Kriegsgefahr Mann?
- Die Evolutionsforschung zeigt, Krieg und Patriarchat entstanden zur selben Zeit.
- Kriegslustige Monarchinnen und Regentinnen gab es in der Geschichte allerdings auch.
- Autoritäre und maskulinistische Einstellungen hängen mit Kriegsbefürwortung zusammen.
Es ist Wladimir Putin, der die Ukraine überfallen hat und sich Teile des souveränen Landes einverleiben will. Es ist Donald Trump, der nicht davor zurückschreckt, die Kontrolle in einem benachbarten Staat übernehmen zu wollen und mit militärischer Unterstützung dessen Präsidenten entführt. Es waren männliche Hamas-Terroristen, die in Israel eingefallen sind und mehr als 1.200 Menschen brutal ermordet haben. Es sind Benjamin Netanjahu und seine rechten Scharfmacher, die den darauffolgenden Krieg mit aller Macht weiterführen wollten.
Die Liste ließe sich fortsetzen. Es scheint zumindest, als stehe hinter der Frage von Krieg und Frieden einmal mehr das Problem Patriarchat.
Was die Forschung sagt
Der Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt: Kriege entstanden in der Evolution sehr spät und sind eine Erfindung von Männern in Hochkulturen. Zu diesem Schluss jedenfalls kommen drei Wissenschaftler, die wissen wollten, ob Krieg uns Menschen in den Genen liegt. Das ist nicht der Fall, urteilen Harald Meller und seine Kollegen in ihrem Buch mit dem Untertitel "Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen". In einem Radiointerview erklärt der Archäologe Meller, erst mit dem Abschied von der Jagd, der Sesshaftwerdung und den damit verbundenen Bevölkerungsexplosionen entstanden patriarchale Gesellschaften.
Plötzlich musste Land verteidigt oder hinzugewonnen werden – mit kämpfenden Söhnen. In den Vordergrund rückten Machtinteressen einzelner. Bis dahin – also während 99 Prozent der Menschheitsgeschichte – seinen Frauen und Männer gleichberechtigt gewesen. Erst ab der Jungsteinzeit habe sich eine besitzorientierte Gesellschaft herausgebildet mit Unterdrückungsmechanismen für einige wenige. Die wollten manchmal mehr Territorium sprich Ackerfläche. Da Angriffskriege aber noch nie zu rechtfertigen gewesen seien, so Meller, wurde er schon immer als Verteidigung dargestellt. Putins Erzählung von den bösen ukrainischen Faschisten, die man bekämpfen müsse, klingt im Ohr.
Frauen, Macht und Frieden
Doch der Blick in die Geschichte zeigt auch: Nicht nur Männer können kriegslustig sein. So war etwa in Europa zwischen dem 15. und 20. Jahrhundert die Wahrscheinlichkeit um das 27-Fache höher, dass Königinnen in Kriege verwickelt waren als Könige. Besonders kriegsaffin waren nach der Untersuchung zweier amerikanischer Politikwissenschaftler verheiratete Monarchinnen. Warum das so war, darüber gibt es nur Spekulationen.
Auch im späten 20. Jahrhundert gab es Frauen, die patriarchale Logiken reproduzierten. Man denke etwa an Margaret Thatcher und den Falklandkrieg oder Indira Gandhi und den Krieg zwischen Indien und Pakistan. Das Problem liegt nicht im biologischen Geschlecht, sondern in Ideologien von Stärke und Gewalt als Durchsetzungsmittel der eigenen Interessen.
Eine Studie der Universität Birmingham zeigte Anfang der 2000er Jahre einen weiteren Zusammenhang auf. Je mehr Zugang Frauen zu politischen Rechten und politischen Ämtern haben, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass ein Staat militärische Gewalt nach außen einsetzt. Oder anders formuliert: Wenn Frauen Zugang zu Rechten, Bildung, Jobs und insbesondere zu politischen Entscheidungspositionen haben, deutet das auf egalitärere, weniger hierarchische Gesellschaften hin. Diese greifen den Forschenden zufolge eher zu kooperativen als zu gewaltsamen Lösungen.
Andere Untersuchungen zeigen: Sind Frauen an Friedensverhandlungen beteiligt, sinkt die Gefahr für einen Rückfall in den Krieg signifikant. Zudem werden marginalisierte Gruppen stärker in den Friedensprozess einbezogen. Kein Wunder also, dass autoritäre Kriegstreiber wie Putin Feminismus und Geschlechtergerechtigkeit zur Gefahr erklären.
Ebenfalls wissenschaftlich belegt: Wer ein starres, gewaltbefürwortendes Männlichkeitsbild hat, tendiert eher dazu, auch Krieg zu befürworten. Das ergab erst vor Kurzem eine wissenschaftliche Untersuchung der Universitäten Leipzig und Bergen in Norwegen. Militarismus ist stark männlich orientiert. Wichtige Faktoren, so die Forschenden, sind autoritäre Einstellungen und Maskulinismus – also die antifeministische Ideologie, die von einer natürlichen Überlegenheit des Mannes ausgeht.
Was daraus folgt
Krieg ist also nicht per se männlich. Aber patriarchale Logiken machen ihn wahrscheinlicher. Krieg ist kein Naturgesetz, sondern ein System aus Macht, Geld und Vorstellungen männlich geprägter Gewalt. Milliarden fließen in Rüstung und Sicherheit – und an den Schalthebeln sitzen fast ausschließlich Männer. Solange Krieg Rendite bringt, bleibt Frieden ein schwieriges Geschäft.
Nach dem Global Peace Index, der seit 2007 messen soll, wie friedlich wir auf der Welt zusammenleben, waren die letzten Jahre geprägt von einem anhaltenden Rückgang des Friedfertigkeit. Die Zahl staatsbasierter Konflikte erreichte 2025 einen Höchststand seit Ende des Zweiten Weltkriegs.
Wenn wir also eine friedlichere Welt wollen, dann brauchen wir nicht nur neue Akteure und Akteurinnen, sondern auch eine Kultur von Dialog, Kooperation und Gleichberechtigung. Und wir brauchen an den diplomatischen und politischen Verhandlungstischen dieser Welt ein mindestens ausgeglichenes Geschlechterverhältnis.
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