Selbstversuch: Ein Monat ohne Alkohol – von Genuss, Verzicht und Schuldgefühlen
Wir spulen einen Monat zurück: Januar 2026. Alles ändert sich, jetzt! Mit guten Vorsätzen! Endlich! Oder? Nunja. Irgendwie nicht, nein. Ich hatte mich erschöpft aus dem vergangenen Jahr ins Neue geschleppt und war zum Start des Jahres, wie zur Strafe, von selbstoptimierenden Glaubenssätzen von Freundinnen, Freunden oder Kolleginnen und Kollegen umgeben: Vegan, alkoholfrei, ab jetzt jeden Tag ins Gym, achtsam, früh ins Bett, ausgeschlafen, frisch vom Friseur, Challenge hier und Challenge da, Gesundheit, Erfolg, Nähe. Du hast es in der Hand, starte jetzt, unbedingt, am besten gestern, jetzt wird aufgeholt, im Leben, im Job, überall. Ich dagegen so: Cool, cool. Macht ihr nur. Aber ohne mich. Soweit das Klischee.
Denn bei so viel "optimiertem Leben" hat man, nein, habe ich, nicht selten Lust, gar nichts mehr zu machen; nichts zu verbessern, keinen einzigen Vorsatz aufzuschreiben. Es bewusst noch nicht mal zu versuchen, etwas Positives umzusetzen. Lieber bisschen Dagegen-sein, faul sein. Und damit bin ich schon mal nicht alleine: Einer Umfrage der DAK-Versicherung zufolge hatten 41 Prozent der Deutschen Vorsätze fürs neue Jahr 2026. Ergo: 59 Prozent keine. Die Mehrheit. Gut so, dachte ich mir insgeheim. Ich hatte also keine Vorsätze, keine Challenge vor mir. Dazu kam, ich wollte es mir selbst nicht antun, mir eine Challenge aufzubürden, die ich dann womöglich nicht schaffe und mich deshalb letztlich schlechter fühle, als ich müsste. Was soll ich sagen: Es kam anders. Anders-besser sogar.
Januar-Challenge: Keinen Alkohol trinken
Denn ich sollte, durfte die "Dry January"-Challenge in unserer Redaktion durchlaufen. Einen Monat keinen Alkohol trinken. Kann ich schon machen, okay. Was mir daran gefällt: Ein Monat ist machbar. Also, hoffentlich. Und so ganz ohne Vorsätze geht es als Mitte-30-Jährige in diesem Leben eben dann halt doch nicht, irgendwas muss ich machen, wenn ich nicht ganz hinter den anderen mit ihren gesunden Lifestyle-Choices abschmieren will, ehrlicherweise. Das Schicksal hat entschieden. Diese 31 Tage werden positive Effekte auf meine Gesundheit haben, gehabt haben und jedes mal wieder haben, wenn ich eine zeitlang keinen Alkohol trinke. Mediziner und Studien belegen das. Eine mehrjährige Studie der Universität Cambridge und der Universität Innsbruck kommt zum Beispiel zu dem Ergebnis: Wer weniger Alkohol trinkt, lebt länger.
Forscherinnen und Forscher der Universität Sussex haben bereits 2019 die Effekte des Dry January untersucht. Die Teilnehmenden der Studie gaben an, dass sie besser schliefen, mehr Energie besäßen, sich der Zustand ihrer Haut verbessert hätte und dass sie Gewicht verloren hätten. Kalorien spart man tatsächlich eine Menge: Ein Gramm reiner Alkohol hat sieben Kalorien. Zum Vergleich: Fett hat neun. Und der Alkoholabbau, der auf das Trinken folgt, blockiert zudem die Fettverbrennung. Doppelt schlecht für all jene, die abnehmen möchten.
