Warum uns das Schicksal eines Wals so bewegt
MDR AKTUELL: Guten Morgen Frau Urner, haben Sie heute Morgen auch als Erstes geguckt, ob der Wal "Timmy" noch lebt?
Maren Urner: Nein, tatsächlich nicht. Ich glaube, ich bin jemand, der eher weniger in Anführungsstrichen anfällig für diese Geschichte ist.
Und woran liegt das, beziehungsweise woran liegt es, dass vielen anderen es anders geht?
Das, was uns Menschen hilft, Dinge zu verstehen, sind natürlich immer Geschichten. Unser Gehirn funktioniert vor allem über Geschichten. Und damit sind eben nicht nur die Blockbuster und Märchenerzählungen, die wir uns so aufschreiben und weitergeben, gemeint. Sondern eben auch die individuellen Geschichten, an denen wir unsere Nachrichten und unsere tagesaktuellen Ereignisse aufhängen. Und dieser Wal hilft vielen Menschen dann eine Nähe zu einem Thema zu finden – zum Beispiel die Biodiversitätskrise – die sonst erst mal sehr weit weg und sehr abstrakt ist.
Biodiversitätskrise, das bedeutet, dass viele Arten vom Aussterben bedroht sind. Dieses Konzentrieren auf ein Einzelschicksal, Frau Professor Urner, das ist ja möglicherweise auch einfach nur Ausdruck unserer Überforderung mit den vielen hochkomplexen Krisen und Kriegen, die wir gar nicht durchschauen.
Absolut, dieser Aspekt spielt da auf jeden Fall mit rein – weil natürlich das Schicksal eines Wals sehr viel leichter nachzuvollziehen ist. Also es gibt ein klares Ende, ein Anfang, es gibt stündliche Updates. Es ist völlig klar, wir verfolgen alle das gleiche Ziel, nämlich diesen Wal zu retten. Ich glaube, es gibt sehr, sehr wenige Menschen, die jetzt sagen, ich möchte, dass der stirbt.
Höchstens um ihn zu erlösen, oder?
Ja, höchstens genau das. Aber eben sozusagen das Ziel zu haben, dass es diesem Tier irgendwie gut geht. Und da geht es dann auch nicht so sehr darum, irgendwie komplexe Zusammenhänge zu verstehen oder gar Kompromisse zu schließen. Also das, was die vielen realen Probleme, die uns umgeben, ganz stark ausmachen und das ist immer anstrengend.
Ist denn damit zu rechnen, weil es jetzt schon eine Woche geht, dass bald auch eine Fatigue einsetzt, also eine Mitleidsfatigue, dass man sich gar nicht damit mehr beschäftigen muss. Zumal wenn der Ausgang wie aktuell eher schlecht aussieht.
Der in der Ostsee gestrandete Buckelwal liegt weiter in der Bucht vor Wismar.Bildrechte: picture alliance/dpa | Philip DulianJa, gar nicht so sehr die Mitleidsfatigue. Ich denke, dafür ist es noch zu frisch. Aber wahrscheinlich kommt die nächste Geschichte, die das Ganze dann ablöst. Sprich, in ein, zwei Monaten werden wir uns vielleicht noch grob an die Erzählungen dieses Wals erinnern. Aber dann kommt das nächste und das ist natürlich die Gefahr, an genau dieser tagesaktuellen Berichterstattung, nämlich dann eben zu vergessen welche Zusammenhänge stecken eigentlich dahinter. Und gleichzeitig und das ist mir ganz wichtig, besteht da aber auch eine Chance drin, nämlich zu sagen in der Berichterstattung und jetzt nicht nur von den medialen Vertreterinnen und Vertretern, sondern insgesamt, wir uns alle mal fragen können, was bedeutet das eigentlich gerade wirklich? Denn das Paradoxe ist, dass ja parallel, während wir mit diesem Wal mitfiebern, Wale getötet werden. Und wir alle, mehr oder weniger bewusst, aktiv dazu beitragen, dass der Lebensraum von diesen Tieren zerstört wird. Das ist ja, dass wenn wir uns das bewusst machen, was es schon wieder sehr viel komplexer macht. Und da eben einen Weg der Komplexität oder der Berichterstattung der Komplexität zu finden, der es uns dann trotzdem erlaubt, einen Zugang zu finden. Ich denke, das ist die Chance, die wir haben.
Das Gespräch führte Julia Kastein.
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