daten von rund 200.000 TikTok-Kanälen abgerufen. Zusätzlich simulierten sechs Test-Accounts das Verhalten 16-jähriger Nutzer. Die Ernüchterung folgte bei der Ausspielung auf der "For You"-Page: "Ernsthafter geschichtsvermittelnder Content ist dort nur noch in Spurenelementen vorhanden", so Neubert.

Ernsthafter geschichtsvermittelnder Content ist auf TikTok nur noch in Spurenelementen vorhanden.

Anja NeubertFachdidaktik Geschichte

Zwischen Nostalgie und AfD-Politik: Die Macht der Algorithmen

Die Untersuchung zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Aufarbeitung und Social-Media-Trends. Das Team bildete 32 Inhalts-Cluster. Zu den dominierenden Themen gehören:

  • Subjektive Erinnerungen: Nostalgische Rückblicke wie "Damals war es schön"
  • Identität: Der "Osten" und das "Ossi-Sein" als identitätsstiftende Merkmale
  • Alltagskultur: Videos über Simson-Mopeds, Trabis oder DDR-Rezepte wie Wurstgulasch
  • Politische Instrumentalisierung: Inhalte mit Bezug zur AfD und rechten Protesten

"Wenn man auf TikTok fragt: Was sind denn heute DDR-Narrative? dann kommt man schnell an seine Grenzen. Es geht auf diesen Plattformen nicht um Follower, sondern rein um die schnelle Reichweite", stellt Neubert fest. Dabei spiele das offizielle "Diktaturgedächtnis" kaum eine Rolle. Stattdessen dominiere eine formelhafte Erinnerung: "Wenn Eltern die 'DDR-Erinnerung 2.0' erzählen und Schüler diese Narrative im Unterricht nicht einordnen können, sollten wir das gesellschaftlich kontrovers behandeln."

Neues Lernspiel: Die Macht der "Algokratie"

Um die Ergebnisse für die politische Bildung nutzbar zu machen, entwickelte das Team der Universität Leipzig daher das analoge Spiel "Algorithmix#DDR". Es soll die Allmacht der Algorithmen sowie die Mechanismen der Selbstermächtigung thematisieren. Anja Neubert beschreibt die Dynamik hinter der Plattform-Logik als drastisch: "Welche Macht Algorithmen haben, ist so krass, dass sogar Daten dahingehend zurückgehalten werden. Das haben wir während der Untersuchung mehrfach festgestellt."

Im Spiel schlüpfen die Teilnehmenden in Rollen wie "Erinnern" oder "Beeinflussen". Sie müssen zu historischen Fotografien von Mahmoud Dabdoub Bildunterschriften verfassen, während "Algorithmix-Karten" ihre Handlungsaufträge manipulieren. Etwa durch das Zählen von Fachbegriffen oder das Verändern von Bildaussagen. Es geht um den Begriff der "Algokratie": also die Frage, wie die Macht der Algorithmen aussieht und wie man sich ihr entziehen kann.

Wir müssen über die Alltagsthemen der DDR sprechen, aber gleichzeitig die Allmacht der Algorithmen durchschauen, die bestimmen, welches Bild wir von der Vergangenheit haben.

Anja NeubertFachdidaktik Geschichte

Einsatz in der Praxis

Das Projekt wurde im Sommer 2024 bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) eingereicht und startete im März 2025 in die Hauptphase. Nach Tests mit rund 300 Schülerinnen und Schülern in zwölf Leipziger Schulklassen wurde das Spiel im September 2025 in Altenburg produziert.

Für Neubert ist das Ziel klar: "Wir müssen über die Alltagsthemen der DDR sprechen, aber gleichzeitig die Allmacht der Algorithmen durchschauen, die bestimmen, welches Bild wir von der Vergangenheit haben."

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