Der Tag der gebrochenen Vorsätze
Innerhalb dieser 31 Tage gibt es einen Tag, den ich mir in vorauseilender Vorsicht schon mal markiere: den 17. Januar. Dieser Tag ist der Tag der gebrochenen Vorsätze, hier heißt es: Durchhalten! Nicht einknicken. Und ich kreuze mir zusätzlich zwei Termine, an denen Abendveranstaltungen anstehen, bei denen ich normalerweise "mittrinken" würde, an. Ich trinke immer mal, nicht selten, nicht häufig, eher aus Gewohnheit. Anlassbezogen, nicht alleine. Aber immer dann, wenn es mein Umfeld macht. Klingt das nach Rechtfertigung? Ein wenig. Der Alkohol-Selbsttest auf der Seite "Kenn dein Limit" hat ergeben, ich solle meinen Umgang mit Alkohol prüfen. Dann prüfen wir mal.
In den ersten eins, zwei Wochen frage ich mich: Ist es überhaupt so eine große Sache? Nee, ganz ehrlich, it's not that deep, denke ich anfangs. Bis es eben doch immer wieder mal zum Thema wird. Andere fühlen sich nämlich ganz offensichtlich unwohl(er), zu trinken, wenn ich es nicht tue. Was ich verstehe, bin ich doch selbst eine Gesellschafts-Trinkerin.
Schuldgefühle waren dann zwar da, also bei mir, den anderen den Spaß zu nehmen, aber ich hatte ja meinen Anker: der Selbstversuch. Der Artikel. Eine Reaktion darauf, die mir im Kopf bleibt: "Oder du berichtest heute von einem Rückfall?". Das fragte mich eine Kollegin, halb scherzhaft, mit der ich nach 20 Tagen Nicht-Trinken in einer Bar saß. Danach unterhielten wir uns über weitere Laster, die wir eigentlich lassen oder reduzieren sollten: Rauchen, hohe Bildschirmzeit. Und auch Alkohol. An alles wollen wir ran. Demnächst. Den Alkohol an diesem Abend wegzulassen, fühlte sich gut an.
Alkohol als "sozialer Kleber"
Alkohol hat dennoch eine Qualität, die ich als erwachsene Person, die eher unsicher ist, normalerweise schätze: Entspannung. Ankommen, ein Gläschen trinken. Die ganze Haltung ist dann, ja, etwas ruhiger, besser. Maßvolles trinken macht Situationen, die "spannend" im Sinne von angespannt sind, etwas leichter. Diese Erfahrung haben sicher schon viele Menschen gemacht. Das liegt unter anderem daran, dass Alkohol die Gefäße weitet und den Blutdruck senkt. Aber Achtung: Nur kurzfristig! Nicht nachhaltig! Da bewirkt Alkohol genau das Gegenteil. Und Alkohol als Lösung für spürbare Unsicherheit zu benutzen, ist sowieso problematisch.
Alkohol hat, das kommt hinzu, eine stark eventbezogene, soziale Kraft; nicht nur, aber auch in Deutschland. Feste, die einem alkoholischen Getränk gewidmet sind, sprechen dafür: Das Oktoberfest in München oder etliche Weinfeste, überall in Deutschland. Und: Ein Weihnachtsmarkt ohne Glühwein? Ein Empfang, eine Ausstellung, ein Geburtstag ohne Sekt? Fußball gucken ohne Bier? Für viele keine diskutierwürdigen Fragen. Alkohol gehört dazu. Weil wir ihn dazugehören lassen. Selbst bei der Einschulung meiner Nichte gab es Sekt auf dem Schulhof. Immerhin mit und ohne Alkohol. Allen negativen Konsequenzen, die Alkohol beispielsweise auf die Leber und das Gehirn hat, zum Trotz. Alkohol ist immer "irgendwie da".
