Wie sehr schadet der AfD der Vorwurf der Vetternwirtschaft?
Seit Tagen wird in Sachsen-Anhalt eine Debatte über sogenannte "Überkreuzbeschäftigungen" in der AfD geführt – also Konstellationen, in denen Angehörige nicht direkt, sondern über andere Abgeordnetenbüros bzw. Strukturen beschäftigt werden. Kritiker sprechen von Vetternwirtschaft und fordern strengere Regeln, während die Partei betont, vieles sei rechtlich zulässig und spricht von einer Kampagne im beginnenden Wahljahr.
Im folgenden Interview ordnet der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky ein, warum die Affäre politisch so explosiv ist, wo für ihn die Grenze zwischen legal und legitim verläuft – und ob die angekündigte Kommission mehr ist als bloße Schadensbegrenzung.
MDR SACHSEN-ANHALT: Solche Überkreuzbeschäftigungen müssen nicht automatisch rechtswidrig sein. Warum entfalten sie dennoch eine so starke politische Sprengkraft?
Prof. Dr. Marcel Lewandowsky: Die Sprengkraft erklärt sich aus meiner Sicht vor allem daraus, dass die AfD ja als Anti-Establishment-Partei auftritt, die den Etablierten vorwirft, in die eigene Tasche zu wirtschaften und nur an sich zu denken. Und nicht, um in der Sprache zu bleiben, an "das Volk". Und jetzt muss man der AfD dasselbe vorwerfen. Und die Problematik ist vor allem deshalb so groß, weil die AfD diese starke Anti-Establishment-Haltung und die ständige Anklage gegen die – wenn man so will – politischen Eliten vertritt.
Prof. Dr. Marcel Lewandowsky bewertet Affäre um Überkreuzbeschäftigungen in der AfDBildrechte: Universität Halle / Anna KolataMDR SACHSEN-ANHALT: Wo genau verläuft denn die Grenze zwischen legalem Verhalten einerseits und politisch problematischer Praxis andererseits?
Lewandowsky: Ich glaube, dass es um die Legalität hier gar nicht in erster Linie geht. Sondern es geht darum, ob eine Form der Bereicherung zu sehen ist, im Zuschachern von Positionen. Nicht alles davon ist tatsächlich auch formal nicht legal – das ist aber auch nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass hier die AfD mit einem hohen moralischen Anspruch auch gegen die politischen Eliten angetreten ist, mit dem sie jetzt selbst zu brechen scheint.
MDR SACHSEN-ANHALT: Die AfD tritt auch seit Jahren mit dem Anspruch an, anders und sauberer zu sein als die etablierten Parteien. Trifft sie dieser Vorwurf deshalb stärker als die anderen?
Lewandowsky: Ich bin nicht sicher, ob die Konsequenz sein wird, dass die AfD davon stark getroffen wird. Populistische Parteien, wenn wir auch etwa an die FPÖ in Österreich denken, sind oftmals Skandal-geschüttelt. Erholen sich davon aber. Und das hat damit zu tun, dass die Wählerinnen und Wähler solcher Parteien, diese Parteien aus inhaltlichen Gründen wählen und auch gegenüber allen anderen Parteien ein extrem großes Misstrauen, eine Ablehnung, an den Tag legen, sodass ich gar nicht davon ausgehen würde, dass die AfD jetzt hier dauerhaften Schaden nimmt.
MDR SACHSEN-ANHALT: Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat im MDR-Interview auch angedeutet, dass er das Ganze für eine Kampagne gegen die AfD im Jahr der Landtagswahl hält. Tatsache ist aber auch, dass viele rechtsorientierte Medien das Verhalten der AfD hier in Sachsen-Anhalt ungewöhnlich stark kritisieren. Kurzum: Verliert Herr Siegmund vielleicht auch innerhalb der eigenen Partei und bei den eigenen Wählern Vertrauen? Sie haben es gerade auch ein bisschen angesprochen, vielleicht können Sie das nochmal konkretisieren.
Lewandowsky: Möglicherweise verliert er vor allem bei denjenigen Vertrauen, die keine 100%igen AfD-Wähler sind. Die gibt es auch noch. Also nicht jede Wählerschaft ist vollkommen einheitlich. Aber auf der anderen Seite ist das relativ typisch diese Reaktion. Nämlich den Spieß zu versuchen umzudrehen und zu sagen: "Es sind jetzt die anderen, die uns hier schaden wollen. Wir waschen letztlich unsere Hände in Unschuld." Dass das auch im Umfeld, auch im medialen Nahbereich der AfD, nicht aufgenommen wird, das könnte vielleicht schon dafür sprechen, dass wir hier durchaus Friktionen (Meinungsverschiedenheiten a.d.R.) sehen. Wie sich das dann für die AfD bemerkbar macht bis zur Wahl im September, die ja auch noch einige Zeit hin ist, das steht auf einem anderen Blatt.
MDR SACHSEN-ANHALT: In Sachsen-Anhalt gibt es vor dem Hintergrund dieser Überkreuzbeschäftigungen, über die wir ja sprechen, auch Spannungen zwischen Parteibasis, dem Landesverband und auch der Bundesebene. Wie typisch sind denn solche Konflikte für Parteien?
Lewandowsky: Solche Konflikte zwischen der Basis, den Funktionären und den innerparteilichen Führungsgremien und auch Führungsgruppen sind gar nicht so ungewöhnlich. Das gibt es eigentlich in fast allen Parteien, aber in etablierteren Parteien wird es stärker moderiert. Die haben allerdings auch schon oftmals professionellere Auswahlprozesse, wenn es etwa um die Besetzung von Stellen geht. Hier allerdings ist es so, dass wir immer noch in Rechnung stellen müssen: der Anspruch, den die AfD an Politik hat, dieses Sauberer-sein als andere – das ist ja etwas, was ihre Mitgliedschaft und ihre Wähler eben auch teilen. Das ist dieser Anspruch an sich selbst und dem wird die Partei nicht gerecht. Und jetzt ist sie natürlich einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt – auch in den eigenen Reihen.
MDR SACHSEN-ANHALT: Wenn wir das Ganze aus Sicht der Policyforschung, die sie ja auch betreiben, betrachten: Braucht es da eventuell auch klarere gesetzliche Vorgaben, was diese Überkreuzbeschäftigungen angeht?
Lewandowsky: Ja, möglicherweise muss man schon sehen, dass man da reguliert. Die Frage ist, wie weit kann man regulieren. Das müsste man im Einzelnen sehen. Das ist letztlich vor allem eine rechtliche Frage. Ein Stück weit würde ich immer argumentieren: Man muss auch darauf setzen, dass politische Akteure guten Willens sind und diejenigen beschäftigen, die gute Arbeit machen. Das Ausmaß, dass das jetzt annimmt, ist ja eines, das sich konkret auf die AfD bezieht. Und hier müsste man schauen, ob das dann vielleicht für die Partei so viel Schaden bedeutet, dass auch die Partei selbst vielleicht in eine Richtung geht, in der sie eine andere Gesetzgebung in dieser Frage fordert. Aber ich glaube, weil das gerade doch ein sehr starkes, AfD-beschränktes Problem ist – in diesem Ausmaß – würde ich nicht darüber nachdenken, dass da jetzt eine neue Gesetzgebung so schnell kommt.
MDR SACHSEN-ANHALT: Die AfD kündigt nun an, eine Kommission einsetzen zu wollen, um Verhaltensrichtlinien für familiäre Arbeitsverhältnisse zu erarbeiten. Wie bewerten Sie denn diese Ankündigung?
Lewandowsky: Das ist Schadensbegrenzung. Man versucht natürlich den Skandal abzustreifen, weil er zu einem ungünstigen Zeitpunkt kommt. Natürlich ist bis zur Landtagswahl noch einige Zeit hin, aber dennoch hat man sicherlich Angst, dass da etwas haften bleibt. Und das ist etwas, das letztlich dafür sorgen soll, dass es nach außen gezeigt wird: Wir kümmern uns. Wir sind uns des Fehlverhaltens bewusst, und wir wollen tatsächlich auch konsequenter sein, als vielleicht die – in der Sprache der AfD – „Altparteien“. Ich würde das vor allem symbolisch betrachten. Ich bin nicht sicher, dass das nun tatsächlich ein großer Wurf innerhalb der Partei ist.
Das Interview führte Laura Sinem Hönes aus der MDR SACHSEN-ANHALT Politikredaktion am 13. Februar 2026.
MDR (Laura Sinem Hönes)
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