• Cornelia Geißler will den Blick umdrehen und zeigen, wie Autoren aus dem Osten den Westen wahrnehmen.
  • Sie kritisiert, dass bei ostdeutschen Autoren die Herkunft genannt wird, bei westdeutschen nicht.
  • Mit dem Buch will sie zum Verständnis zwischen Ost und West beitragen.

MDR KULTUR: Das Buch des Leipziger Literaturwissenschaftlers Dirk Oschmann "Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung" war ein großer Erfolg. Jetzt ist ein Buch erschienen, das die Sache scheinbar von der anderen Seite betrachtet: "Der Westen, eine ostdeutsche Empfindung". Handelt es sich um eine Antwort auf Oschmann oder geht es um mehr?

Cornelia Geissler: Ja, im gewissen Sinne ist es eine Antwort. Es sollte um subjektive Beiträge gehen, um Beiträge von Autoren aus literarischer Sicht – um den Spieß mal umzudrehen und zu gucken: Wie haben Leute mit ostdeutschem Hintergrund und ostdeutschen Biografien im Laufe der Zeiten den Westen wahrgenommen, wie war ihre erste Begegnung?

Literatur kann alles. Wenn es Literatur nicht gäbe, wüsste ich gar nicht, wie wir überhaupt zusammenkommen sollten.

Cornelia GeißlerHerausgeberin des Buchs "Der Westen. Eine Ostdeutsche Empfindung"

Für Leute wie mich, die im Osten aufgewachsen sind und lange im Osten gelebt haben, war der Westen immer da als Projektionsfläche – aber wir haben ihn lange Zeit nicht erlebt.

"Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung" ist eine literarische Antwort auf Dirk Oschmanns Bestseller "Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung".Bildrechte: Kanon

Die Beiträge im Buch sind unter anderem von Jakob Hein, Julia Franck und Thomas Brussig. Wie ist die Auswahl der Autorinnen und Autoren entstanden und welche Aufträge haben Sie ihnen erteilt?

Es sollte ein möglichst breites Bild sein: unterschiedliche Generationen, unterschiedliche literarische Stimmen. Ich habe jedem der Autoren eine Frage gestellt, die vom Werk ausgeht. Deshalb sollte Thomas Brussig etwas darüber schreiben, ob es im Westen auch Komödien über den Westen gibt und ob der Westen komödientauglich ist. Er hat die Frage dann ein bisschen abgewandelt.

Domenico Müllensiefen, dessen Romane eher in der Arbeitswelt spielen, fragte ich, ob der Westen die Arbeit gar nicht wertschätzt. Und Julia Franck, die mit sieben Jahren mit ihrer Familie ausgereist ist, habe ich gefragt, ob sich der Westen verändert hat und uns näher gekommen ist. Und sie hat eine ganz andere Form gewählt, als ich erwartet hätte: Sie schrieb ein Essay über Europa.

Thomas Brussig schreibt in Cornelia Geisslers Sammelband über die DDR-Komödie als eigenständige Kunst, die es im Westen so nicht gibt.Bildrechte: IMAGO / Emmanuele Contini

Im Vorwort schreiben Sie, dass den ostdeutschen vom westdeutschen Autor unterscheidet, dass das "ostdeutsch" immer dazu gesagt wird, während "westdeutscher Autor" albern klingt. Welche Auswirkungen hat das auf die Schreibenden, so eingeordnet und etikettiert zu werden?

Ich glaube, aufs Schreiben selbst hat das keine Auswirkung. Aber es ist so, dass bis heute Autorinnen und Autoren zum Teil das Gefühl haben, dass sie als Ostdeutsche eingeladen werden, wenn sie zu Foren kommen. Sie müssen die Position des Ostens vertreten. Das erwartet niemand von einem westdeutschen Autor.

Wenn jetzt die Favoriten für den Preis der Leipziger Buchmesse bekannt geworden sind, wird niemand sagen, die westdeutsche Anja Kampmann ist dabei. Aber es gibt immer den ostdeutschen Ingo Schulze oder den ostdeutschen Clemens Meyer.

Wenn jetzt die Favoriten für den Preis der Leipziger Buchmesse bekannt geworden sind, wird niemand sagen, die westdeutsche Anja Kampmann ist dabei. Aber es gibt immer den ostdeutschen Ingo Schulze oder den ostdeutschen Clemens Meyer.

Cornelia GeisslerHerausgeberin des Buchs "Der Westen. Eine Ostdeutsche Empfindung"

Sie sind in einer Position, die manche eben selbstbewusst benutzen. Annett Gröschner hat mal gesagt: Aus dem ostdeutschen Klotz am Bein habe ich mir einen schönen Fuß geschnitzt. Und andere sehen es auch als Belastung, so kategorisiert zu werden.

Cornelia Geissler beklagt, dass "ostdeutsche" Autorinnen häufig als solche gekennzeichnet würden – "westdeutsche" nicht.Bildrechte: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Kann Literatur dazu beitragen, Ost und West einander näher zu bringen? Oder ist das zu idealistisch und tollkühn gedacht?

Ich führe die Riege der Tollkühnen und Idealisten an. Literatur kann alles. Wenn es Literatur nicht gäbe, wüsste ich gar nicht, wie wir überhaupt zusammenkommen sollten. Keine der Künste kann so viel Empathie und Verständnis erreichen und zu Rollenwechseln befähigen wie die Literatur. Und dieses Buch und überhaupt die Literatur kann zum Verständnis beitragen.

Wenn ich Uwe Johnsons "Jahrestage" nicht gelesen hätte, wüsste ich gar nicht, wo ich stände. Über den Westen weiß ich durch Katja Lange-Müllers "Böse Schafe" Bescheid, über die Nachkriegszeit durch Thomas Hettches "Herzfaden" oder Ursula Krechels "Landgericht".

Literatur ist das, was uns verbindet und was einlädt, die Welt zu verstehen, einander zu verstehen – und auch Landesteile.

Cornelia GeisslerHerausgeberin des Buchs "Der Westen. Eine Ostdeutsche Empfindung"

Und über den Osten sind die Westler unterrichtet worden, über die Gefühlslagen im Osten durch Wolfgang Hilbig oder Brigitte Reimann, Christa Wolf und heute durch Lukas Rietzschel und Domenico Müllensiefen. Literatur ist das, was uns verbindet und was einlädt, die Welt zu verstehen, einander zu verstehen und auch Landesteile.

Autorinnen aus der DDR wie Christa Wolf wurden auch im Westen gelesen.Bildrechte: picture-alliance / ZB | Wolfgang Kluge

Weitere Informationen zum Buch

Cornelia Geißler (Herausgeberin): "Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung"

Mit Texten von Katja Lange-Müller, Thomas Brussig, Julia Franck, Jakob Hein, Anke Feuchtenberger, Aron Boks, Susanne Schädlich u.a.

Verlag: 
Kanon, 2026

Seiten: 
176, gebunden

Preis: 
22,00 Euro, E-Book 16,99 Euro

Das Interview für MDR KULTUR führte Thomas Bille. Es wurde zur besseren Lesbarkeit gekürzt und redaktionell bearbeitet. (vp)

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke