• Das Insolvenzverfahren beim Leipziger Start-Up Unister läuft seit 2016.
  • Dabei offenbarten sich auch die internen Probleme des Unternehmens.
  • Insolvenzverwalter Lucas Flöther glaubt, dass sich aus dem Fall einiges lernen lässt.

Seit fast zehn Jahren läuft das Insolvenzverfahren bei Unister. Das in Leipzig von Studenten gegründete Unternehmen erlebte mit Plattformen wie "ab-in-den-urlaub.de" und "fluege.de" in den 2000er- und 2010er-Jahren einen rasanten Aufstieg, geriet aber vor dem Tod von Geschäftsführer Thomas Wagner zunehmend in die Kritik.

Für Rechtsanwalt Lucas Flöther, der das Insolvenzverfahren seit 2016 leitet, ist es trotz seiner langjährigen Erfahrung ein besonderer Fall. Mit dem Tod von Wagner sei Unister "plötzlich der Kopf weggebrochen". Intern sei vieles auf den Geschäftsführer zugeschnitten gewesen und viel Wissen "unwiederbringlich verschwunden". Dadurch war es Flöther zufolge schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen.

Thomas Wagner gründete Unister 2002 als BWL-Student in Leipzig.Bildrechte: picture alliance / Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa | Jan Woitas

Insgesamt 26 Insolvenzverfahren bei Unister

Hinzu kommt, dass zu Unister viele Gesellschaften gehören, die insolvenzrechtlich einzeln betrachtet werden müssen. Es gibt also nicht nur ein Insolvenzverfahren bei Unister, sondern viele einzelne.

Das erklärt auch, dass das Insolvenzverfahren seit 2016 andauert. Flöther geht davon aus, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis das letzte Verfahren abgeschlossen ist. Eine genaue Schätzung will er nicht abgeben, weil es zu viele Faktoren gibt, die nicht planbar sind – wie zum Beispiel noch laufende Gerichtsverfahren.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther leitet seit 2016 das Insolvenzverfahren bei Unister.Bildrechte: Flöther & Wissing

"Der Schritt zwischen Abgabe meines Schlussberichts, bis zur Aufhebung des Verfahrens können auch noch mal zwei Jahre sein." Ein Insolvenzverfahren endet erst, wenn es durch ein Gericht aufhoben wird und das Geld an die Gläubiger verteilt wurde.

Stichwort: Gläubiger

Ein Gläubiger ist jemand, dem aufgrund eines Vertrags, einer Rechnung oder eines gesetzlichen Anspruchs eine Leistung oder Zahlung eines Schuldners zusteht. Gläubiger haben das Recht, an einem Insolvenzverfahren teilzunehmen. Bei größeren Verfahren wie bei Unister gibt es auch einen Gläubigerausschuss, der den Insolvenzverwalter bei seinen Schritten begleitet.

Bisher drei abgeschlossene Insolvenzverfahren

Von insgesamt 26 Unister-Verfahren liegt bei acht ein Schlussbericht vor, drei Verfahren wurden bereits aufgehoben. Das betrifft die CS24-Call Support GmbH, Aircall-Reiseservice GmbH und die "Preisvergleich.de" Berlin AG.

Nach Angaben von Flöthers Kanzlei soll in acht weiteren Insolvenzverfahren zeitnah ein Schlussbericht eingereicht werden.

Bei der Unister-Gesellschaft "preisvergleich.de" konnte das Insolvenzverfahren schon abgeschlossen werden.Bildrechte: picture alliance / Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa | Jan Woitas

Chaotische Führung und schwache Strukturen

Zu Beginn des Insolvenzverfahrens 2016 offenbarten sich schnell interne Probleme bei Unister. Flöther zufolge wurden die Gesellschaften "ziemlich chaotisch" geführt, wodurch anfangs gar nicht klar war, wem welche Gesellschaft gehört und welche Umsätze sie erzielen.

Er vermutet, dass die Strukturen des Unternehmens durch das schnelle Wachstum den veränderten Bedingungen nicht standhalten konnten – oder mit anderen Worten: Die Strukturen eines Start-Ups passten nicht mehr zu einem millionenschweren Reisekonzern.

Was auch fehlte, war eine sogenannte Liquiditätsplanung, die einen Überblick über die voraussichtliche Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens bietet. Sie bezieht sich meist auf einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren. Ohne sie musste Flöthers Team "alles von null aufsetzen". Das sei "ziemlich schwierig" gewesen.

Kunden sind Marken trotz Insolvenz treu geblieben

Flöther sagt, schon nach den ersten Tagen sei klar gewesen, dass man den Betrieb trotz der bestehenden Risiken teilweise aufrechterhalten könne und die Chance habe, Käufer für große Teile des Konzerns zu finden und die Mitarbeiter zu halten.

Typisch für eine Insolvenz ist dem Rechtsanwalt zufolge, dass man nicht aus den Vollen schöpfen kann und unter dem finanziellen, aber vor allem auch zeitlichen Druck steht, schnell einen Käufer zu finden.

Bei Unister seien die Marken aber so stark gewesen, dass es nicht zum befürchteten Einbruch bei den Buchungszahlen gekommen sei. "Die Kunden sind den Portalen weitgehend treu geblieben." Dadurch konnte Flöthers Kanzlei das Unternehmen stabilisieren und hatte Zeit, Käufer zu finden.

Verkauf von "Ab-in-den-Urlaub.de" und "Fluege.de"

Die bekanntesten Unister-Plattformen "ab-in-den-urlaub.de" und "fluege.de" konnten bereits verkauft werden. Die Insolvenzverfahren enden dadurch aber nicht automatisch.

Unister war mit "ab-in-den-urlaub.de" und "fluege.de" besonders erfolgreich.Bildrechte: IMAGO / Rüdiger Wölk

Es sei zwar ein Schritt Richtung Verfahrensabschluss, trotzdem müssten aber beispielsweise Insolvenzgeldbescheinigung für die Mitarbeiter erstellt, Forderungen eingezogen und Jahresabschlüsse gemacht werden.

Lehren aus dem Fall Unister

Aus dem Fall Unister lassen sich aus Flöthers Sicht zwei Dinge lernen. "Erstens, dass man als Unternehmer immer eine Lösung parat hat, was passiert, wenn der Chef nicht da ist, also dass man Strukturen schafft, dass das Unternehmen zumindest vorübergehend auch autark handlungsfähig ist". 

Außerdem glaubt Flöther, dass einem Geschäftsführer wie Thomas Wagner auch ein "unabhängiger Sparringspartner" geholfen hätte, "der ihm an der ein oder anderen Stelle gesagt hätte: Das würde ich jetzt so nicht machen, überleg dir noch mal, ob das sinnvoll ist". Das Tragische sei, dass so ein Partner vielleicht nicht nur die Insolvenz, sondern auch Wagners Tod verhindern hätte können.

Wagner habe offenbar keine Berater gehabt, denen er uneingeschränkt vertraut habe. "Er dachte irgendwie immer, da wird er irgendwie betrogen – So habe ich es mir aber auch nur schildern lassen. Er hat dann weiter gepokert, sich damit eigentlich – wenn man ehrlich ist – verzockt und dafür letztlich sogar mit dem Leben bezahlt." 

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