Von Lochkarten und Robotron-Rechnern – Peggy Mädler schreibt über Kybernetik in der DDR
- In Peggy Mädlers neuem Roman träumt Georg zunächst davon, die Wirtschaft der DDR wieder anzukurbeln.
- Der Roman befasst sich mit Maschinen und deren Prozessen ebenso wie mit Einflüssen auf das menschliche Handeln.
- "Selbstregulierung des Herzens" spannt einen historischen Bogen von den frühen 1960er-Jahren bis zur Corona-Pandemie.
Thematisch schwingt der neue Roman von Peggy Mädler zwischen gegensätzlichen Polen hin und her – zwischen Kontrolle und Selbstbestimmung, Planbarkeit und Zufall, Realität und Utopie. Georg, einer der Protagonisten des Romans, ist mit dieser binären Logik vertraut. Als Wirtschaftswissenschaftler interessiert er sich schon in den 1960er-Jahren für die Kybernetik. Er hofft, dass das Wissen darüber, nach welchen Regeln sich Maschinen steuern lassen, die Wirtschaft der DDR wieder in Fahrt bringen kann.
Während Georg als junger Mann an den Fortschritt durch Zahlen und Formeln glaubt, kann er sich Jahrzehnte später kaum noch vorstellen, von welchen Freiheiten er einst geträumt hat. Seine Hoffnungen auf Reformen zerschlagen sich spätestens 1971, als die SED-Führung die Einheit von Sozial- und Wirtschaftspolitik verkündet. Die Kybernetik – die davon ausgeht, dass sich komplexe Systeme überwiegend selbst regulieren können – gilt nun endgültig als Pseudowissenschaft.
Spannend zu lesen, weil sie theoretische Fragen stets in praktische Arbeit zu übersetzen weiß.
Der Roman "Selbstregulierung des Herzens" ist im Galiani Verlag erschienen.Bildrechte: Galiani BerlinAlltag in der DDR zwischen Anpassung und Widerspruch
Georg arbeitet weiterhin als Programmierer und versucht, sich mit dem System und seinen Widersprüchen zu arrangieren. Zu diesen Widersprüchen gehört auch, dass gerade in der DDR, in der so viel Wert auf eine zentrale Planung gelegt wird, sich beinahe jeder Betrieb sein eigenes Abrechnungsprogramm leistet.
Den Fragen der Kybernetik folgt der Roman dabei konsequent: Er befasst sich nicht nur damit, wie Maschinen und deren Prozesse gesteuert werden, sondern auch damit, welchen Einflüssen menschliche Handlungen unterliegen. Während Georg seine Gefühle stets im Griff zu haben scheint, ist seine erste Frau Helga impulsiver. Sie ist gelernte Chemiefacharbeiterin und will ihr Leben nicht auf Arbeit, Haushalt und Kind reduziert wissen. Für sie gilt der Gedanke: Das kann doch nicht alles sein!
Für ihr Buch "Wohin wir gehen" wurde Peggy Mädler 2019 mit dem Fontane-Literaturpreis ausgezeichnet.Bildrechte: Wenke SeemannGeschichte reicht vom Mauerbau bis zur Corona-Pandemie
Wie in ihrem Roman "Wohin wir gehen" spannt Peggy Mädler einen großen historischen Bogen, der von den frühen 1960er-Jahren bis in die jüngste Vergangenheit und die Corona-Pandemie reicht. Im Zentrum steht ein kleines Dorf bei Berlin. Dort errichten Georg und Helga einen Bungalow, in dem sie die Wochenenden verbringen können.
Das Dorf bietet Gemeinschaft, aber auch Freiräume und die Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen – auch wenn sich in der Nähe eine Funktionärssiedlung, eine Hochschule und schließlich ein militärisches Sperrgebiet befinden. Dass sie von der Staatssicherheit überwacht worden sind, stellen Georg und seine Freunde in den umliegenden Häusern erst später fest.
Spannende Lektüre – Sprache und Themen überzeugen
In einer unaufgeregten und unglaublich fein gearbeiteten Sprache verbindet Peggy Mädler Wirtschafts- und Mentalitätsgeschichte. Ihr Roman ist äußerst spannend zu lesen, weil sie theoretische Fragen stets in praktische Arbeit zu übersetzen weiß – und den Alltag eines Programmierers genauso anschaulich beschreibt wie den einer Krankenschwester.
Spannend ist der Roman auch, weil die Fragen von Freiheit und Selbstbestimmung auf der einen Seite und Planbarkeit und Kontrolle auf der anderen Seite bis in unsere Gegenwart reichen. Und vielleicht lässt sich innerhalb dieser Gegensätze – so deutet es Peggy Mädler an – der Realität noch immer ein Funken Utopie abgewinnen.
Informationen zum Buch:
Peggy Mädler: "Selbstregulierung des Herzens"
Verlag Galiani Berlin
304 Seiten
Preis: 23 Euro
ISBN: 978-3-86971-335-9
Quelle: MDR KULTUR (Tino Dallmann)
Bearbeitung: ngh, lm, bh
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