Shakespeare trifft Taylor Swift: Darum überzeugt das neue Stück in Leipzig nicht
- Am Schauspiel Leipzig wurde Shakespeares "Was ihr wollt" zum Konzert-Theater mit Songs von Taylor Swift.
- So soll betont werden, wie relevant die Fragen der Komödie heute noch sind.
- Die Regie huscht über die Handlung und schafft es so kaum zu überzeugen.
Eine Schauspielerin kommt als Taylor Swift in Harlekin-Verkleidung auf die Bühne. Mit Kostüm und Maske aus der Commedia dell'arte. Sie steckt ihr Gesicht durch den geschlossenen Vorhang, tritt auf die Vorbühne und singt, ganz verhalten noch: "I'm a mirrorball. And I'll show you every version of yourself tonight." – übersetzt: "Ich bin eine Diskokugel. Und ich spiegele dir heute Nacht alle Versionen deiner Selbst." Das klingt wie ein Versprechen. Und wird am Ende nicht eingelöst. Doch der Reihe nach.
Die Rolle von Taylor Swift wird in diesem Theaterabend zum klassischen Narren.Bildrechte: Rolf ArnoldTaylor Swift Songs auf Leipziger Bühne
Dieser Harlekin, der sich fortan Taylor (gespielt von Juli Niemann) nennt, stellt uns die Figuren der Komödie vor. Taylor wird fortan die Spielmacherin sein, führt uns am Leipziger Schauspiel durch die Handlung, dabei immer cool und lässig über den Dingen stehend, und streut, wenn es passt, ein paar Zeilen aus Taylor Swifts Liedern in die Szenen ein.
Gefühlt sind es ein knappes Dutzend: "Shake It Off", "Lover", "The Man" oder (ganz neu) "Clara Bow" sind dabei. Aber es sind oft nur zwei Zeilen oder eine Strophe, die auch als Übertitel eingeblendet werden. Zu Taylor gehört eine Band: Schlagzeug, E-Bass, Keybord. Alle Musiker tragen einen Glitzeranzug, den sich Taylor inzwischen auch angezogen hat.
Die Idee mit Taylor Swift geht am Ende nicht auf.
Also Konzertoptik. Dazu ein Bühnenbild (von Julia Nussbaumer), das raumfüllend Shakespeares Globe Theatre nachempfunden ist: ein kreisrunder Theaterraum mit drei Galerien. In Leipzig sieht man diesen Raum quasi als weißes Fachwerkskelett aus Stahl. Wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler auf den Galerien herumlaufen, hat es auch etwas von einem Hamsterrad. Das wäre aber fast schon eine Botschaft – mit Shakespeare gesprochen: Die ganze Welt ist ein Hamsterrad.
Auf der Leipziger Bühne wird Shakespeares Globe Theatre zum Hamsterrad.Bildrechte: Rolf ArnoldShakespeare stellt wichtige Fragen der Gegenwart
Regisseurin Pia Richter konnte gerade noch so vor diesem tieferen Sinn in die Spaßwelt abbiegen und das Skelett als Klettergerüst etablieren, auf dem ihre Protagonisten viel zu turnen und wenig zu spielen hatten. Die Kostüme (von Lise Kruse) orientieren sich an originalen Shakespeare-Kostümen aus der Renaissancezeit, gekreuzt mit Pop-Art. Malvolio, der Diener von Olivia, hatte zum Beispiel keine gelben Strümpfe an, sondern eine quietschgelbe Fellhose aus Kunstfasern.
Die Kostüme in Leipzig sind von der Renaissance inspiriert mit einem besonderen Twist.Bildrechte: Rolf ArnoldIm Stück geht es um das Zwillingspaar Viola und Sebastian. Beide geraten auf einer Schiffsreise in einen Sturm. Das Schiff strandet. Viola kann sich an die Küste einen Landes retten, das Illyrien heißt. Illyrien wird dann auch gleich mit Elysium verwechselt – also mit der Insel der Seligen.
Apropos verwechseln – das ist in der Stückvorlage das übergeordnete Motto: Viola verkleidet sich als Mann, nennt sich Cesario und tritt in die Dienste des Herzogs von Illyrien. Das ist Orsino, der unsterblich in die Gräfin Olivia verliebt ist. Cesario überbringt Olivia einen Liebesbrief und prompt verliebt sich Olivia in Cesario. Irgendwann taucht der Zwillingsbruder Sebastian wieder auf, der genau so aussieht wie Cesario. Thema sind bei Shakespeare ganz klar die Fragen: Wer bin ich? Und wer passt zu mir? Mann oder Frau?
In Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" geht es um komplexe Liebesbeziehungen rund um ein Zwillingspaar.Bildrechte: Rolf ArnoldInsofern passt "Was ihr wollt" wirklich gut auf den Spielplan heutzutage. Wir leben in stürmischen, krisengeschüttelten Zeiten. Rettung verspricht eine Insel, auf der alles ganz anders ist. Es ist eine Welt, in der Identität und Geschlecht keine Rolle spielen. Aber: Gibt es diese Insel wirklich? Oder ist es nur eine Insel der Seligen – also etwas Jenseitiges? Wie wollen und können wir heute leben? Wie lange können wir die vielzitierten "europäischen Werte" in diesem Sturm auf unserer Insel noch verteidigen? Das sind die zentralen Fragen.
Mangelndes Vertrauen in die Kraft des Theaters
Die Aufführung ist nur knapp eineinhalb Stunden lang. Es gibt auch keine Pause. Der Text ist also extrem verknappt und das hat leider Auswirkungen auf die Figuren. Die haben kaum Zeit sich selbst, geschweige denn ihre Konflikte vorzustellen. Alles wird nur angerissen. Und wenig ausgespielt.
Ausnahme: Vanessa Czapla, die Viola spielt, also die zentrale Figur, und auch Olivia, verkörpert von Teresa Schergaut, haben am Anfang noch Zeit um ihre Beziehung zu erspielen. Da knistert es dann auch richtig. Ein schöner Moment! Auch Malvolio von Denis Petrović hat Zeit für sein schönes Kabinettstückchen mit den berühmten Strümpfen. Aber alle anderen Figuren – Orsino, Sebastian, Antonio (hier Antonia) – waren nur noch Stichwortgeber, um das Grundgerüst der Handlung zu erhalten.
Die Shakespeare-Inszenierung in Leipzig nimmt sich zu wenig Zeit für die Figuren.Bildrechte: Rolf ArnoldWarum hat die Regisseurin ihren Schauspielerinnen und Schauspielern so wenig Futter zum Spielen gegeben? Das blieb völlig offen. Vielleicht war es ihr Ziel, ein junges Publikum mit Taylor Swift anzusprechen – ein Publikum, dass längere Szenen gar nicht mehr aushalten kann, weil es auf dem Smartphone TikTok-und-Co-Inhalte nur kurz antippt und dann wegwischt. Fehlt also Vertrauen in die analoge Kraft des Theaters, die zuletzt als Überlebensstrategie so viel beschworen wird?
Taylor Swift überzeugt kaum am Schauspiel Leipzig
Auch die Idee mit Taylor Swift geht am Ende nicht auf. Taylor, die hier die Rolle eines shakespeare'schen Narren übernimmt, ist am Schluss spießig und konservativ – und will die heterosexuellen Paare verheiraten. Ein Narr würde so etwas immer in der Schwebe halten. Wo der Taylor-Narr ein Totalausfall ist, muss Viola einspringen und für die Liebe, die auch gleichgeschlechtlich sein kann, die Fahne hochhalten. Taylor macht auch zu wenig mit der Musik. Warum setzt sie sich nicht mit der Gitarre neben einen Protagonisten und spielt mal einen kompletten Song?
Für ein Shakespeare-Stück auf der großen Bühne ist das zu wenig.
Unterm Strich ist das ein halbgewalkter und deswegen misslungener Abend. Das Potenzial, das die Taylor-Swift-Texte gehabt hätten, wurde nicht genutzt. Es hätte eine moderne Oper sein können. Shakespeares Handlung als Rezitative. Und die Gefühlsmomente als Arien mit Texten von Taylor Swift. Stattdessen wurde oberflächlich über das Stück gehuscht, viel behauptet und wenig erspielt. Für ein Shakespeare-Stück auf der großen Bühne ist das zu wenig.
Mehr Informationen zum Stück:
"Was ihr wollt (A Tortured Lover’s Version)"
nach William Shakespeare
Adresse:
Schauspiel Leipzig
Bosestraße 1
04109 Leipzig
Team und Besetzung:
Regie: Pia Richter
Bühne: Julia Nussbaumer
Kostüme: Lise Kruse
Musikalische Leitung: Maria Moling
Choreografie: Vasiliki Bara
Dramaturgie: Julia Buchberger
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Video: Philip Schroeder
Mit: Vanessa Czapla, Teresa Schergaut, Nicolas Streit, Denis Petković, Samuel Sandriesser, Emmeline Puntsch, Juli Niemann
Termine:
14. Februar 2026, 19:30 Uhr
15. März 2026, 18 Uhr
26. März 2026, 19:30 Uhr
4. April 2026, 19:30 Uhr
30. April 2026, 19:30 Uhr
16. Mai 2026, 19:30 Uhr
30. Mai 2026, 19:30 Uhr
redaktionelle Bearbeitung: tsa, hro
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke