• Eine große Mehrheit findet strengere Sanktionen in der Grundsicherung richtig.
  • Grundsicherung: Mehr Gerechtigkeit durch neue Regeln sieht weniger als die Hälfte der Befragten.
  • Viel Zuspruch für Vorschlag: Menschen mit Grundsicherung sollen gemeinnützig arbeiten.

Auf das Bürgergeld folgt im Sommer die Grundsicherung. Aber nicht nur der Name wird geändert. Auf die etwa 5,5 Millionen Leistungsbezieher kommen strengere Regeln zu. Die Reform der schwarz-roten Koalition sieht unter anderem vor: Wer die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter verweigert, muss deutlich stärkere Kürzungen hinnehmen als bisher. Die aktuelle MDRfragt-Umfrage zeigt: 79 Prozent der mehr als 22.000 Teilnehmenden aus Mitteldeutschland halten solche strengeren Sanktionen in der neuen Grundsicherung für richtig, um Menschen in Arbeit zu bringen.

Eine geplante Regel für die neue Grundsicherung lautet: Wer arbeiten könnte und sich trotz drei Aufforderungen nicht beim Jobcenter meldet, soll gar kein Geld mehr bekommen. 82 Prozent der Befragten halten diese Härte in der geplanten Grundsicherung für angemessen. Außerdem sollen Mütter und Väter nach Geburt schneller als bisher wieder nach Arbeit suchen müssen: 70 Prozent der MDRfragt-Teilnehmenden halten diese Regel für angemessen. Und noch eine neue Härte in der Grundsicherung war Thema in unserer Umfrage: 74 Prozent befürworten die geplante Obergrenze für Mietzahlungen.


Die Ergebnisse der Befragung zeigen auch, dass die Reform trotz breiter Zustimmung zu strengeren Sanktionen nicht automatisch mit einem Gerechtigkeitsempfinden verknüpft wird. Für weniger als die Hälfte der Befragten (41 Prozent) sorgen die im Gesetz zur Grundsicherung angedachten Regeln für mehr Gerechtigkeit im Sozialstaat. Etwas mehr Befragte (49 Prozent) finden dagegen nicht, dass die geplante Grundsicherung für Gerechtigkeit sorgen.

Der Bundestag hatte Anfang März das Gesetz zur Grundsicherung beschlossen. Im Bundesrat ist es nicht zustimmungspflichtig. Das Gesetz soll nun schrittweise ab 1. Juli 2026 in Kraft treten. Einige Oppositionsparteien und Sozialverbände warnen, dass vor allem Familien dadurch schneller in Armut abrutschen könnten. Das Bürgergeld war 2023 von der Ampelkoalition eingeführt worden. Mit der damaligen Reform wollte die SPD die Hartz-IV-Debatten hinter sich lassen.

Ein Drittel der Befragten hält aktuelle Bürgergeld-Höhe für angemessen

Aktuell ist es so: Eine alleinstehende Person erhält als Regelsatz 563 Euro Bürgergeld pro Monat. Wenn mehrere Berechtigte zusammenleben, bekommt jede erwachsene Person etwas weniger als jemand, der allein lebt. Das MDRfragt-Stimmungsbild zur Regelsatz-Höhe ist geteilt: Ein Drittel der Befragten hält Bürgergeld für angemessen, ein weiteres Drittel hält die staatliche Unterstützung für zu hoch. 15 Prozent meinen, das Bürgergeld sei zu niedrig angesetzt.

Im Langzeitvergleich zeigt sich: Der Anteil der Befragten, die das Bürgergeld für zu hoch halten, ist stark gesunken im Vergleich zu den MDRfragt-Umfragen 2024 und 2023. In den Kommentaren zu unserer aktuellen Befragung begründen Befragte ihre Haltung.

Große Mehrheit für härtere Sanktionen, damit mehr Menschen arbeiten statt Sozialleistungen zu beziehen

Auch mit Blick auf die aktuell noch geltenden Regeln halten 70 Prozent der Teilnehmenden härtere Sanktionen für den richtigen Weg: Aus ihrer Sicht würden dann mehr Menschen als bisher arbeiten statt Sozialleistungen zu beziehen. Dabei könnten nach Ansicht der MDRfragt-Community noch weitere Maßnahmen helfen: Vergleichsweise viel Zuspruch findet auch die Idee, die Leistungen nur für einen bestimmten Zeitraum zu zahlen (52 Prozent). Zustimmung für eine verbesserte Anerkennung von ausländischen Ausbildungsabschlüssen gibt es von 49 Prozent der Befragten.

Hinweis: Bei dieser Fragestellung gab es weitere Auswahlmöglichkeiten, die jedoch weniger Zustimmung fanden. Die Ergebnisse im Detail finden Sie hier zum Download.

