Vom Lebensretter zum Risikofaktor: 85 Jahre Penicillin und die wachsende Resistenz
MDR AKTUELL: Der erste Einsatz von Penicillin vor 85 Jahren – war das eher ein Fluch oder ein Segen?
Prof. Christoph Lübbert: Das war auf jeden Fall ein Segen. Es war auch ein Meilenstein in der Medizin, weil gefährliche Infektionen plötzlich behandelbar wurden. Das hat vielen Millionen Menschen das Leben gerettet. Und Penicillin ist auch heute bei solchen Infektionen, wie der Lungenentzündung, Mittelohrentzündung und vielen anderen Sachen, immer noch eines der wichtigsten Antibiotika, was wir haben.
Gleichzeitig sterben heute Menschen an resistenten Keimen. Wie schlimm ist die Lage?
Christoph Lübbert leitet am Uniklinikum Leipzig die Infektiologie und Tropenmedizin.Bildrechte: Uniklinik LeipzigDie Studiendaten sind da inzwischen sehr klar: Jedes Jahr sterben weltweit sechs bis acht Millionen Menschen an Infektionen durch multiresistente Erreger, die möglicherweise mit besseren, neueren Antibiotika behandelbar wären. Und diese Zahl wird ziemlich sicher bis 2050 noch die Marke von zehn Millionen Menschen erreichen.
Nur muss man auch sagen: In einem Industrieland wie Deutschland mit einem modernen Medizinsystem, mit einer vernünftigen Antibiotika-Politik und auch mit einer gut funktionierenden Hygiene – im Vergleich zu Ländern mitten in Afrika oder auch in Teilen Indiens – ist die Lage nicht so dramatisch.
In den Ländern des globalen Südens, die nicht mal eine vernünftige Infektionserfassung haben, findet dieses schleichende Sterben durch die Resistenzen schon jetzt statt und viele bekommen es gar nicht mit.
Inwiefern wird denn derzeit noch an neuen Antibiotika oder eben an Alternativen geforscht?
Fast alle großen Pharmafirmen haben sich aus der Entwicklung von klassischen Antibiotika zurückgezogen. Sie überlassen dieses Geschäft der Neuentwicklung, was so wichtig ist, am Ende kleinen Firmen, Start-up-Firmen. Diese werden auch gefördert, auch aus Mitteln der Pharmaindustrie. Und man wartet dann darauf, dass da vielleicht was dabei rauskommt, was man vermarkten kann.
Aber das Grundproblem ist, dass die neuen Antibiotika, die aus solchen Forschungsansätzen heraus kommen und vielleicht den Markt erreichen, natürlich erstmal relativ teuer sind. Zudem müssen wir sie dann auch noch sehr, sehr zurückhaltend einsetzen, damit nicht gleich neue Resistenzen entstehen. Da beißt sich ökonomisch die Katze immer in den Schwanz.
Müsste man das Ganze dann nicht vielleicht komplett anders organisieren als privatwirtschaftlich?
Das ist ja jetzt schon so, damit auf Basis kleinerer Firmen überhaupt neue Entwicklungen erstmal getestet werden und evaluiert werden. Da stecken das Geld aus der Pharmaindustrie und auch schon öffentliche Gelder drin. Aber dieses Grundproblem, dass die neuen Antibiotika, die aus dieser Forschung irgendwann herauskommen könnten, sich am Markt natürlich auch auf lange Zeit refinanzieren müssen, ist nicht so einfach aufzulösen.
Müssen wir uns wegen der deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie dann eigentlich keine Sorgen machen?
Nein, wir müssen uns Gedanken und Sorgen machen, weil das nicht automatisch so bleibt. Es ist immer so, dass es einen Zweiklang braucht von guter Hygiene, damit antibiotikaresistente Bakterien, die gerade im Gesundheitswesen da sind, nicht auf andere Menschen übertragen werden. Das funktioniert in Deutschland Gott sei Dank sehr gut.
Und das andere ist, mit den verfügbaren Antibiotika vernünftig umgehen. Aber für die Problemfälle, die wir auch hier in Deutschland selten haben, dafür brauchen wir neue Substanzen – das wäre die dritte Achse. Und auf allen drei Achsen muss man am Ball bleiben und natürlich auch am Ende investieren.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke