Soziologe: "Männlichkeitsideale, Unterwerfung und Sadismus führen zu Gewalt"
- Autoritäre Herrschaft, Rechtsextreme und Kriegstreiber leben von externalisierter Unsicherheit.
- Je patriarchaler eine Gesellschaft, desto höher die Kriegsbefürwortung.
- Der Weg raus aus der Gewaltspirale führt über Empathie, Emotionsarbeit und Ambiguitätstoleranz.
MDR AKTUELL: Herr Yendell, Sie haben untersucht, warum Menschen Krieg unterstützen. Wir erleben derzeit weltweit enorme Brutalität zur Durchsetzung von Interessen. Man denke etwa an Putins Angriff auf die Ukraine, an den Nahostkonflikt, die brutale Niederschlagung der Demonstrationen im Iran. Oder aber eben an den Einsatz von Staatsgewalt gegen die eigene Bevölkerung in Teilen der USA. Wie sehr haben diese Entwicklungen der letzten Jahre Ihre Forschung beeinflusst und wo war der Punkt, an dem Sie gesagt haben, wir müssen herausfinden, warum es Menschen so weit treiben?
Alexander Yendell: Tatsächlich gab es diesen Punkt, bevor die meisten der Konflikte, die Sie ansprechen, richtig eskaliert sind. Ich habe 2021 das erste Mal eine Befragung gemacht in Österreich zum Thema Rechtsextremismus und da auch Kriegsbefürwortung abgefragt. Einfach vor dem Hintergrund, dass mir klar war, dass es überall auf der Welt rechtsextreme, rechtsautoritäre Dynamiken gibt und ein Erstarken autokratischer Systeme. Und dass diese Eskalation eigentlich immer irgendwann in Kriege mündet. Deswegen habe ich dazu schon vor dem Angriffskrieg der Russen in der Ukraine gearbeitet.
In Ihrer Studie gibt es drei Variablen, die besonders stark vorhersagen, ob jemand Kriegsbefürworter oder -befürworterin ist. Sie nennen autoritäre Unterordnung, Radikalisierung und ein hartes traditionelles Männlichkeitsbild. Können Sie erklären, was psychologisch passiert, wenn diese Dinge zusammenkommen?
Es gibt Menschen, die innerlich sehr instabil sind und die ein großes Gefühl von Unsicherheit haben, das aber nicht mentalisieren können. Sie können nicht äußern, dass sie sich unsicher und innerlich instabil fühlen und ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit haben. All die autoritären Mechanismen sind eine Möglichkeit, das Innere zu stabilisieren. Ich habe nicht ein Problem mit mir selbst, sondern ich projiziere das nach außen auf den Feind, der dann als aggressiv erlebt wird und den man bekämpft. Man heilt nicht das Innere, sondern externalisiert. Das spielt im Rechtsextremismus und im Autoritarismus eine sehr, sehr große Rolle und das spielt bei Kriegen eine sehr große Rolle.
Schauen wir mal auf die Frage, warum Menschen Krieg befürworten. Gibt es da eine bestimmte Gruppe, die besonders stark nach militärischer Stärke ruft?
Wir haben nicht nach Gruppen eingeteilt, sondern wir haben uns Indikatoren angeguckt und da spielen vor allem gewaltbezogene Männlichkeitsideale eine Rolle, aber auch autoritäre Unterwerfung und Sadismus, also die Lust andere Menschen zu demütigen.
Aber Sie haben auch nach soziodemografischen Faktoren geguckt, sprich Alter, Geschlecht oder politische Orientierung. Was sind da die Ergebnisse gewesen?
Alter spielt keine Rolle, Geschlecht ein bisschen. [Männer sind der Studie zufolge deutlich kriegsbefürwortender als Frauen. Anm. d. Red.] Die politische Einstellung spielt eine etwas größere Rolle. Je rechter die politische Selbsteinschätzung, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man Kriege unterstützt, also eine allgemeine Kriegsbefürwortung hat.
Lassen Sie uns auf die politischen Akteure schauen. Sie sagen, Menschen, die eine Neigung zum Autoritären haben, die suchen eine starke Führung. Weltweit gibt es verschiedene Staatschefs, die sich genau so präsentieren: Donald Trump in den USA, Wladimir Putin in Russland, Xi Jinping in China. Wie nutzen solche Politiker das Bedürfnis nach Stärke?
Erstens sind das Männer, die selber gar nicht besonders stark sind, auch wenn das nach außen hin immer so wirkt mit dieser Hypermaskulinität. Das ist im Prinzip Fassade. Innerlich fühlen sich solche Menschen eher schwach und oft haben sie Minderwertigkeitskomplexe. Aber was diese autoritären Führer gut machen, ist, dass sie spüren, dass in einer Gesellschaft eine generelle Unzufriedenheit ist, ein Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit in bestimmten sozialen Gruppen. Und das sprechen sie gezielt an. Es geht immer um Gefühle und zwar so, dass sie sagen, wir bringen jetzt Ordnung hier rein.
Eine Möglichkeit, Stabilität zu erzeugen, ist, dass man ganz klare Feind-Freund-Bilder hat. Dieses Gefühl der Ohnmacht und der Unsicherheit, das projiziert man nach außen und sagt, die Zuwanderer sind schuld, der oder die Feinde sind da und da. Das können diese autoritären Führer besonders gut. Ob sie das immer bewusst machen, wage ich zu bezweifeln. Das läuft eigentlich eher als unbewusste Dynamik. Und natürlich kommt so etwas auch aus dem Volk selbst heraus. In Zeiten von Krisen werden autoritäre Dynamiken gefördert und der Wunsch nach Stabilität und Ordnung wächst in Teilen der Bevölkerung.
Die Studie zeigt einen sehr starken Zusammenhang zwischen Männlichkeitsbildern und Kriegsbefürwortung. Sie sagen, einer der der stärksten Prädikatoren, also Vorhersagevariablen, sind maskulinistische Gewaltnormen. Welche Sichtweisen verbergen sich hinter diesen maskulinistischen Gewaltnormen und wieso zahlen sie so stark auf die Kriegsbefürwortung ein?
Wir haben eigentlich alle Männlichkeitsideale, die im Alltag eine Rolle spielen. Das ist zum einen, dass man meint, man muss seine Familie, seine Frau und seine Kinder mit Gewalt schützen. Dass man selbst Gewalt anwenden muss, um sich zu schützen, zu verteidigen, aber auch so etwas wie, dass der Mann derjenige ist, der das Geld verdient und die Familie versorgt. Es hat mich selbst überrascht, dass das tatsächlich der stärkste Faktor ist.
Kann man entsprechend sagen, je patriarchaler das Männlichkeitsbild, desto größer die Kriegsbegeisterung?
Das würde ich sagen, ja. Wir sprechen in der Sozialpsychologie von sozialer Dominanzorientierung. Auch das spielt eine Rolle bei Kriegsbefürwortung. Gerade in den letzten Jahren, wo Männlichkeitsbilder in Frage gestellt wurden, fühlen sich viele Menschen angegriffen – Männer und Frauen.
Man könnte sagen, je demokratischer ein Land, desto wahrscheinlicher, dass es auch Gleichberechtigung gibt. Und wir wissen aus der Forschung, dass Demokratien eigentlich keine anderen Demokratien angreifen.
Außerdem korreliert Demokratie ein Stück weit mit Emanzipation und Gleichberechtigung. Man könnte sagen, je demokratischer ein Land, desto wahrscheinlicher, dass es auch Gleichberechtigung gibt. Und wir wissen aus der Forschung, dass Demokratien eigentlich keine anderen Demokratien angreifen. Es gibt keine Kriege zwischen Demokratien.
Wie können sich demokratische Gesellschaften gegen Autoritarismus und Kriegsbegeisterung wappnen?
