• Stadtverwaltung aktiv gegen Denkmalschutz, hält Gutachten "geheim".
  • Schnelle Entscheidung mit "Blindheit auf dem zeitgeschichtlichen Auge"
  • Aktuell: Die Ex-Stasi-Zentrale verwahrlost und Brände häufen sich.

Von Westen her gehe ich in die Innenstadt von Leipzig gern über das alte Gelände von Ex-DDR-Staatssicherheit und Volkspolizei auf dem vormaligen Matthäikirchhof – auch weil es sich für mich als Ex-DDR-Bürger noch immer gut anfühlt, hier jetzt einfach so durchgehen zu können. Bis 1989 war alles hermetisch abgeriegelt. Nur nur wer hier gearbeitet hat, wollte hier rein.

Das Areal der früheren Leipziger Stasi-Zentrale heute: Die "Runde Ecke" – dahinter die Bauten der 1980er-Jahre.Bildrechte: MDR/SW-Film

Heute, Jahrzehnte später, verkommt der Komplex und das Rathaus sieht zu, denn die Stadt will fast alles abreißen. Stadtplanerisch hat sie das Areal schon planiert – erst für ein Transformationszentrum des Bundes, für das der Zuschlag jedoch an Halle ging. Dafür soll Leipzig ein "Kultur- und Begegnungszentrum" bekommen, einen Neubau für das Stasi-Archiv und Wohnraum, auch sozialen, in der City.

Mitte Dezember 2025 hat der Stadtrat nun dem weiteren Plan der Verwaltung für das Gelände zugestimmt. Dabei ist auch vorgesehen, Teilstücke mit zusammen 1.200 Quadratmetern zu verkaufen.

Probleme mit der "Runden Ecke"

Dabei wäre vielleicht jetzt die letzte Gelegenheit, das alles noch einmal zu überdenken – auch wenn in einem städtebaulichen Wettbewerb ein Entwurf das Nachsehen hatte, der den Erhalt des ganzen Gebäude-Komplexes vorsah. Der 2023 entschiedene Wettbewerb allerdings wäre mit Denkmalschutz im Pflichtenheft wohl anders verlaufen.

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Podcast | MDR INVESTIGATIV | März 2025Streit um das Leipziger Stasi-Museum

Streit um Stasi-Museum

Um die "Runde Ecke" gibt es Streit – auch mit ihrem Leiter Tobias Hollitzer.

MDR AKTUELLFr21.03.202509:01Uhr33:44 min

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Doch Denkmalschützer äußerten sich dazu kaum öffentlich oder gar nicht, eine breitere Diskussion kam nie recht in Gang. Das mag hier auch daran liegen, dass ein ganz vehementer Verfechter der Denkmal-Idee, der Leiter des Stasi-Museums "Runde Ecke" Tobias Hollitzer, der in Leipzig durchaus umstritten ist.

Dazu kommen Zweifel, dass die heutigen Betreiber der "Runden Ecke" in der Lage wären, auch nur dem bisherigen Museum ein neues, zeitgemäßes Konzept zu verpassen. Die Stadt hat deshalb inzwischen ihre Förderung ganz gestrichen, und eine Empfehlung für die ungleich größere Anlage des ganzen originalen Stasi-Komplexes ist das natürlich auch nicht.

Denkmalschutz-Expertise "geheim"

Es gibt aber noch einen Grund, warum die Anlage nicht erhalten wird und warum es auch keinen Denkmalschutz dafür gibt – weil die Stadt das nicht wollte und öffentliche Debatten darüber durchaus erfolgreich deckelte.

So hält das Rathaus etwa ein Gutachten dazu zurück, das 2020 von Ex-Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau und dem bei der Stadt bediensteten Leiter des Leipziger Denkmalamts, Klaus Jestaedt, angeregt worden war. Auch auf Anfrage von MDR AKTUELL wurde es bisher nicht herausgegeben.

Trotzdem liegt es der Redaktion vor; und seine Autorinnen, Tanja Scheffler und Susann Buttolo, warnten vor der "leichtfertigen Beseitigung der aktuellen, teilweise noch sehr authentisch überlieferten DDR-Bausubstanz".

Hier wurde (...) in großen Teilen des Gebäudes noch die authentische Atmosphäre der DDR-Zeit konserviert.

Scheffler/Buttolo: Bauhistorisches Gutachten Matthäikirchhof

Denn der Ort sei eben "besonders gut" geeignet, "die gesellschaftlichen Veränderungen und Transformationsprozesse der neueren Stadtgeschichte zu veranschaulichen", heißt es. Hier sei "authentische Atmosphäre der DDR-Zeit konserviert", mit Wand- und Deckenverkleidungen, bis zu Fußböden und Gardinen. Und obwohl die Stasi den Komplex kaum fünf Jahre nutzte, habe er "aufgrund der aufsehenerregenden Erstürmung und Besetzung des Geländes am 4. Dezember 1989" eine doch "sehr hohe zeitgeschichtliche Bedeutung".

Der Innenhof der "Stasi-Burg" im Februar 2026: Blick auf die Rückseite der früheren Volkspolizei-ZentraleBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK, Kristian Schulze

Und zu dieser gehört demnach auch das mit dem Komplex einst geplante und umgesetzte "politisch-operative Zusammenwirken" von DDR-Geheimdienst und "Volkspolizei".

Durchgänge, deren Fehlen die Stadt gegen die burgartig geschlossene Anlage vorgebracht hatte, "wären sicherlich möglich", hatten die Expertinnen in ihrer Expertise erklärt. Sie "sollten daher zumindest vor einer endgültigen Entscheidung genauer geprüft werden".

Das Gutachten lag Ende 2021 vor – doch entschieden wurde nur sechs Wochen später, offensichtlich ohne weitere Prüfung.

Denkmalschutz erfolgreich abgeräumt

Für Entscheidungen über Denkmalschutz sind in Deutschland die Länder zuständig und nicht die Kommunen. Darum hatte sich der seit Mitte 2020 neue Baubürgermeister in Leipzig, Thomas Dienberg, recht schnell nach der Vorlage des Gutachtens auch selbst an das Landesamt für Denkmalpflege gewandt, nicht etwa Leipzigs Chef-Denkmalschützer Klaus Jestaedt.

Leipzigs Baubürgermeister Thomas Dienberg (Grüne)Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So schrieb Dienberg an Alf Furkert, den Leiter des Landesamts in Dresden, im Februar 2022: "Man kann viele Punkte aus diesem Gutachten zur historischen Bedeutung der Gebäude teilen". Die "Einschätzung der Stadt Leipzig" zur städtebaulichen Situation heute unterscheide sich jedoch "zum Teil erheblich" davon.

Und nur um die ging es dem bauwilligen Bürgermeister. Denn "anders als im Gutachten", füge sich der Komplex "nicht schlüssig in die umgebene Bebauung und den Stadtorganismus". Auch im Gutachten werde die Anlage ja als "nutzungsbedingt hermetisch abgeriegelt" beschrieben.

Laut dem Schreiben von Dienberg war in Leipzig auch "die Mehrheit der befragten BürgerInnen einig, dass der Gebäudekomplex der 1980er-Jahre in seiner Memorialqualität nur in einem Teilbereich erhalten bleiben sollte". Hier ist der Teil gemeint, in dem nach 1990 zeitweise auch das Arbeitsamt war.

Explizit argumentierte Dienberg dagegen, dass nur "jene historische Schicht konserviert wird, die am wenigsten mit der Leipziger Stadtgesellschaft und am meisten mit der Landnahme der Staatssicherheit" zu tun habe. Was hier von älteren Schichten noch konservierbar wäre, blieb dabei aber völlig unklar.

Doch Dienberg und Furkert telefonierten auch. Das legt die schriftliche Antwort von Furkert nahe, die MDR AKTUELL ebenfalls vorliegt. Und die kam flott: Nur etwa sechs Wochen nach Vorlage des Gutachtens und vier Tage nach Eingang des Schreibens von Dienberg in Dresden teilte der Leiter des Landesamts mit, dass die Gebäude nicht unter Denkmalschutz kommen.

"Blindheit auf dem zeitgeschichtlichen Auge"

Eine Auseinandersetzung mit dem zeitgeschichtlichen Aspekt fand im Landesamt anscheinend nicht statt. Man habe sich da "ausschließlich mit baugeschichtlichen Fragestellungen" befasst, sagt uns ein Insider, der nicht genannt werden will. Dabei ist Furkert auch da dem Gutachten nicht gefolgt. Auf MDR-Anfrage dazu schrieb er jetzt, der Komplex erfülle architektonisch Denkmalschutz-Kriterien nicht, da er "keine einzigartige, unverwechselbare oder markante Formensprache" zeige, was etwa der Künstler Jürgen Meier ganz anders sieht und dazu auch auf "Kunst am Bau" verweist.

"Darüber hinaus", schrieb uns Furkert auch, "weisen nur unwesentliche Elemente des Bauwerks auf die spezifische Nutzung als Polizeigebäude und Verwaltungsgebäude des MfS aus der Zeit der DDR hin". Jürgen Meier spricht dagegen von einer "Repräsentationsarchitektur der Repression".

Und zur der Frage, ob die Entscheidung gegen Denkmalschutz denn nicht recht schnell fiel, erklärte Furkert: In einer "angemessenen Zeitspanne" sei "eine eingehende Prüfung und denkmalpflegerisch-historische Bewertung vorgenommen" worden. Genauer führte das Furkert nicht aus.

Stasi-Besetzung: Demonstranten am 11. Dezember 1989 Bildrechte: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Udo Weitz

Unter vorgehaltener Hand sprechen Denkmalschützer von einer "eklatanten denkmalfachlichen Fehlentscheidung", bei der "ästhetisch-emotionale Vorbehalte gegen die Architektur der Ostmoderne zu Blindheit auf dem zeitgeschichtlichen Auge" führten. Denn es gebe Denkmalpfleger, die DDR-Architektur nur als Symbol der Zerstörung wertvollerer Bauten sehen, etwa der historischen Altstädte.

Dazu passt, dass der Gründerzeit-Bau für die Feuerversicherung von 1913, in dem heute das Stasi-Museum ist, natürlich unter Denkmalschutz steht – Architektur, für die es in Leipzig viele Beispiele gibt. Die Stasi nutzte tatsächlich auch dieses Gebäude. Sein eigenes Denkmal jedoch hat sich "Horch & Guck" eigentlich daneben und dahinter gebaut.

Fragwürdig erscheint auch, warum Sachsens Stasi-Aktenarchiv hier statt authentischer Gebäude einen Neubau bräuchte. In Magdeburg etwa lagern die Akten in öden DDR-Typenbauten des Ex-Stasi-Geländes am Kroatenweg, wenn auch fernab der Innenstadt. Auch in Halle steht ein solches Gebäude unter Denkmalschutz – und eigentlich nur weil es die Stasi-Zentrale war.

Diesen authentisch vorhandenen Ort sollte man nicht leichtfertig aufgeben.

Scheffler/Buttolo: Bauhistorisches Gutachten Matthäikirchhof

In ihrem Gutachten zum Leipziger Stasi-Gelände hatten die Autorinnen angemerkt: "Die lokalen Debatten über dieses Areal wurden in den letzten Jahren teilweise sehr polemisch ausgetragen." Sie meinten aber, Jahrzehnte nach der Wende sei die Zeit für einen "fachlich-fundierten Umgang mit der Geschichte" gekommen. Und ihre Empfehlung war: "Diesen zu großen Teilen noch authentisch vorhandenen Ort sollte man, gerade auch mit Blick auf die Rezeption dieser für die deutsche Geschichte wichtigen Ereignisse durch die nachfolgenden Generationen, nicht leichtfertig aufgeben."

Brandgeruch über dem Thema

Doch inzwischen sind die Gebäude und Bunker darunter verrammelt. Die Stadt hat alle Schlüssel. Auch die Leute vom Stasi-Museum dürfen nicht mehr hinein. Es gab Einbrüche und Vandalismus – Zeichen der Verwahrlosung – und kurz vor Weihnachten 2025 auch noch einen ersten Brand im Keller.

Das hat zwar am Mätthäikirchhof – Ironie der Geschichte – durchaus Tradition. Vor den Abrissen und Neubauten in der Gründerzeit galt das Quartier eher als Slum, denn als Teil der Leipziger Bürgertums. Das aber ist eine Zeitebene, an die heute niemand mehr anknüpfen möchte. Doch einen zweiten Brand gab es keine zwei Monate später, am 6. Februar, dieses Mal in einer der oberen Etagen. Und wieder bleibt die Brandursache unklar.

Ob unter diesen Umständen für informiertere, öffentlichere und offenere Debatten noch Zeit bleibt, ist fraglich. Die Stadt will und muss bald Klarheit schaffen. Die 40 Jahre alten Gebäude verkommen. Und ungeklärte Brände in Immobilien, die weg sollen, riechen natürlich immer besonders verdächtig.

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