• 95 Prozent der Soldatinnen und Soldaten schätzen die Verschwiegenheit der Seelsorge.
  • Die häufigsten Themen in Gesprächen sind Fernbeziehungen, Überlastung, finanzielle Sorgen und Trauer – nicht Religion.
  • Während die Bundeswehr wächst, stagniert die Zahl der Seelsorger.

Wenn Militärdekan Karl Kaiser den Unterrichtsraum an der Offizierschule des Heeres in Dresden betritt, sitzen die jungen Soldaten meist schon bereit. Viele sind im ersten oder zweiten Lehrjahr. Auf dem Stundenplan steht "Lebenskundlicher Unterricht" – kurz LKU. Er ist verpflichtender Bestandteil der Soldatenausbildung.

Lebenskundlicher Unterricht in der Graf-Stauffenberg-Kaserne in Dresden.Bildrechte: Graf-Stauffenberg-Kaserne Dresden

Ethikunterricht ohne religiöse Voraussetzungen

Der LKU ist kein Religionsunterricht. Er soll Gewissen und Persönlichkeit stärken und Soldaten in ethischen Fragen handlungsfähig machen. In der Regel übernehmen Militärseelsorger diesen Unterricht – in einer Art "zweiter Rolle". Sie müssen dabei weltanschaulich neutral bleiben.

Was den LKU besonders macht: Er findet hierarchiefrei statt – und bietet damit Raum, um offen zu sprechen. Das scheint gut anzukommen. Laut einer neuen Studie der Evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr mit rund 7.000 Teilnehmern sind 75 Prozent derjenigen, die teilgenommen haben, zufrieden mit dem Angebot. Besonders positiv beurteilen sie die Lehrkräfte: 88 Prozent fühlen sich wertgeschätzt, 85 Prozent halten sie für kompetent.

Militärseelsorge: Kaum Glaubensfragen, oft Lebensfragen

In der Militärseelsorge geht es selten um religiöse Fragen, wie Kaiser betont: "Häufig geht es um Fernbeziehungen, Überschuldung, Drogenprobleme, Trauer – also um diesen Zwischenraum zwischen dienstlichen Verpflichtungen und dem Leben drumherum."

Viele kommen neu von der Uni, sollen in kurzer Zeit militärische Führer werden. "Welche Rolle habe ich? Wo sind meine Ressourcen, wo meine Schwächen?" – das sind laut Kaiser typische Fragen. Die Gespräche finden fast immer vertraulich und unter vier Augen statt.

Das Seelsorgegeheimnis wird von den Soldaten sehr geschätzt. Auch Soldaten, die nicht religiös sozialisiert sind, haben schon mal gehört: Der Pfarrer muss die Klappe halten.

Karl Kaiser, Militärdekan am Evangelischen Militärpfarramt Dresden

Ein geschützter Raum im Gefechtsalltag

Die Gewissheit, offen sprechen zu können, ohne Nachteile zu befürchten, sei für viele Soldaten entscheidend, um mit ihm das Gespräch zu suchen, sagt Kaiser.

Auch die Studie zur Militärseelsorge nennt diesen Schutzraum ausdrücklich. 95 Prozent aller Befragten ist die absolute Verschwiegenheit sehr oder eher wichtig.

Doch auch andere Aspekte prägen das positive Bild: Viele erleben Seelsorger als unabhängige Vertrauensperson oder kompetente Ratgeber (jeweils 63 Prozent). Weitere häufig genannte Gründe sind die Vermittlung bei Konflikten (63 Prozent), die Unterstützung in seelischer Not (61 Prozent), die Rolle außerhalb der militärischen Hierarchie (41 Prozent) sowie die Stärkung der Kameradschaft (55 Prozent).

Die Soldaten bewerten die Militärseelsorge überdurchschnittlich positiv: 91 Prozent im Grundbetrieb und sogar 95 Prozent im Einsatz schätzen das Angebot als einen Raum jenseits militärischer Zwänge.

Dass diese Ergebnisse nicht selbstverständlich sind, betont auch die Forschung. Die Soziologin Petra‑Angela Ahrens ordnet das so ein: "Dass wir da zu so hohen Zustimmungsraten kommen, das haben wir eigentlich in der empirischen Forschung selten."

Wachsende Truppe, stagnierende Seelsorge

Der Bedarf dürfte steigen: Die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten soll von derzeit rund 180.000 auf 260.000 wachsen. Die Zahl der Seelsorger hingegen stagniert – ein Problem, sagt Militärbischof Bernhard Felmberg.

Wenn ein Militärgeistlicher im Ausland ist, ist an seinem Standort monatelang niemand da. Das geht nicht– wir wollen das Netz enger stricken.

Bernhard Felmberg, Evangelischer Bischof für die Seelsorge in der Bundeswehr

Kritik: "Für die Hälfte der Truppe kein passendes Angebot"

Aktuell arbeiten in der Bundeswehr etwa 200 Seelsorger aus drei Religionsgemeinschaften: der evangelischen Kirche, der katholischen Kirche und der jüdischen Religionsgemeinschaft. Aber: Rund die Hälfte der Bundeswehr lebt konfessionslos. Kritiker fordern deshalb zusätzliche, weltanschaulich neutrale Angebote.

Für Sven Thele vom Humanistischen Verband wäre ein solches Angebot eine sinnvolle Erweiterung der bisherigen Arbeit. "Es wäre einfach eine gute Ergänzung zur bestehenden Seelsorge. Und es würde auch ein Signal in die Gesellschaft senden – dafür, dass konfessionsfrei lebende Menschen gesehen und repräsentiert werden."

Ein modernes Ergänzungsmodell

Ein erster Schritt könnte ein Pilotprojekt mit rund zehn humanistischen Seelsorgern sein, wie es der Verband vorschlägt.

Blickt man ins Ausland, zeigt sich, dass solche Modelle funktionieren: In den Niederlanden sind bereits 25 Prozent der Militärseelsorgenden humanistisch – seit 1964. "Wir wollen nicht im gleichen Maß einsteigen wie die Kirchen", sagt Thele. "Aber wir würden gern einen Anfang machen und zeigen, dass wir ein modernes weltliches Seelsorgeangebot anbieten können."

Klaus Kaiser hingegen bleibt gelassen: Am Ende, sagt er, höre er im Pfarramt der Kaserne Dresden allen Soldaten zu – egal ob christlich, muslimisch oder konfessionslos.

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