MDR KULTUR: Herr Lange, bei der aktuellen Nachrichtenlage: Wie schwer fällt es, daraus etwas zum Lachen zu machen?

Andreas Lange, Leiter des Satire-Ressorts beim Norddeutschen Rundfunk: Ja, es ist schwierig, wenn die Nachrichtenlage selber schon fast satirisch ist. Also da fragt man sich manchmal, ob die einem den Job wegnehmen wollen.

Für ein Forschungsprojekt der Uni Leipzig wurden gerade TV-Zuschauerinnen und Zuschauer interviewt. Danach denken vier von fünf Befragten, dass Satire zum Erhalt der Meinungsfreiheit beiträgt. Ist doch ein guter Befund, oder?

Ja, das freut mich. Entscheidend ist dabei, dass die Leute bei der Satire anscheinend eine gewisse Glaubwürdigkeit vermuten. Und das wollen wir ja auch erreichen. Das heißt, dass die Sachen, die wir da machen bei "Extra 3" oder den anderen Satire-Formaten im NDR, nicht einfach nur Quatsch sind. Das soll alles lustig sein, aber wir achten schon sehr darauf, dass das, was wir präsentieren auch eine journalistische Grundlage hat.

Ich will auch ein bisschen Wasser in den Wein gießen zur Frage der Freiheit von Satire. Da waren die Befragten geteilter Meinung, ein Teil sieht sie eingeschränkt, der andere Teil nicht, 50-50 so in etwa. Wie sehen Sie das als Macher?

Ich glaube, dass weder die Meinungs- noch die Satirefreiheit eingeschränkt sind. Wir können heute genauso viel sagen wie vor 20 oder 30 Jahren. Was sich verändert hat, ist der Umgang mit uns: Das Publikum ist kritischer und äußert sich lauter. Wir haben einfach mehr Gegenwind. Es gibt Kanäle, in denen Menschen ihre Unzufriedenheit artikulieren können. Auf Social Media, in Kommentaren, in Mails. Das ist ja erstmal was Gutes, was unsere Arbeit auch befruchten kann. Wir müssen uns nur ernsthafter damit auseinandersetzen, was wir machen.

Sie haben den Journalisten angesprochen, der da auch in Ihnen arbeitet und denkt. Bei der Untersuchung der Uni Leipzig, da zeigt sich: Immerhin ein Drittel konsumiert Satire-Formate zu Informationszwecken. Ist das für Sie neu?

Nein, das spüren wir schon länger. Das liegt natürlich daran, dass wir sehr unterhaltsam sind. Man hat beim Gucken einerseits die Möglichkeit sich zu informieren, wenn man dem Format auch journalistisch vertraut, dass das alles sauber recherchiert ist, und man hat auch noch ein bisschen Spaß. Da haben wir einen Vorteil Nachrichtenformaten gegenüber. Aber ohne diese klassischen journalistischen Formate könnten wir als Satiriker gar nicht bestehen, weil wir uns ja darüber informieren: Wo gibt es einen Missstand, wo leiden Menschen unter einem Zustand, der gerade herrscht. Wer ist dafür verantwortlich? Und dann kommt der Gag obendrauf.

Den Vorwurf, dass Satire linkslastig ist, den kennen Sie sicherlich. Wie wichtig ist denn aus Ihrer Sicht eine politische Ausgewogenheit, bei einer Sendung wie "Extra 3"?

Total wichtig. Also überall, wo so ein bisschen Irrsinn drin steckt, das ist ja ein gefundenes Fressen für den Satiriker – egal, welche Partei oder Person betroffen ist. Alles andere wäre hochgradig unjournalistisch. Wenn Herr Merz vom Stadtbild redet oder Herr Habeck vom Heizungsgesetz oder Herr Lindner die Koalition zum Platzen bringt, dann muss das selbstverständlich in einer Satire-Sendung vorkommen.

Moderator Christian Ehring präsentiert "Extra 3" und den "Irrsinn der Woche" immer donnerstags im Ersten.Bildrechte: NDR/Matzen

Zur Zeit wird ja oft darüber debattiert, wie gespalten die Gesellschaft ist. Glauben Sie, Sie bewegen mit ihrer Arbeit da was? Kann Satire in andere "Echokammern" vordringen?

Das ist ein Riesenproblem. Es gibt sicher Menschen, die man nicht mehr erreichen kann, leider. Aber es gibt bestimmt auch viele Leute, die unsicher sind und die man erreichen kann, wenn sie das Gefühl bekommen, dass alle gleich sind vor der Satire. Ein Format wie "Der reale Irrsinn", das wir seit Jahrzehnten haben, ist ein Beispiel dafür. Das zeigt Satire vor der Haustür. Und das ist das, was Menschen oft auch von Satire erwarten, weil es ihr Leben total beeinflusst. Beispielsweise irgendeine bescheuerte Verordnung, die ihnen das Leben schwer macht. Und in so einem Fall versammeln sich dann doch sehr viele unterschiedliche Perspektiven und Menschen aus der Gesellschaft hinter der Satire.

Meine Hoffnung ist, dass wir so überzeugen, weil wir nicht einseitig sind, sondern in alle Richtungen schießen.

Das Gespräch führte Stefan Blattner für MDR KULTUR. Es wurde redaktionell bearbeitet und gekürzt. Die komplette Fassung können Sie im Audio abrufen.

redaktionelle Bearbeitung: ks

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