• Aufgrund der schrumpfenden Anzahl der Geburtskliniken müssen werdende Mütter teilweise weite Strecken zur Entbindung zurücklegen.
  • Die Geburtsklinik in Zeitz musste schließen. Ein Einzelfall ist das nicht – in Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der Entbindungsstationen seit 1991 halbiert.
  • Fachleute sehen die künstliche Erhaltung kleiner Geburtskliniken aber auch kritisch, da sonst bald die Routine fehle.

Zehn Babys, neun Mütter und ein Vater treffen sich heute in der Hebammenpraxis von Gabriele Knobloch. Sie haben es sich auf dicken roten Schaumstoffmatten gemütlich gemacht. Überall strampeln kleine Ärmchen und Beinchen, ein Baby spuckt auf einen Gymnastikball, die Mütter tauschen sich über Impfungen, Schlafzeiten, Babykleidung aus. Für die Entbindung mussten sie sich ins Umland verteilen.

Bis zu 40 Minuten Fahrtzeit zur nächsten Geburtsklinik

"Es ist halt schade, dass bei uns in Zeitz das Klinikum nicht mehr für Geburten ausgelegt ist, und deswegen wars ja für uns nun eine Aufgabe, ein anderes Klinikum zu suchen", erzählt Lisa, die ihre Tochter Lotta in Altenburg zur Welt gebracht hat. Dorthin sind es gut 20 Minuten Fahrt.

Birgit dagegen musste nach Borna 40 Minuten Fahrtzeit einplanen: "Ich hab dann aber auch scherzhaft gesagt: Wenn, dann müssen wir unbedingt nach Sachsen fahren, wenn‘s vorzeitig kommt, und dort einen Krankenwagen rufen, damit ich unbedingt nach Borna komme, weil ich wollte unbedingt dort hin."

Schließung der Geburtsstation in Zeitz kein Einzelfall

Andere Mütter in der Gruppe sind nach Jena, Merseburg oder Gera gefahren. Davor und danach wurden sie alle von Gabriele Knobloch betreut, die seit über 40 Jahren als Hebamme in Zeitz arbeitet.

Ich war auch die, die dann leider die Abteilung zugeschlossen hat. Ich hatte den letzten Dienst als Beleghebamme in unserem Klinikum. Es war für mich schockierend und traurig, ganz schlimm.

Gabriele Knobloch, Hebamme

In ihrem Berufsleben war die Schließung der Geburtsstation ein tiefer Einschnitt: "Ich war auch die, die dann leider die Abteilung zugeschlossen hat. Ich hatte den letzten Dienst als Beleghebamme in unserem Klinikum. Es war für mich schockierend und traurig, ganz schlimm. Und ich bin da auch erstmal ein bisschen krank geworden drüber. Aber jetzt hab ich mich stabilisiert und mache eben Vor- und Nachbetreuung."

Gabriele Knobloch bezeichnet es als Katastrophe, dass die Station geschlossen wurde. Und Zeitz ist nur ein Fall von vielen. In Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der Krankenhäuser mit Entbindungsstation seit 1991 halbiert, was in etwa dem bundesweiten Trend entspricht. Der "Deutsche LandFrauenverband" beobachtet, dass Frauen in immer mehr Regionen medizinisch unterversorgt seien.

Geburtenrückgang: Kleinen Geburtskliniken wird die Routine fehlen

Aber wie umgehen mit dem Problem? Der Verband fordert, dass Geburtsstationen und Kreißsäle im ländlichen Raum erhalten bleiben.

Professor Ekkehard Schleußner, der Direktor der Geburtsmedizin am Uniklinikum Jena, sagt dagegen: Das sei gar nicht im Interesse der werdenden Mütter. Denn auch die Zahl der Geburten sinke: "Dort, wo Geburtsklinik draufsteht, soll ja auch Geburtsklinik drin sein. Die Schwangeren müssen sich darauf verlassen können, auf die Erfahrung, die positive Routine und eben auch die Möglichkeit, Komplikationen, die immer auftreten können, vor, während und nach der Geburt, dann auch beherrschen zu können."

Dort, wo Geburtsklinik draufsteht, soll auch Geburtsklinik drin sein.

Ekkehard SchleußnerDirektor Geburtsmedizin, Uniklinikum Jena

Pilotprojekt: Geburtshilfe per Telemedizin

Das sei in einer Klinik, die vielleicht nur noch jeden zweiten Tag eine Geburt betreue, nur noch schwer vorzuhalten. Stattdessen müssten neue Strukturen aufgebaut werden. Das heißt auch: engere Netzwerke. In Thüringen werde beispielsweise seit diesem Jahr ausprobiert, wie die Telemedizin helfen kann: Geburtsstationen bekämen die Möglichkeit, erfahrene Fachleute zuzuschalten.

Ein Projekt, das aus ganz Deutschland genau beäugt werde, sagt Schleußner. Dass aber auch eine strukturierte Zentralisierung nicht ohne zusätzliches Personal funktioniert, ist auch ihm klar.

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