Fließender Übergang: Alkohol trinken, missbrauchen oder abhängig werden
Deshalb schaue ich mir einige Zahlen zu Alkohol an. 3,9 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren hatten im Jahr 2024 in Deutschland eine Alkohol-bezogene Störung. Darunter 1,7 Millionen, die Alkohol missbrauchen und 2,2 Millionen, die alkoholabhängig sind. Etwa 14.000 Menschen starben 2020 an Krankheiten, die ausschließlich auf Alkohol zurückzuführen sind. Einerseits haben diese Statistiken natürlich auch etwas mit meiner Challenge zu tun, deshalb nenne ich sie. Andererseits ist Alkohol wahrscheinlich für die meisten nicht mehr und nicht weniger als ein Genussmittel. Alkohol zu trinken, bedeutet nicht automatisch, ein Problem damit zu haben.
Die Übergänge sind aber, wie so oft im Leben, fließend, mäandernd. Ein empfehlenswerter Film, unter anderem zur Frage, wann Trinken zum Problem wird, oder es vielleicht schon längst ist, ist "Im Rausch", eine ZDF-Produktion aus dem Jahr 2025. Darin geht es um eine alkoholabhängige Journalistin. Der Regisseur Mark Schlichter verarbeitet in diesem Film seine eigene Alkoholsucht, was den Film sehr eindrücklich macht. Und mich zum Nachdenken gebracht hat.
Alternative: Alkoholfreier Wein
Ich habe häufig nicht hinterfragt, warum ich in Gesellschaft ausgerechnet einen Sekt zum Anstoßen oder zum Essen mit Freunden Wein trinke. Der Geschmack, also der reine Genuss des Getränks, wäre mir ehrlicherweise nicht als Erstes eingefallen. Vielleicht als Zweites. Vielmehr ist es der Anlass, der Alkohol beständig seit über 20 Jahren in mein Leben bringt. Ist es casual-feierlich? Sekt öffnen. Ist es sehr feierlich, geht es um eine Beförderung, hat jemand einen Preis gewonnen? Champagner öffnen. Ist es tragisch? Schnaps trinken. Das zumindest zu betrachten, zu erkennen und zu hinterfragen, hat mir die Challenge gebracht. Und mich bis zum Ende beschäftigt.
Weil: Wie feiert man eine erfolgreiche 31-Tages-Challenge? Mit einem Gläschen Wasser? Sekt? Ingwershot? Letzteres ist gar nicht so verkehrt. Brennt etwas, ist gesund und in kleinen, shot-tauglichen Fläschchen erhältlich. Genau wie alkoholfreier Sekt und Wein eine willkommene Alternative ist. 2024 stieg der Absatz von Wein ohne Alkohol um 86 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigen Zahlen des Deutschen Weininstituts. Zahlen für 2025 liegen zwar noch nicht vor, die Branche rechnet aber mit weiteren Zuwächsen. Insgesamt ist der Marktanteil mit 1,5 Prozent aber noch sehr klein, zugegeben.
Gesundheitliche Effekte: Weniger Kalorien und besserer Schlaf?
Und jetzt, was ist mein Fazit aus den 31 Tagen? Geschlafen habe ich wie immer: gut. Meine Haut ist nicht schlechter, aber auch nicht besser geworden. Mein Gewicht ist gleichgeblieben. An einem Geburtstag einer Freundin bin ich allerdings, und das war schade, nach einer Stunde wieder gegangen. Weil ich mir komisch-entkoppelt vorkam, neben all jenen, die an diesem Abend (viel) getrunken haben. Das war nicht schlimm, aber auch nicht wirklich angenehm. Es ist kein schönes Gefühl, nicht dazuzugehören, auch wenn es selbstgewählt ist. Ich hätte natürlich bleiben können. Aber es passte nicht so recht zum Level der anderen. Geblieben ist das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Nächstes Mal dann wieder länger. Vielleicht.
Also: Ich habe den Monat geschafft, ja. Ohne große Wunder, ohne neue Haut, ohne fünf Kilo weniger. Aber mit einem klareren Gefühl dafür, wann ich wirklich trinken möchte – und wann ich es nur tue, weil alle anderen es tun. Das ist meine Erkenntnis: Nicht der Alkohol fehlt, sondern manchmal die Selbstverständlichkeit, auch ohne Drink in der Hand dazuzugehören. Daran kann ich arbeiten. Challenge accepted.
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