Blütenschmuck für eine Schamanin: Neue Funde aus dem Grab von Bad Dürrenberg
Wer war die Schamanin von Bad Dürrenberg? Noch heute finden Forschende immer neue Details über die etwa 30- bis 40‑jährige Frau, die dort vor tausenden Jahren beigesetzt wurde, in ihren Armen ein sechs Monate altes Kind. Ein aufwendiger Kopfschmuck aus Rehgeweihen und zahlreiche Tierzähne deuten darauf hin, dass sie in ihrer Gemeinschaft eine besondere spirituelle Rolle spielte – als eine Art Heilerin oder Ritualspezialistin, was wir heute Schamanin nennen.
Ein außergewöhnliches Grab aus der Mittelsteinzeit
Entdeckt wurde das Grab bereits 1934 – zufällig bei Kanalarbeiten und unter erheblichem Zeitdruck. Das Inventar musste in wenigen Stunden geborgen werden. Erst 90 Jahre später wird der komplette Gencode entschlüsselt. Was die Archäogenetiker entdecken: Das reichste Grab der Mittleren Steinzeit, das je in Europa gefunden wurde, gehörte einer Frau.
Jahrzehntelang blieb unklar, ob sich im Boden noch weitere Spuren erhalten hatten. Erst bei erneuten Ausgrabungen ab 2019, im Vorfeld der Landesgartenschau, gelang es, die ursprüngliche Fundstelle zu lokalisieren. Reste der Grabgrube, durchsetzt mit rötlichem Ocker, waren damals unangetastet geblieben. Sie wurden als Block geborgen und im Labor mit modernen Methoden untersucht.
Pollenanalyse zeigt Hinweise auf farbenprächtige Pflanzen
Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse der Pollenuntersuchungen, die die Analytikerin Elisabeth Endtmann vom Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt durchgeführt hat. Unter dem Mikroskop fanden sich zwar nur wenige, aber eindeutig bestimmbare Pollen von Blütenpflanzen – vor allem im Kopfbereich der Verstorbenen.
Die im Grab in Bad Dürrenberg gefundenen Pollen: A Fichte, B-C Kiefer, D Grünalge, wohl an Federn von Wasservögeln anhaftend, E Birke, F Korbblüter, G-H Königskerze, i Gänsefußgewächse, J-L umgelagerte Pollen- und Sporen verschiedener Typen.Bildrechte: Elisabeth Endtmann/Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt Nachgewiesen wurden unter anderem Mädesüß, Königskerze, Hahnenfuß, Teufelsabbiss und Scabiosa-Arten. Die Pflanzen blühen in kräftigen Farben – von Gelb über Rosa bis hin zu Violett und Blau. Ob die Blüten bewusst als Grabbeigabe niedergelegt wurden oder ob sich Pollen schon zu Lebzeiten der Schamanin im Haar verfangen hatten, bleibt offen. Beide Szenarien sind möglich. Die geringe Anzahl der Pollen lässt keine endgültige Interpretation zu, deutet aber auf eine rituelle Nutzung von Pflanzen hin. "Abschließende Gewissheit wird es aufgrund der geringen Anzahl von Pollenfunden leider nicht geben", erklärt Elisabeth Endtmann.
Kannte die Schamanin die Wirkung der Pflanzen?
Viele der jetzt identifizierten Arten werden bis heute in der Volksmedizin genutzt. Birkenblätter gelten als harntreibend, Faulbaumrinde wirkt abführend, Hopfen beruhigt, und Frauenmantel wird traditionell gegen Wunden und Schmerzen eingesetzt. Ob der Schamanin entsprechende Wirkungen bewusst waren, ist unklar. "Doch gibt es zahlreiche ethnographische Beispiele dafür, dass Schamanen Heilpflanzen einsetzen und Jäger und Sammler, die von und im Einklang mit ihrer Umwelt leben, verfügen häufig über solches Wissen", so Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller zu den Funden.
Möglicher Bestattungszeitpunkt im Juli
Aus den Blühzeiten der nachgewiesenen Pflanzen lässt sich vorsichtig der Zeitraum der Bestattung eingrenzen. Die größten Überschneidungen ergeben sich für den Juli. Zudem wurden im Grab Grünalgen entdeckt, die wahrscheinlich an Federn von Wasservögeln hafteten – ein weiterer Hinweis auf das rituelle Umfeld der Bestattung.
Aktuelle Forschungsergebnisse und große Ausstellung
Die Untersuchungen der zurückliegenden Jahre haben das Bild der Schamanin von Bad Dürrenberg erheblich erweitert. Neben der Pollenanalyse lieferten moderne naturwissenschaftliche Methoden zahlreiche neue Erkenntnisse zu Grabgestaltung, Ausstattung und Umweltbedingungen. So hatten mikroskopische Untersuchungen von Spuren aus dem Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg erst im vergangenen Jahr Fragmente von Federn ans Tageslicht gebracht. Viele dieser Ergebnisse werden ab dem 27. März 2026 in einer großen Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) präsentiert.
Neues Leben nach der Eiszeit
Unter dem Titel "Die Schamanin" widmet sich die Schau sowohl der außergewöhnlichen Bestattung als auch dem Phänomen des Schamanismus in der Urgeschichte. Darüber hinaus beleuchtet sie die Mittelsteinzeit als eine Phase grundlegender kultureller Veränderungen – geprägt vom Ende der Eiszeit und dem Übergang zu neuen Lebensweisen. Auf 900 Quadratmetern werden Exponate aus internationalen Sammlungen gezeigt, darunter Leihgaben aus Israel, Skandinavien, England, Italien und Spanien.
Die Ausstellung soll ein umfassendes Bild der damaligen Lebenswelt zeichnen und deutlich machen, welche Rolle spirituelle Vorstellungen bereits in frühen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften gespielt haben.
gp/pm/cp
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