Es gilt, im Individuum Änderungen zu bewirken, damit die Gewaltbereitschaft sinkt und die gewaltbezogenen Männlichkeitsideale verschwinden. Wir sehen: Bildung alleine, also die Vermittlung von Wissen, funktioniert nicht unbedingt gut. Es geht eher um Beziehungsarbeit. In der Gewaltprävention wird viel mit Familien zusammengearbeitet. Aber auch Empathietrainings, die einen Perspektivenwechsel ermöglichen, helfen. Wir brauchen Menschen in einer Demokratie, die empathiefähig sind, die Mitgefühl haben und die vor allem auch in der Lage sind, Unsicherheiten auszuhalten. Wir sprechen von Ambiguitätstoleranz. Krisen kommen, aber sie gehen auch wieder. Wir müssen die Menschen resilienter machen.
Schauen wir noch mal auf Deutschland. Wir ringen seit 2022, seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine mit einer neuen sicherheitspolitischen Rolle in Europa, aber auch weltweit. Was bedeuten Ihre Befunde in Bezug auf Deutschland?
Wir glauben, dass diese Theorien universal sind. So etwas wie Sadismus als Kriegsfaktor oder gewaltbezogene Männlichkeitsideale haben wir übrigens auch schon in der Vergangenheit für Deutschland herausgefunden. Ich sehe für Deutschland allerdings nicht, dass es um offensive Kriege geht. Es geht hierzulande eher um eine gewisse Bereitschaft dazu aufzurüsten, weil es eben eine reale Bedrohung gibt durch autokratische Systeme wie beispielsweise Russland. Ich sehe keine größere oder größer werdende Bereitschaft, dass man offensiv in Kriege eintritt. Das kann sich natürlich ändern, wenn rechtsextreme Parteien das Sagen haben.
Wir müssen, glaube ich, endlich anerkennen, dass wir Menschen emotionale Wesen sind und dass wir anfällig sind dafür, in Zeiten von Unsicherheit autoritär zu reagieren und in solche Dynamiken hineinzurutschen.
Mit dem Blick nach vorn: Was müssen wir jetzt tun? Was müsste auch die Politik tun, um die Gesellschaft widerstandsfähiger zu machen gegen militaristische und autoritäre Versuchungen? Wo und wie können Empathiefähigkeit und Beziehungen gestärkt werden? Findet das in der Schule statt oder in den Familien?
Genau, das wären so Arenen. Die Familie ist natürlich die erste Instanz, wo wir uns politisch sozialisieren, wo wir unsere Einstellungen finden und wo wir auch das erste Mal Erfahrungen machen mit Liebe oder aber auch im Gegenteil mit Misshandlung oder Vernachlässigung. Natürlich spielen auch Schulen und Bildungsinstitutionen eine Rolle. Wir müssen, glaube ich, endlich anerkennen, dass wir Menschen emotionale Wesen sind und dass wir anfällig sind dafür, in Zeiten von Unsicherheit autoritär zu reagieren und in solche Dynamiken hineinzurutschen. Wir sind aber noch weit davon entfernt, das anzuerkennen.
Mit Emotionen spielen autoritäre Politiker sehr stark. Wäre Ihr Plädoyer fürs politische Jahr 2026 in Richtung der Politik, ein bisschen mehr darauf zu schauen, wie die Menschen sich fühlen und was sie vielleicht emotional brauchen?
Das würde ich auf jeden Fall sagen. Ich würde sagen, auf keinen Fall irgendetwas von den Autoritären übernehmen und kopieren und sagen, wir machen das jetzt auch so ähnlich. Aber ich glaube, dass es sehr stark darum geht, Menschen, auch gezielt Einzelne, anzusprechen. Es können ganz individuelle Faktoren sein, warum sich jemand hilflos oder ohnmächtig fühlt. Und das muss gezielt angesprochen werden. Ich glaube, es ist wichtig Räume zu schaffen, wo Menschen das auch äußern können, wo sie darüber reden können, was eigentlich innerlich mit ihnen los ist.
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