Unbekannte sollen einen Diebstahl in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geplant haben. Laut Informationen der Bild-Zeitung hatten sie es unter anderem auf eine wertvolle Schale der chinesischen Ru-Keramik abgesehen. Die Behörden und die Kunstsammlungen äußern sich zurückhaltend, mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen. Die Ru-Keramik wirkt unscheinbar, ist jedoch eine echte Rarität und Hunderte Jahre alt. Die Versteigerung einer vergleichbaren Schale erbrachte 2017 bei Sotheby's 37,7 Millionen Dollar. Die Dresdner Schale hat die Expertin für chinesische Keramik, Regina Krahl, einst im Depot der Sammlungen entdeckt. Sie erläutert im Gespräch mit MDR KULTUR, was das Objekt auszeichnet und so wertvoll macht.

MDR KULTUR: Bei den Juwelen von August dem Starken lag es auf der Hand, dass man da etwas sehr, sehr Wertvolles hatte. Das kleine, blassgrüne Schälchen hingegen ist eher unscheinbar.

Regina Krahl: Man sieht es ihm vielleicht nicht ohne Weiteres an, aber es sind eigentlich immer zwei Punkte, die da zusammenkommen. Das eine ist das Stück selbst – also wie schön, wie alt, wie selten, wie gut erhalten? Und das andere ist dann, was man nicht sieht – das ist die Geschichte, die dranhängt.

Zu den wertvollen Stücken der Dresdner Porzellansammlung gehören auch diese Vasen.Bildrechte: Porzellansammlung, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Jürgen Lösel

Ich kann das gerne mal ein bisschen ausführen: Das Stück ist wirklich sehr schön. Es hat eine wunderbare Glasur mit ganz besonderen Farbschattierungen, Farbnuancen. Dann mit diesem Craquelé, was in China "geborstenes Eis" genannt wird, weil sich da das Licht so bricht. Es hat so ein Leuchten und so einen Glanz, eigentlich wie ein seltener Edelstein. Also fast wie ein Material, das nicht menschengemacht ist, sondern von der Natur. Und ich glaube, so wurde das auch in China damals gesehen.

Sie sind Expertin für Ru-Keramik. Könnten Sie erklären, was das Besondere an der Ru-Keramik ist?

Abgesehen von der Schönheit selbst ist es wirklich die Geschichte, die dranhängt. So ungefähr um das Jahr 1100 wurde sie ja gemacht und wurde speziell für den Kaiserhof hergestellt. Also eigentlich die früheste Ware, die der Kaiserhof direkt in Auftrag gegeben hat. Und ganz kurz drauf, schon 1127, hat die Herrscher-Dynastie die nördliche Hälfte ihres Reichs verloren an die Jurchen, die da einmarschiert sind, musste in den Süden fliehen und verloren ihre Hauptstadt – und gleichzeitig auch den Zugang zu dieser Manufaktur, denn die war im Norden. Und dadurch gab es also keinen Nachschub mehr und da fing schon die Mystifizierung dieser Ware an. Sie wurde ziemlich bald fast identifiziert mit dem verlorenen Reich. Und in den historischen Quellen wird das immer wieder erwähnt, damit fing so eine Glorifizierung dieser Ware an und das war wie "die gute alte Zeit" quasi.

Huizong war der Herrscher der Song-Dynastie, in deren Zeit die Ru-Keramik hergestellt wurde.Bildrechte: picture alliance / imageBROKER | Pictures From History

Wenn ich richtig informiert bin, existieren aktuell weltweit 89 Exemplare aus der Ru-Keramik. Die Dresdner Schale ist die Nummer 88, das einzige Stück in Deutschland, eine Waschschale für Pinsel. Wo befinden sich die anderen Stücke und wozu hat man die benutzt?

Die meisten Stücke sind im Nationalen Palastmuseum in Taipei, wo die frühere kaiserliche Sammlung ist. Und die nächstgrößte Ansammlung ist im Britischen Museum in London, weil es da schon sehr früh Sammler gab, die sich da sehr darum gekümmert haben. Und ja, außer diesen Pinselwaschern, das ist die häufigste Form, gibt es Schalen und Vasen und alle möglichen Sachen, also was der Hof eben so gebraucht hat.

Frau Krahl, wir sind beide keine Kriminologen, aber ich würde Ihnen gerne die Frage stellen: Wenn möglicherweise kriminelle Menschen an dieser Kunst interessiert sind und da Begehrlichkeiten geweckt werden – wer könnte das denn sein, wer interessiert sich für solche Schalen? Haben SIe da eine Idee?

Nicht direkt, aber das Schlimme ist: Man sagt ja immer, man kann die Sachen gar nicht verkaufen. Aber es wurde vor einiger Zeit im Roemer-Museum in Hildesheim eingebrochen und da hat man unter anderem einen sehr wichtigen großen Kerzenständer mitgenommen. Und der wurde anschließend in Hangzhou in einer Auktion verkauft, ganz offen, war sogar vorne auf dem Katalog, außen drauf. Das ist natürlich ganz schlimm, wenn das möglich ist und es ist an sich natürlich schwer, die Sachen aus China wieder zurückzukriegen.

Quelle: MDR KULTUR (Das Gespräch führte Ben Garit Hernandez)
Redaktionelle Bearbeitung: op

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