Viele MDRfragt-Mitglieder befürworten Arbeitspflicht für Grundsicherungs-Empfänger

In der aktuellen Debatte um Gegenleistungen für den Erhalt der neuen Grundsicherung hat Sachsen-Anhalts Ministerpräsident und CDU-Chef Sven Schulze vorgeschlagen, Leistungsbeziehende zu gemeinnütziger Arbeit zu verpflichten. Da Zwangsarbeit in Deutschland verboten ist, müsste eine solche Tätigkeit vergütet oder ausgeglichen werden. Kritiker bewerten den Vorschlag daher als teure Symbolpolitik. In der MDRfragt-Befragung unterstützen jedoch 83 Prozent der Teilnehmenden grundsätzlich eine solche Arbeitspflicht für Menschen in der Grundsicherung.

In einem Kommentar zu diesem Thema erinnert MDRfragt-Teilnehmerin Anna (43 Jahre) aus dem Landkreis Zwickau an die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Nachwendezeit. Damals bekamen Arbeitslose Tätigkeiten vermittelt, deren Lohn vom Staat bezuschusst wurde. "Dadurch", so schreibt es Anna, "sind viele öffentliche Plätze , Parks etc. verschönert worden. (...) Auch viele Wanderwege im Wald wurden naturnah befestigt, wofür sonst kein Geld da gewesen wäre. (...) Für die Betroffenen war es vielleicht nicht ganz so schön, aber ich denke, es erhöht die Motivation, auch leichtere normale Arbeiten anzunehmen."

Dieses Argument für eine Arbeitspflicht überzeugt auch Lydia (30 Jahre) aus Erfurt: "Auch wenn ich Sanktionen sehr kritisch gegenüberstehe, könnte diese Maßnahme den Menschen helfen, durch die Arbeit neue Selbstwirksamkeit zu erfahren und eine Struktur in den Alltag zu bekommen. Gerade im sozialen Bereich, wo den Pflegekräften die Zeit für Gespräche etc. fehlt, wären diese Menschen zudem sehr hilfreich."

Irmgard (65 Jahre) aus Magdeburg hat selbst gute Erfahrungen mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gemacht: "Ich hatte auch einen Ein-Euro-Job. Und (...) ich bin durch diesen Ein-Euro-Job in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis gekommen. Aber", so Irmgard weiter, "dieses 'Wunder', durch so ein prekäres Arbeitsverhältnis in Lohn und Brot zu kommen, ist nicht selbstverständlich. Durch diese 'gemeinnützige Zwangsarbeit' ist Alters- und Kinderarmut vorprogrammiert!"

Das Armutsrisiko im Bürgergeld kennt Heike (65 Jahre) aus dem Landkreis Stendal aus eigener Erfahrung: "Ich selbst hatte auch Hartz IV und eine schulpflichtige Tochter und ich wusste manchmal nicht, wie es weitergehen sollte. (...) Mein Mann hatte sieben Jahre hintereinander einen Ein-Euro-Job, weil er keine andere Arbeit mehr gefunden hatte und arbeiten wollte. (...) Aber es ist unmöglich jemanden zur Arbeit zwingen zu wollen."

Vor diesem Hintergrund glauben einige Teilnehmer, dass eine Arbeitspflicht Grundsicheruns-Empfängern mehr schaden als nützen würde, so wie Moritz (21) aus dem Landkreis Leipzig, der sagt: "Warum sollte man sie in fast unbezahlte Berufe drängen, statt sie in Berufe mit Perspektive zu vermitteln?"

Über diese Befragung

An der Befragung „Grundsicherung statt Bürgergeld – wird es dadurch gerechter?“ vom 27. Februar bis zum 02. März 2026 haben 22.081 Menschen teilgenommen.

Bei MDRfragt können alle mitmachen, die mindestens 16 Jahre alt sind und in Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt wohnen. Unser Ziel ist es, die Vielfalt der Argumente sichtbar zu machen. Die Kommentare der Teilnehmenden helfen uns, die Gründe für unterschiedliche Positionen und das gesamte Meinungsspektrum abzubilden.

Wir ziehen keine Stichprobe, sondern laden alle Interessierten ein, ihre Meinung einzubringen. Deshalb sind die Ergebnisse streng genommen nicht repräsentativ. Aber: An den Befragungen beteiligen sich jeweils zehntausende Menschen aus den drei Bundesländern. MDRfragt wird zudem wissenschaftlich begleitet und überprüft. Die Ergebnisse werden nach bewährten Methoden gewichtet – anhand soziodemografischer Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildungsgrad – und so an die tatsächliche Bevölkerungsverteilung in Mitteldeutschland angepasst. Dadurch sind die Ergebnisse aussagekräftig für die Stimmung im Sendegebiet. Durch Rundungen ergeben die Prozentwerte bei einzelnen Fragen nicht immer exakt 100.

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