Wer heute durch die Ausstellungsräume des Museum August Kestner in Hannover schlendert oder die ägyptische Sammlung im Moesgaard Museum in Aarhus (Dänemark) besucht, wird dazu aufgefordert, tief einzuatmen. Statt Vitrinenglas, das die Besucher auf Distanz hält, laden Duftstationen und spezielle Riechkarten dazu ein, die Vergangenheit buchstäblich in sich aufzunehmen. Es ist ein Moment der Irritation und der Faszination zugleich: Man erwartet den modrigen Geruch von alten Binden oder Tod, doch was die Nase erreicht, ist eine komplexe, warme Komposition aus Bienenwachs, Pflanzenölen und edlen Harzen.

Dieser "Duft des Jenseits" ist weit mehr als ein atmosphärischer Effekt. Er ist das Ergebnis harter wissenschaftlicher Arbeit und transportiert die Besucher direkt in eine antike Einbalsamierungswerkstatt, zumindest olfaktorisch. Christian E. Loeben und Ulrike Dubiel, die Kuratoren der ägyptischen Sammlung in Hannover, beobachten die Wirkung auf das Publikum genau: "Der Duft eröffnet einen neuen Zugang zur Mumifizierung, weg von Schreckensbildern und Klischees aus Horrorfilmen, hin zu einem Verständnis der dahinterstehenden Praktiken und ihrer Bedeutung", berichten sie. In Dänemark ergänzte eine feste Duftstation die Ausstellung so wirkungsvoll, dass Kurator Steffen Terp Laursen feststellt: "Der Geruch ergänzte eine emotionale und sensorische Dimension, die durch Texte allein niemals vermittelbar sind."

Eine mumifizierte ägyptische Adlige

Aber wessen "Ewigkeit" atmen die Besucher hier eigentlich ein? Der rekonstruierte Duft ist keine generische Mischung, sondern basiert auf den ganz persönlichen Grabbeigaben einer historischen Persönlichkeit: Senetnay. Sie lebte um 1450 vor unserer Zeit und nahm am ägyptischen Hof eine herausragende Stellung ein. Als Amme des späteren Pharaos Amenophis II. stand sie dem Herrscherhaus so nahe, dass ihr ein Privileg zuteilwurde, das nur wenigen Nicht-Königlichen gewährt wurde: eine Bestattung im Tal der Könige.

Ihr Grab wurde im Jahr 1900 vom berühmten Archäologen Howard Carter entdeckt – lange bevor er durch den Fund des Grabes von Tutanchamun Weltruhm erlangte. Die Eingeweide der Senetnay wurden in sogenannten Kanopenkrügen bestattet. Zwei dieser Gefäße, die einst Leber und Lunge der Adligen bewahrten, befinden sich heute in Hannover. Und genau in diesen unscheinbaren Gefäßen verbarg sich das Geheimnis, das nun gelüftet wurde.

Detektivarbeit im Jenaer Labor

Um den Duft der Senetnay nach 3.500 Jahren wiederzubeleben, brauchte es modernste Technik. Hier kommt die Forschungsgruppe unter Leitung der Archäochemikerin Barbara Huber vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena ins Spiel. In einer aktuellen Studie beschreiben die Forscherinnen und Forscher, wie sie biomolekulare Spuren aus den Poren der Kanopenkrüge extrahierten. Sie suchten nach sogenannten flüchtigen organischen Verbindungen – den chemischen Rückständen, die Gerüche ausmachen. "Diese Forschung markiert einen wichtigen Schritt dahin, wie wissenschaftliche Ergebnisse über Fachpublikationen hinaus vermittelt und für die Öffentlichkeit erfahrbar gemacht werden können", sagt Barbara Huber.

Die Analyse enthüllte eine überraschende Vielfalt an Substanzen: Bienenwachs, Pflanzenöle, Bitumen, aber auch Harze von Pinien, Lärchen und Pistazien. Besonders bemerkenswert war der Nachweis von Dammar-Harz, was auf weitreichende Handelsbeziehungen bis nach Südostasien hindeutet.

Von der Formel zum olfaktorischen Erlebnis

Die chemische Liste der Inhaltsstoffe war jedoch nur der erste Schritt. Um daraus ein erfahrbares Parfüm zu machen, arbeitete das wissenschaftliche Team eng mit der Parfümeurin Carole Calvez und der Museologin Sofia Collette Ehrich zusammen. "Die eigentliche Herausforderung besteht darin, den Duft als Ganzes zu denken", erklärt Carole Calvez. "Biomolekulare Daten liefern entscheidende Hinweise, doch die Aufgabe der Parfümeurin ist es, chemische Informationen in ein vollständiges und stimmiges olfaktorisches Erlebnis zu übersetzen, das die Komplexität des ursprünglichen Materials erfahrbar macht – und nicht nur seine einzelnen Bestandteile."

Das Ergebnis, der "Scent of the Afterlife" (Duft des Jenseits), korrigiert nun in den Museen möglicherweise alte Vorurteile – und macht die Vergangenheit auch inklusiver. Denn für Menschen mit Sehbehinderungen bietet der olfaktorische Zugang eine Teilhabe, die rein visuelle Ausstellungen oft vermissen lassen. "Unser Ziel ist es, Museen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen Besucher:innen Umgebungen und Praktiken der Vergangenheit durch sensorische Interpretation und deren Einbindung nähergebracht werden können", sagt Sofia Collette Ehrich.

Links / Studien

S. Ehrich et al. (2026): "From biomolecular traces to multisensory experiences: bringing scent reproductions to museums and cultural heritage", Frontiers in Environmental Archaeology

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