Suhl und die Simson: Theaterprojekt bringt Kult-Moped auf die Bühne
MDR KULTUR: Sie wollen ein Theaterprojekt machen mit Simson in Suhl, da wo die Mopeds zu Hause sind. Was genau haben Sie vor?
Janek Liebetruth: Zusammen mit meinem Projektpartner Aron Boks habe ich vor einem Jahr überlegt, dass die Simson als Symbol für ostdeutsche Identität prädestiniert dafür ist, sich damit zu beschäftigen. Dabei geht es uns weniger um die Historie, weil die ist gut aufgearbeitet. Uns geht es um die Frage, was verbinden die Menschen mit der Simson? – Sei es Menschen in Suhl, die im Werk gearbeitet haben, die in der Verwaltung waren, die am Band gestanden haben, oder auch Jugendliche, die heute noch Simson fahren. Und da haben wir gesagt, das Beste ist, daraus ein Theaterstück zu machen. Eines, wo wir uns nicht irgendwas ausdenken, sondern selbst nach Suhl fahren. Wir wollen mit ganz vielen Menschen dort persönlich reden und deren Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen auffangen und im Anschluss in einen Theatertext verwandeln.
Aron Boks (links) und Janek Liebetruth (Mitte) forschen auch im Suhler Fahrzeugmuseum, hier mit Museumsleiter Thorsten Orban (rechts).Bildrechte: Janek Liebetruth und Steven Bickel (Theaterkollektivs Künstlerische Intelligenz)Soll es so eine Art Bürgertheater werden?
Es ist geplant, dass Profischauspieler*innen auf der Bühne stehen werden. Und Bühne heißt auf dem Gewerksgelände. Wir haben nur am Rand mitbekommen, dass der Stadt Suhl sehr daran gelegen ist, das Gelände wiederzubekommen. Wir stellen uns ja vor, das in einer Werkshalle stattfinden zu lassen – dort, wo die Simson-Mopeds zusammengeschraubt wurden. Mit Schauspieler*innen, aber auch mit zwei Sprechchören: den Chor der ehemaligen Arbeiter*innen und den Chor der heutigen Jugendlichen, die immer noch Simson fahren. Die sollen auch Platz haben: Wir sprechen nicht nur mit den Menschen vor Ort, sondern wir holen sie auch gemeinsam mit den Schauspielerinnen auf die Bühne.
Wir wollen mit ganz vielen Menschen dort persönlich reden und deren Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen auffangen und im Anschluss in einen Theatertext verwandeln.
Auch die AfD hat ja die Simson für sich entdeckt. Im Entwurf des Landeswahlprogramms in Sachsen-Anhalt gibt es ein eigenes Unterkapitel zur Simson-Kultur als Teil der Jugendkultur. Björn Höcke hat auch mit einer Simson Wahlkampf gemacht. Wie gehen sie damit um?
Wir werden das nicht unbedingt auf der Bühne thematisieren, aber wir werden in den Gesprächen natürlich schauen, was die Simson den Menschen bedeutet. Ich persönlich finde diese Vereinnahmung wenigstens verstörend. Vor allem wenn man auf die Historie der Simson guckt: Das sind zwei jüdische Brüder gewesen, die Waffenfabrikanten waren, bis die Nazis sie enteignet haben und dann diese Mopeds hergestellt haben. Aber der AfD geht es ja oft um Abgrenzung, um Vereinzelung und Vereinnahmung. Die Simson steht für mich, der selber auf einer Simson gefahren ist als ostdeutsches Kind mit 16 Jahren, tatsächlich für Freiheit, für Jugend, für Mobilität. Und das finde ich, ist mit den Werten, die die AfD vertritt, wenig zu vereinbaren. Uns geht es aber tatsächlich auch nicht um Parteipolitik, sondern eher darum, offene, mehrdimensionale Narrative und Lebensrealitäten sichtbar zu machen.
Das Fahrzeugmuseum in Suhl zeigt unter anderem den DDR-Zweiradklassiker "Schwalbe".Bildrechte: picture alliance / ZB | Martin SchuttDiese Narrative wollen Sie noch finden und zusammen mit den Menschen ergründen. Wird die jüdische Firmentradition und Firmengeschichte überhaupt eine Rolle spielen?
Auch wenn wir uns Inspirationen und auch Texte und Zitate von ganz, ganz vielen Menschen vor Ort holen, können wir und wollen wir das nicht ausblenden. Aron Boks hat sich auch mit dem letzten Erben, Dennis Baum, in New York getroffen, ist mit dem auch in Kontakt. Das heißt, die Geschichte des Werkes wird nicht ausgeblendet werden. Ulrike Schulz hat ein sehr gutes Standardwerk über die Geschichte des Werkes geschrieben, mit ihr sind wir auch in Kontakt. Das wird mit Sicherheit mit einfließen. In welcher Form und wie dann das Narrativ aufgebaut wird zusammen mit den Zitaten, die wir von den vielen Menschen aus Suhl bekommen, wissen wir noch nicht. Das wird sich zeigen, wenn wir im Sommer in die Schreibphase gehen.
Regelmäßig treffen sich passionierte Moped-Fans bei den Simsontreffen.Bildrechte: picture alliance/dpa | Sebastian WillnowDas Interview für MDR KULTUR führte Ellen Schweda. Es wurde zur besseren Lesbarkeit redaktionell gekürzt und bearbeitet.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke